• Festakt in Berlin für homosexuelle NS-Verfolgte: Steinmeier: „Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen“

Festakt in Berlin für homosexuelle NS-Verfolgte : Steinmeier: „Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen“

Vor zehn Jahren wurde das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen übergeben. Jetzt bittet erstmals ein deutsches Staatsoberhaupt um Vergebung für Leid und Unrecht.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht während des Festaktes in Tiergarten.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht während des Festaktes in Tiergarten.Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Teofil Kosinski ist 16 Jahre alt, als er sich 1941 in seiner besetzten polnischen Heimatstadt Torun in einen deutsch-österreichischen Soldaten verliebt. Heimlich treffen sich die beiden jungen Männer in einer verlassenen Scheune am Stadtrand, erleben erstmals Zärtlichkeit – bis Willi plötzlich an die Ostfront versetzt wird. Teofil hält die Trennung kaum aus und schreibt dem Freund einen Liebesbrief, den offenbar ein Vorgesetzter des Soldaten findet.

„Ich wurde verhaftet, verhört und gefoltert“, schrieb Teofil Kosinski später: „Sie schlugen mich, damit ich noch andere Homosexuelle verraten sollte. Aber ich kannte ja gar keine.“ Mehrmals verlor der Junge das Bewusstsein, wurde dann von einem deutschen Gericht nach Paragraph 175 verurteilt, der homosexuelle Kontakte unter Strafe stellte und von den Nazis extrem verschärft worden war. Dass er die Jahre im Konzentrationslager überlebte, bezeichnete er immer als Wunder.

Mary Pünjer schaffte es nicht. Sie wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ermordet, nachdem sie im KZ Ravensbrück zusätzlich noch den Vermerk „asozial/lesbisch“ erhalten hatte. Auch Leopold Obermayer aus Würzburg starb, nachdem man ihn als „homosexuellen Sittlichkeitsverbrecher“ ins KZ Dachau geschleppt und schwer misshandelt hatte.

Steinmeier beim Festakt

An diese drei Schicksale erinnerte am Sonntag Günter Dworek vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) beim Festakt zum 10. Jahrestag der Übergabe des Denkmals an die Öffentlichkeit in Berlin-Tiergarten. Dworek gilt als Mitinitiator des Denkmals und weiß, dass es auch nach dem Krieg und auch in der Bundesrepublik noch lange keine Freiheit für Homosexuelle gab.

So habe noch 1960 der damalige Bürgermeister von Dachau in einem Interview darauf hingewiesen, dass im KZ „nicht nur Helden gestorben seien“. Wörtlich habe der Bürgermeister gesagt: „Sie müssen sich daran erinnern, dass viele Verbrecher und Homosexuelle in Dachau waren. Wollen Sie ein Ehrenmal für solche Leute?“

Umso wichtiger war Dworek und den anderen Gästen des Festakts, dass erstmals ein deutsches Staatsoberhaupt an der Feier für das Ehrenmal teilnahm: „Das bedeutet für uns Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen sehr, sehr viel!“

Steinmeier hatte zuvor in seiner Rede an die mehr als 50.000 Männer erinnert, die in der Nazizeit nach dem verschärften Paragraphen 175 verfolgt, gefoltert und zu Tausenden ermordet worden waren. Und auch an jene, die wie lesbische Frauen unter dem allgemeinen Klima aus Hass und Verachtung gelitten hatten.

Dem NS-Wahnsinn seien Unzählige zum Opfer gefallen, sagte der Bundespräsident und ergänzte mit Blick auf den „Vogelschiss“-Vergleich von AfD-Chef Alexander Gauland: „Wer heute diesen einzigartigen Bruch mit der Zivilisation leugnet, kleinredet oder relativiert, der verhöhnt nicht nur die Millionen Opfer, sondern der will ganz bewusst alte Wunden aufreißen und sät neuen Hass, und dem müssen wir uns gemeinsam entgegenstellen.“

Müller: „In der Regenbogenhauptstadt Berlin haben alle ihren Platz"

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller rief die Einwohner der Hauptstadt auf, jeglicher Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, religiöser oder sexueller Orientierung entgegenzutreten. Mit Sorge sehe er die homophoben Übergriffe in der Stadt, sagte Müller, dabei habe es doch hier bereits in der Weimarer Republik eine lebhafte homosexuelle Szene gegeben und heute sei dies wieder so.

