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Kinder im Unterricht.

© Boris Roessler/dpa

Tagesspiegel Plus

Probejahr an Berliner Gymnasien: Eine Belastung für die Grundschulen

Das Ausleseprivileg der Gymnasien verursacht bei Kindern Ängste und verfremdet die Arbeit der Grundschullehrkräfte. Ein Gastbeitrag zur Debatte um die Abschaffung des Probejahrs.

Von Ulla Widmer-Rockstroh

Den Ausführungen von Wilfried Seiring und Robert Giese in ihren Positionen zur Debatte um das Probejahr an Gymnasien, die hier in den vergangenen Wochen erschienen sind, stimme ich in vielem zu, vor allem: Haltung, Empathie und didaktische Fähigkeiten der Pädagog:innen sind für das Lernen der Kinder und Jugendlichen vorrangig bedeutsam. Meine Position ist aber: Auch die Schulform prägt Lernklima und Verhaltensweisen.

Der Anspruch des Gymnasiums, Schüler:innen als „geeignet“ auswählen zu können, ist demütigend für die Kinder, denen bescheinigt wird, zu „schlecht“ für das Gymnasium zu sein. Und die Schulen, an die diese Kinder verwiesen werden, erfahren durch das Ausleseprivileg der Gymnasien Abwertung. Kann eine Regierung, die sich der Chancengleichheit in der Bildung verpflichtet hat, diese Widersprüche noch zulassen?

Ulla Widmer-Rockstroh, Grundschullehrerin i.R., war Konrektorin der Uckermark-Grundschule in Schöneberg und Fachreferentin für Inklusion im Grundschulverband e.V.
Ulla Widmer-Rockstroh, Grundschullehrerin i.R., war Konrektorin der Uckermark-Grundschule in Schöneberg und Fachreferentin für Inklusion im Grundschulverband e.V.

© privat

Ich habe 40 Jahre lang als Grundschullehrerin gearbeitet, habe die erste integrative/inklusive Grundschule in Schöneberg in den 80er Jahren mit aufgebaut. Sechs Schuljahre ohne Auslese, binnendifferenzierender Unterricht orientiert an den Bedürfnissen und Lernmöglichkeiten der Kinder. Die Kinder haben mit- und voneinander viel gelernt, sozial und kognitiv, wissenschaftlich und fachlich bestätigt. Dann kam nach sechs gemeinsamen Jahren der Bruch durch den Wechsel in die Oberschulen, und die inklusiven Lerngemeinschaften wurden zerstört.

Dieser Auslese-Wechsel erfreut nahezu niemanden in den Grundschulen, belastet vielmehr. Er verursacht bei vielen Kindern Selbstzweifel und Versagensängste, Trauer wegen des drohenden Verlusts der Freund:innen und der Lernumgebung. Das alles wirkt oft blockierend für das Lernverhalten. Auch die Wahl der weiterführenden Schule verunsichert.

Die Auslese verändert zum Teil sogar die Haltung der Lehrkräfte, indem sie den „Eignungs“-Gedanken übernehmen.

Ulla Widmer-Rockstroh

Die Arbeit der Grundschulpädagog:innen wird durch den Wechsel und die abzugebenden Förderprognosen geradezu verfremdet. Das Lernen wird zunehmend bestimmt durch Noten, das Berechnen von Durchschnittszensuren, Leistungsvergleiche in den „Kernfächern“. Die Auslese verändert zum Teil sogar die Haltung der Lehrer:innen, indem sie den „Eignungs“-Gedanken übernehmen.

Der Geist des gemeinsamen Lernens geht gerade in den Gymnasien verloren. Die Probezeit fokussiert auf individuelle Leistungen und übt starken Druck auf die Schüler:innen aus. Gut, dass sie in Berlin abgeschafft werden soll. Aber eine Eignungsprüfung wirkt vergleichbar.

Die Grundschule für alle Kinder war eine revolutionäre Bildungsreform.

Ulla Widmer-Rockstroh

Die Grundschule für alle Kinder, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, war eine revolutionäre Bildungsreform vor 100 Jahren. Sie konnte aber nur für vier Schuljahre durchgesetzt werden, gegen erbitterten Widerstand insbesondere der Gymnasiallehrerschaft, weil der Verlust von Niveau und Privilegien befürchtet wurde. So argumentiert sie bis heute.

Dennoch haben sich in Deutschland punktuell Gemeinschaftsschulen durchgesetzt, die ausdrücklich der Förderung aller verpflichtet sind, in denen niveauvolles Lernen bis zum Abitur stattfindet und inklusiv gearbeitet wird. Diese Schulform ermöglicht stufenübergreifende Kooperation im Kollegium, für eine kontinuierliche Begleitung der Schüler:innen. Das geschieht leider nur selten zwischen Grundschullehrkräften und den Kolleg:innen der weiterführenden Schulen. Im Gegenteil nimmt man eher Abgrenzung, Unkenntnis oder gar Missachtung wahr.

Ich wünschte, die neue Berliner Regierung würde offensiver für die Ausweitung der Gemeinschaftsschulen ohne Schulbrüche arbeiten, um das Lernen für ein demokratisches Gemeinschaftsleben durch schulische Erfahrung zu ermöglichen.

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