• Rassismus im Berliner Alltag: Keine Wohnung, kein Job – wegen ausländisch klingenden Namens

Rassismus im Berliner Alltag : Keine Wohnung, kein Job – wegen ausländisch klingenden Namens

Eine Absage fürs Vorstellungsgespräch, keine Antwort auf die Bewerbung um eine Wohnung: Viele Menschen mit Migrationshintergrund erleben Diskriminierung.

Rassismus in Bewerbungsprozessen – für viele trauriger Alltag.
Rassismus in Bewerbungsprozessen – für viele trauriger Alltag.Foto: Christin Klose/dpa

Rassismus tritt nicht nur in Form von Gewalt auf. Rassismus ist auch etwas Alltägliches. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat Ende Januar das Ergebnis einer Umfrage veröffentlicht: Jede dritte Person mit Migrationshintergrund wurde bei der Wohnungssuche diskriminiert.

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Der kommissarische Leiter der Behörde, Bernhard Franke, sagte dazu: „Oft reicht schon ein fremd klingender Name, um gar nicht erst zur Wohnungsbesichtigung eingeladen zu werden.“ Und bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz sieht es ähnlich aus: Nach Angaben der Behörde sind die Chancen, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, für Menschen „mit ausländisch klingendem Namen“ bis zu 24 Prozent geringer.

Vor wenigen Wochen wurde der Fall eines jungen Mannes publik, der sich mit seinem ägyptischen Namen bei einem Architekturbüro in Berlin um ein Praktikum beworben hatte. Zurück bekam er eine Mail mit dem Inhalt „bitte keine Araber“. Sie war versehentlich an den Bewerber gesendet worden. Ein Missverständnis und eine unglückliche Verkürzung, hieß es später von dem Büro.

Sie wollen ihre Geschichten erzählen

Mitte Januar gewann ein Mann vor dem Amtsgericht Charlottenburg einen Prozess gegen eine große Wohnungsgesellschaft, wegen Diskriminierung bei der Wohnungssuche. Er und zwei weitere Menschen berichten hier von ihren Erfahrungen, bei Bewerbungen und im Alltag.

Ihre vollen Namen möchten sie dabei nicht nennen, aus Angst vor weiteren Benachteiligungen: „Ich will nicht auch noch der Ausländer sein, der aufmuckt und Probleme macht“, erklärt einer von ihnen seine Entscheidung.

Erzählen aber wollen sie: von der Frustration, immer wieder an Grenzen zu stoßen, an die andere nicht stoßen. Von der Machtlosigkeit. Und von der Wut.

Mehmet Y., 35 Jahre

Ich bin gebürtiger Berliner und deutscher Staatsbürger. Außerdem habe ich einen Prozess gegen die Deutsche Wohnen gewonnen.

Rassistische Erfahrungen habe ich in meinem Leben immer wieder gemacht. Ich habe mein Ingenieurstudium mit einer sehr guten Note abgeschlossen, habe Auslandserfahrung, Praktika und musste trotzdem 102 Bewerbungen verschicken. Es war enorm frustrierend: In 90 Prozent der Fälle wurde ich nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen.

Ich habe in Mannheim studiert und 2017 wieder eine Wohnung in Berlin gesucht. In meiner Abteilung haben damals zeitgleich mit mir viele neue Kollegen angefangen und alle hatten innerhalb von zwei Wochen eine Wohnung.

Nur ich nicht.

Ich habe mich dann auf die großen Wohngesellschaften konzentriert. Auf dem Portal der Deutsche Wohnen habe ich mich mit Namen, Telefonnummer und E-Mail-Adresse auf ein sehr aktuelles Inserat gemeldet. Einen Tag später kam die Absage.

Mit deutschen Namen, bekam ich am selben Tag eine Einladung

Dann habe ich einfach den Test gemacht. Ich habe mich für dieselbe Wohnung mit einem fiktiven deutschen Namen registriert und noch am selben Tag eine Einladung bekommen, um mir an einer Servicestelle den Schlüssel für die Besichtigung abzuholen.

Ich bin am nächsten Tag in der Mittagspause dorthin, habe die Mails vorgelegt und gesagt, dass ich die Wohnung direkt und ohne Besichtigung mieten möchte. Da hat die Mitarbeiterin plötzlich gesagt, die Wohnung sei schon vergeben. Ich war sprachlos. Man fühlt sich so ohnmächtig.

Zurück auf der Arbeit habe ich meinen Kollegen davon erzählt. Sie waren skeptisch und meinten, das müsse Zufall sein. Ich habe zu einem von ihnen gesagt: „Ich wette, wenn Du anrufst, ist die Wohnung noch zu haben.“ So haben wir es gemacht. Er fragte unter dem fiktiven deutschen Namen, den ich angegeben hatte, nach einem Besichtigungstermin. „Klar, kommen Sie“, hieß es.

Dann – und erst dann – haben mir meine Kollegen geglaubt. Vielen fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Alltagsrassismus in Deutschland echt gang und gäbe ist.

Ich habe geklagt und gewonnen

Ich habe recherchiert, welche staatlichen Schutzmechanismen es gibt, und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes kontaktiert. Dort wurde ich an einen Verein verwiesen.