„In der Regenbogenhauptstadt Berlin haben alle ihren Platz.“ Ausdrücklich dankte der Regierende Bürgermeister dem Bundespräsidenten für dessen klare Worte zu der Zeit nach 1945. Steinmeier hatte darauf hingewiesen, dass der 8.Mai 1945 für die Homosexuellen nicht wirklich ein Tag der Befreiung war.

In der Bundesrepublik wie auch in der DDR seien sie weiterhin dem Paragrafen 175 ausgeliefert gewesen, sagte Steinmeier: „In der Bundesrepublik galt er sogar – ganz bewusst, ganz mit Absicht – noch mehr als 20 Jahre in der gleichen scharfen Form fort, die ihm die Nationalsozialisten 1935 gegeben hatten.“

Viel zu lange mussten die Opfer warten, und auch nach 1945 ging das Unrecht weiter. Nun hat Steinmeier deutliche Worte gefunden.
Viel zu lange mussten die Opfer warten, und auch nach 1945 ging das Unrecht weiter. Nun hat Steinmeier deutliche Worte gefunden.Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Mehr als zehntausende Männer seien auch damals noch verhaftet, verurteilt und eingesperrt worden. „Die Würde dieser Menschen, sie blieb antastbar“, sagte Steinmeier, aber sich zu korrigieren und nötigenfalls auch um Entschuldigung zu bitten – darin bestünde die große Stärke der Demokratie.

Als Bundespräsident sei ihm wichtig, den Opfern und Aktivisten zu sagen: „Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen. Wir sind spät dran. Was gegenüber anderen gesagt wurde, ist Ihnen bisher versagt geblieben. Deshalb bitte ich heute um Vergebung – für all das geschehene Leid und Unrecht, und für das lange Schweigen, das darauf folgte.“

Den richtigen Ton getroffen

Der Applaus der Anwesenden und die eine oder andere heimlich weggewischte Träne dürften Frank-Walter Steinmeier signalisiert haben, dass er den richtigen Ton getroffen hatte. Emotional bewegend war auch die kurze Rede der russischen Aktivistin Gulya Sultanova, in der sie die Probleme von Homosexuellen in Russland, vor allem aber in Tschetschenien und anderen kaukasischen Ländern schilderte und zur Solidarität aufrief.

Im Gegensatz zu Russland werde man als Schwuler in seiner Heimat nicht kriminalisiert, erzählte nach der Kranzniederlegung ein junger Chinese. Gleichwohl sehen sich dort viele Homosexuelle immer noch mit einem Tabu belegt. Der junge Chinese heißt Sunmo und ist einer der Darsteller des neuen Films, der ab sofort im Denkmal an der Ebertstraße läuft: Wie schon in den beiden vorangegangenen Filmen wird wieder geküsst, diesmal lang und innig zwischen zwei Männern und zwei Frauen. Im Hintergrund wechseln derweil Szenen aus der Schwulen- und Lesbenbewegung, die es erst ermöglicht hat, dass solche Küsse auch in der Öffentlichkeit getauscht werden können.

Sunmo ist nicht viel älter als Teofil Kosinski damals war, dessen Geschichte der Schriftsteller Lutz van Dijk aufgeschrieben hat. Kosinski starb 2003, ohne je eine Entschädigung von Deutschland erhalten zu haben. Weitaus mehr zu schaffen machte ihm allerdings die Frage, was aus seinem Freund Willi geworden ist.

Fiel er an der Front? Wurde er wegen des Liebesbriefs von Teofil vielleicht gar vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen? Teofil Kosinski war sich zeitlebens sicher: „Wenn er überlebt hätte, wäre er zurückgekommen.“

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