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Knappes Gut: Berlin braucht jedes Jahr rund 2500 neue Lehrer.

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Neues Buch von Frau Freitag: So kommt man gut über die Stunden

Was tun, wenn die Klasse tobt und keiner zuhört? Keiner weiß das besser als Frau Freitag, bloggende Lehrerin einer Problemschule. In ihrem neuen Buch gibt sie Lehrern Tipps – von denen auch Eltern profitieren. Wir veröffentlichen Auszüge.

Als ich an meiner Schule anfing, unterrichtete ich eine achte Klasse in Englisch. Die Klasse war schwierig, fand ich. War sie vielleicht gar nicht, aber ich kam nicht besonders gut klar. Einige Schüler pflegten eine offene Feindschaft mit mir, andere taten so, als sei ich gar nicht da. Und ich wusste nicht, wie ich unser Verhältnis hätte verbessern können. Damals ging es mir um das reine Überleben. Meine Erwartungen hatte ich heruntergeschraubt. Keiner gestorben: Stundenziel erreicht.

Im Lehrerzimmer lächelte ich und tat, als hätte ich alles im Griff. Zu Hause las ich Unterrichtsratgeber mit Titeln wie „Professioneller Umgang mit Unterrichtsstörungen und Disziplinkonflikten“.

Ich bin doch nett, dachte ich. Warum stören die Schüler die ganze Zeit? Ich wurde immer wütender, fing an zu schreien und zu drohen und fühlte mich schlecht. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Jeden Tag Konflikte. Die Schüler sind nicht pünktlich, haben ihr Arbeitsmaterial nicht dabei, hören nicht zu, streiten oder spielen mit dem Handy. Und dann sagt meine Kollegin Frau Dienstag eines Tages diesen Satz: „Konflikt ist unser Job.“ Ich habe lange darüber nachgedacht. Zwar hielt ich auch nach Jahren noch an dem Wunschtraum einer folgsamen Schulklasse fest, aber eigentlich hat Frau Dienstag recht: Alles, was dich und die Schüler hindert, Unterricht zu machen, ist ein Konflikt. Diese Erkenntnis kam spät, aber sie hat meinen Schulalltag erleichtert.

STRENGER SEIN

„Strenger sein“ ist darum die Devise, und das heißt nichts anderes, als konsequent sein. Wenn einer quatscht, unterbinde das! Wenn du etwas androhst, musst du das durchsetzen! Wie oft habe ich in meiner Schreizeit gesagt, dass ich zu Hause anrufen würde – und es dann nicht gemacht. „Wenn ihr nicht ruhig seid, arbeiten wir in der großen Pause weiter.“ Und dann habe ich die Schüler doch beim Klingeln gehen lassen.

Aber selbst wenn man schon von Anfang an weiß, dass man konsequent sein sollte, weiß man darum noch nicht, wie man das anstellt. Ich wusste anfangs nicht mal genau, was mich stört. Mit der Zeit fand ich es heraus. Ich kann kaugummikauende Schüler ertragen, aber nicht, wenn mir jemand in Daunenjacke gegenübersitzt. Ich will nicht, dass sich meine Schüler beleidigen. Bei mir müssen die Tische gerade stehen, und auf den Tischen dürfen keine Taschen liegen. Aber woher sollen die Schüler das wissen? Man muss für sich möglichst schnell herausfinden, was einem wichtig ist. Und dann das dann durchsetzen.

VIEL BENOTEN

Am Anfang der Stunde auf Erklärungen verzichten und lieber mit einer leicht zu bewältigenden Aufgabe beginnen. Immer alles einsammeln, korrigieren und zensieren, damit die Schüler sehen, dass man ihre Anstrengungen honoriert. In Stunden, in denen man nur vorne steht und 45 Minuten lang versucht, für Ruhe zu sorgen, steigen selbst die willigsten Schüler aus und fangen an zu stören. In der nächsten Stunde gibst du die zensierten Aufgaben zurück. Ein Teil der Schüler wird sich über die guten Noten freuen und wieder mitarbeiten. Andere Schüler werden sich anschließen, weil es anscheinend nicht so schwer ist, bei der oder dem Neuen gute Zensuren zu bekommen. Es wird immer noch Schüler geben, die stören, aber die muss man erst mal erkennen.

REGELN KLARMACHEN

Wenn man möchte, dass die Schüler bestimmte Arbeitsmaterialien mitbringen, dann muss man das frühzeitig ansagen und zu Beginn jeder Stunde kontrollieren. Das geht eigentlich ziemlich schnell. Hat jemand dreimal sein Arbeitsmaterial vergessen, wirkt sich das bei mir negativ auf die Mitarbeitsnote aus. Dreimal kein Englischbuch bedeutet so viel wie einmal null Punkte in einem Vokabeltest. Das sage ich den Schülern von Anfang an.

Wenn Schüler nicht machen, was du ihnen sagst, wollen sie dich testen: Was passiert, wenn ich einfach nicht mache, was sie sagt. Die Schüler wollen sehen, dass du dich durchsetzen kannst. Wenn du das nicht schaffst, dann widersetzen sich in der nächsten Stunde auch andere Schüler.