Ich habe auf Anraten und Vermittlung des Vereins einen Anwalt beauftragt – und mich in der Zwischenzeit auf eine zweite Wohnung über die Seite der Deutsche Wohnen beworben. Was ist passiert? Genau dasselbe. Eine Absage für die Anfrage mit meinem türkischen Namen, 20 Minuten später eine Zusage an den deutschem Namen. Bei einem dritten Versuch wurde meine E-Mail-Adresse blockiert.

Ich habe geklagt und gewonnen, 3000 Euro Entschädigung. Die Deutsche Wohnen kann noch in Berufung gehen, aber das würde mich offen gesagt wundern.

Was mich trotzdem nachdenklich gemacht hat: Die Richterin meinte zu Beginn des Verfahrens, die Chancen für mich stünden 50–50. Nur! Weil ich beweisen konnte, dass es nicht nur einmal, ganz zufällig, passiert ist, hatte ich Erfolg. Aber viele können das nicht.

Es ist Zufall, wenn mein Gegenüber keine rassistischen Gedanken hat

Und ich sehe eine große Gefahr, dass Menschen resignieren und gar nicht versuchen, Teil einer Gesellschaft zu sein, die sie eh nicht akzeptiert. Ich kämpfe. Und ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Aber auch ich stelle mir die Frage: Wo soll ich anfangen?

Ich glaube, vor allem Betroffene selbst müssen sich wehren: Man muss verbal gegen Diskriminierung vorgehen, konsequent und mit rechtlichen Mitteln.

Ich will ein Vorbild sein, für meine Geschwister, für meine Nichten und Neffen. Deutschland ist meine Heimat. Aber ich sehe: Man wird in Schubladen gesteckt. Und das macht etwas mit Menschen.

Wenn Leute argumentieren, die Absagen, immer und immer wieder, könnten ja auch Zufall sein, kann ich nur sagen: Es ist Zufall, wenn mein Gegenüber keine rassistischen Gedanken hat. Das habe ich gelernt. Alles andere ist die Regel.

Fadi K., 47 Jahre

Meine Familie und ich, wir sind aus Syrien geflohen. Jetzt wohnen wir in einem Zimmer im Wohnheim. Für vier Personen haben wir insgesamt 30 Quadratmeter. Seit sechs Monaten suchen wir eine Wohnung. Aber es ist schwierig.

Dabei habe ich einen Job. Ich arbeite als Mechaniker für Büro-Elektronik, und ich habe alle Dokumente: eine positive Schufa- Auskunft, eine Mietschuldenfreiheitsbescheinigung.

Meistens bekomme ich auf eine Wohnungsbewerbung keine Antwort, ich habe mehrere Hundert verschickt. Ich war auf 12 oder 13 Besichtigungen. Erst vor Kurzem wieder, aber es waren noch 250 andere Leute da, vielleicht 300.

Ich habe meine Dokumente abgegeben und jetzt warte ich. Ich warte immer.

Ferahnur C., 25 Jahre

Ich bin hier in Berlin geboren, ich habe einen deutschen Pass. Meine Großeltern kamen aus der Türkei.

Als ich 16 war, wollte ich als Schüleraushilfe arbeiten. Eine Freundin hatte mich bei einer Bäckereikette empfohlen. Ich hatte die Zusage und rief am Morgen des ersten Tags noch einmal an, um zu sagen: „Ich bin auf dem Weg! Und übrigens, ich trage ein Kopftuch, aber das tut ja wahrscheinlich nichts zur Sache.“

Als Antwort kam: „Dann brauchst Du gar nicht zu kommen.“ Ich war geschockt. Ich hätte damals nicht gedacht, dass mir so etwas passieren würde. Das war das erste Mal.

Ein anderes Mal wusste ich von einer Freundin, dass in einem Kleidungsgeschäft Aushilfen gesucht wurden. Ich ging hin, um meine Bewerbung persönlich abzugeben. Dann hieß es dort: „Wir suchen kein Personal.“ Ich weiß, dass das nicht stimmt.

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Die Ablehnung demotiviert: Ich dachte mir, wenn es noch nicht einmal bei Aushilfsjobs klappt, wie soll es später bei der Berufswahl werden? Mittlerweile habe ich einen Abschluss in Wirtschaftsinformatik und arbeite als Prozessmanagerin in einem großen Unternehmen.

Ich finde es wichtig, über Rassismus zu reden und Diskriminierung öffentlich zu machen. Es ärgert mich sehr, wenn auf Vorwürfe von Menschen mit Migrationshintergrund mit Unterstellungen reagiert wird.

Im Sinn von: Das könnte ja auch eine gute Ausrede sein. Wenn man bei einer Bewerbung nicht genommen wird, lasse sich das leicht aufs Ausländersein schieben. Dabei sei man vielleicht einfach nicht qualifiziert. Solche Aussagen kommen auch von Leuten, die selbst einen Migrationshintergrund haben. Uns selbst wird nämlich immer weisgemacht, dass es einzig und allein auf die Qualifikation ankommt.

Aber diese sogenannten Einzelfälle beweisen das Gegenteil. Meine Erfahrung ist die: Meistens ist es Rassismus.

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