Rechtschreibung : „Ein Beitrag zur Chancengleichheit“

Wie steht es um die Rechtschreibung und ihre Vermittlung? Ein Gespräch darüber, warum es nicht egal ist, wie wir schreiben.

"Rechtschreiben": Ein Schild an einem Schulregal.
"Rechtschreiben": Ein Schild an einem Schulregal.Foto: dpa/Felix Kästle

Im vergangenen Herbst veranstaltete die Dudenredaktion in Berlin eine Podiumsdiskussion zum Thema: „Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben“. Der Dudenverlag hat diese Diskussion in einem Buch dokumentiert, das nun erschienen ist. Wir veröffentlichen einen gekürzten Auszug daraus. Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Dudenredaktion, Ulrike Holzwarth-Raether, Grundschullehrerin, Hochschulplanerin und Schulentwicklerin, Peter Gallmann, Professor in Jena für Deutsche Sprache der Gegenwart, Burghart Klaußner, Schauspieler.

KUNKEL-RAZUM: Immer wieder gibt es Klagen, dass junge Menschen nicht mehr rechtschreiben könnten. Stimmt das? Gibt es Studien, um das zu belegen?
GALLMANN: Es gibt Studien, aber man muss bedenken, dass über die Jahre hinweg nicht die gleiche Art Menschen gemessen worden ist. Diejenigen, die 1917 ihr Abitur gemacht haben, stammten aus einem anderen Personenkreis als die Abiturienten heute.

Ich glaube, dass die Rechtschreibbeherrschung insgesamt leicht abgenommen hat, ganz einfach auch deshalb, weil die heutigen Schüler und Schülerinnen innerhalb des Deutschunterrichts ein viel breiteres Spektrum an Fähigkeiten zeigen müssen. Früher hat man einen Besinnungsaufsatz geschrieben, das war die Leistung. Heute müssen sie ganz verschiedene Textsorten beherrschen. Da bleibt einfach weniger Zeit, um sich auf die Rechtschreibung zu konzentrieren. Rechtschreibung ist eine Anstrengung, und jede Generation muss Rechtschreibung neu und mühsam lernen.

HOLZWARTH-RAETHER: Ich beobachte in den Einschulungsgesprächen, dass die Kinder heute viel mutiger und autonomiebestrebter sind. Für diese kleinen selbstbewussten Menschen ist es schwieriger, sich an Regeln, auch Rechtschreibregeln, zu halten.

Richtig schreiben ist heute nur ein Bruchteil der Kompetenzen, die im Deutschunterricht vermittelt werden. Ich bin umgekehrt erstaunt, dass die Schüler bei der Vielzahl der Herausforderungen immer noch richtig schreiben lernen.

KLAUSSNER: Freunde, die Lehrer sind, erzählen mir, der Anteil von Kindern aus Migrationsverhältnissen in den Grundschulen der Arbeiterbezirke sei höher, als man sich vorstellen kann. Die Sprachbarriere steige deshalb enorm an, auch die Rechtschreibbarriere. Und das zweite Thema, auf das man sehr deutlich schauen muss, ist die Frage der Digitalisierung. Ich weiß nicht, ob Schreiben mit der Hand oder Tippen auf der Tastatur im Schulalltag heute überwiegt. Die Schreibschrift meines älteren Sohnes ist nicht besonders leserlich und die des jüngeren noch schlechter, weil sie die Schreibschrift praktisch nicht mehr anwenden.

KUNKEL-RAZUM: Welches sind die fehlerrelevantesten Gebiete bei der Rechtschreibung?

GALLMANN: Am anfälligsten ist die Zeichensetzung. An zweiter Stelle kommt die Groß- und Kleinschreibung und erst an dritter Stelle die Getrennt- und Zusammenschreibung.

Ich glaube, bei der Zeichensetzung werden zum Teil beim Unterrichten Fehler gemacht: zu früh, zu disparat, also zu kleinteilig. Die Chancen, die man bei der Vermittlung der Zeichensetzung in der Sekundarstufe II hätte, werden überhaupt nicht wahrgenommen, dort werden nur noch literarische Werke diskutiert. Die formale Seite der Sprache wird vernachlässigt – und gerade in dem Alter sind Schülerinnen und Schüler äußerst aufnahmefähig.

HOLZWARTH-RAETHER: Ein großes Problem für die Grundschulen ist, dass viele Kinder mit Sprachdefiziten, Defiziten beim Sprechen und in der Artikulation in die Schule kommen. Dafür gibt es ein Bündel an Gründen. Im Vorschulalter wird zum Beispiel heutzutage viel weniger mit den Kindern gesungen, artikuliert gesprochen und gereimt.

GALLMANN: Es gibt eine Untersuchung von Gerhard Augst, die Ihre Aussage unterstützt. Er hat eine mutige These: Dass sich das Gesprochene als Standardsprache durchgesetzt hat, sei gerade heute ein Hindernis, weil gesprochene und geschriebene Sprache nicht dasselbe sind. Es ist auffallend, dass ausgerechnet die Kinder in den Regionen des deutschen Sprachraums, in denen noch Dialekte gesprochen werden, die Rechtschreibung relativ gut beherrschen. Der Grund ist einfach, denn diese Schüler wissen von vorneherein: Schreiben ist nicht dasselbe wie sprechen, es ist was Eigenes. Sie lernen das relativ autonom.

HOLZWARTH-RAETHER: Das leuchtet mir ein. Ich bin ja selber Dialektsprecherin, Schwäbin durch und durch. Für mich war Deutschunterricht immer Fremdsprachenunterricht, wirklich mühsam musste ich mir Hochdeutsch, die Schriftsprache, aneignen.

KUNKEL-RAZUM: Heiß diskutiert im Zusammenhang mit nachlassenden Rechtschreibleistungen wird der Ansatz in der Grundschule, die Kinder erst mal schreiben zu lassen, ohne sie zu korrigieren. Es geht um die Methode „Lesen durch Schreiben“.

HOLZWARTH-RAETHER: Grundlage der Methode ist die Idee, die Kinder da abzuholen, wo sie stehen. Das heißt aber nicht, dass nicht gleichzeitig mit orthografischen Impulsen gearbeitet wird. Ein Beispiel: Kinder schreiben „Vater“ in der Regel „Fata“. Solche orthografischen Schwerpunktfehler werden in Rechtschreibkonferenzen mit den Kindern gesammelt und immer wieder geklärt und geübt.

Wer ein Lehrerhandbuch wie zum Beispiel „Konfetti“ liest und ernstnimmt, der kann die Methode „Lesen durch Schreiben“ erfolgreich anwenden. Deshalb bin ich auch so zornig, wenn die Methode so negativ durch die Medien gezerrt und instrumentalisiert wird. Dazu kommt noch, dass „Lesen durch Schreiben“ zu geringsten Prozentsätzen überhaupt angewendet wird.

GALLMANN: Gegen den Einstieg, dass man über das Schreiben auch das Lesen lernt, ist überhaupt nichts zu sagen, er funktioniert durchaus.

KUNKEL-RAZUM: Ich gebe persönlich zu, dass ich mich selber zum Teil schwer getan habe, als unser Sohn so unterrichtet wurde. Weil wir als Eltern eben nicht korrigieren sollten, um den Kindern den Spaß am Schreibenlernen nicht zu verderben.

GALLMANN: Das gehört aber gar nicht zur Methode. Nichts verbietet es den Lehrern, sorgfältig zu korrigieren.

KUNKEL-RAZUM: Warum ist denn korrekte Rechtschreibung eigentlich wichtig? Welche Konsequenzen hat es im beruflichen oder im privaten Kontext, wenn Rechtschreibung vernachlässigt wird?

HOLZWARTH-RAETHER: Ich habe auch in der Hauptschule unterrichtet und für mich war immer ein großer Auftrag, dass die Schülerinnen und Schüler dort die Chancen, die sie haben, wirklich wahrnehmen können. Das heißt, Rechtschreibung war für mich ein Beitrag zur Chancengleichheit.

Heutzutage sehe ich, wenn man von Künstlerinnen oder Künstlern eine E-Mail kriegt, dass sie nur so von Rechtschreibfehlern wimmelt – aber das ist irgendwie kreativ und man lässt es durchgehen. Aber wenn ein Hauptschüler sich mit einer fehlerhaften Bewerbung vorstellt, kann es schon sein, dass er nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird.

Die Rechtschreibung spielt eben – das ist das Verrückte – nicht bei denen eine Rolle, die es sowieso geschafft haben, sondern eher bei denen, die es nicht schaffen.

KLAUSSNER: Das ist eine absolute Herrschaftsfrage – und auch eine Zivilisationsfrage. Wer falsch schreibt, ist unten durch.

GALLMANN: Ich würde es ein bisschen praktischer sehen. Jemand, der einem anderen etwas mitteilen will, tut gut daran, die äußere Form zu optimieren, weil der Inhalt ernster genommen wird. Und genau das muss man in der Schule vermitteln.

Kathrin Kunkel-Razum, Dudenredaktion (Hrsg.): Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben. Dudenverlag 2018. 64 Seiten, 8 Euro.

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