UNBEDINGT GEWINNEN

Was mich als Klassenlehrerin immer besonders gestört hat, war das Schwänzen und permanente Zuspätkommen der Schüler. Als einige Mädchen meiner Klasse zum ersten Mal den Unterricht schwänzten, habe ich ein Riesending daraus gemacht und bei den Eltern angerufen. Dann gab es zu Hause Ärger, und die meisten von ihnen haben nie wieder geschwänzt. Wenn du eine eigene Klasse hast, dann würde ich auf jeden Fall am Anfang, wenn jemand das erste Mal unentschuldigt fehlt, die Eltern verständigen und die Sache ganz hoch hängen. Schüler, die das „nur mal ausprobieren wollten“ oder von anderen dazu überredet wurden, werden daraus lernen und nicht mehr schwänzen.

Wenn Schüler zu spät zum Unterricht kommen, stört das den geplanten Ablauf. Es gibt Lehrer, die lassen die Schüler dann nicht mehr in den Unterricht. Das ist allerdings nicht erlaubt. Außerdem macht es der Lehrer sich damit auch zu einfach. Dann gibt es Kollegen, die rufen die Zuspätkommenden gleich nach vorne und machen mit ihnen eine mündliche Leistungskontrolle. Das kann zwar abschrecken, stört aber auch deinen vorbereiteten Unterricht. Ich lasse die Zuspätkommer erst mal draußen warten. Sie müssen dann leise in den Raum kommen und werden von mir platziert. Manche ärgert das, wenn sie nicht an ihrem gewohnten Platz sitzen dürfen. Ich habe auch schon alle versäumten Minuten zusammengerechnet und die Schüler die gesamte Zeit nachsitzen lassen. Damit bestrafst du dich aber selbst, gebracht hat das auch nicht viel.

Was bei besonders aufsässigen Schülern hilft

„PRINZIP DER ZWEI MÖGLICHKEITEN“

Bei besonders aufsässigen Schülern hilft das „Prinzip der zwei Möglichkeiten“. Das habe ich bei einer Fortbildung gelernt. Wenn ein störender Schüler der Aufforderung, den Klassenraum zu verlassen einfach nicht nachkommt, empfahl der Fortbilder uns zu sagen: „Okay, ich möchte, dass du den Raum verlässt. Du hast jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder du tust, was ich sage und gehst, oder du bleibst nach dem Unterricht noch mal hier.“ So einfach? Ich habe das Prinzip gleich am nächsten Tag ausprobiert, und es funktionierte. Der Schüler überdenkt kurz seine zwei Optionen. Meistens tun die Schüler dann, was du willst, weil sie gar nicht rausfinden möchten, was ihnen nach der Stunde blüht. Falls sie sich dazu entscheiden, meinen Anweisungen weiterhin nicht nachzukommen, dann reicht meistens ein kurzes Gespräch nach der Stunde. Man kann auch sofort sagen, was passiert. „Entweder du gehst jetzt raus, oder ich rufe später bei deinem Vater an oder wir gehen zur Schulleitung und so weiter.“ Allerdings muss man das dann auch machen.

Bei nicht ganz so hartnäckigen Fällen reicht das Prinzip kaputte Schallplatte. Einfach so lange dasselbe sagen („Dilay, du setzt dich jetzt neben Vincent!“), ohne auf irgendwelche Ablenkungsmanöver einzugehen, bis getan wird, was du gesagt hast. Egal, wie lange das dauert. Hauptsache, du hast dich als Lehrer durchgesetzt. Denn alle Schüler gucken zu und merken sich, wer gewonnen hat.

NUR WER SICH MELDET, KOMMT DRAN

Ich habe mich als Schülerin selten gemeldet und Antworten einfach reingerufen. Vielleicht habe ich deshalb heute immer wieder Schüler, die sich nicht melden. In meinem Klassenraum hängt ein laminiertes Schild. Darauf steht: „Melden, drankommen, sprechen“.

Manchmal reicht es, die Schüler mit einem schnellen Fingerzeig auf das Schild zum Melden zu bringen. Aber es gibt immer wieder Schüler, mit denen man permanent im Zwiegespräch ist. Ich habe mal Folgendes gelesen: Hast du einen Schüler, dessen Verhalten dir auf die Nerven geht, bist du selbst schuld, weil der Schüler mit seinem Verhalten anscheinend Erfolg hat.

Konzentriere dich auf die Schüler, die sich melden. Verstrick dich nicht in Einzelgespräche mit Schülern, die sich nicht melden. Ignoriere die Schüler, die Antworten einfach reinrufen. Das ist schwer und nervt, aber wenn die Schüler merken, dass sie Luft für dich sind, solange sie sich nicht melden, dann überdenken sie ihr Verhalten vielleicht. Ich hatte eine Schülerin, die sich grundsätzlich nur durch Zwischenrufe am Unterricht beteiligte. Ich bin auf alles eingegangen. Dann habe ich mir vorgenommen, sie zu ignorieren. Sie rief weiter rein, wurde jetzt aber von mir ignoriert. Da versuchte sie plötzlich, sich am Unterricht zu beteiligen, meldete sich aber immer noch nicht. Ich ignorierte sie weiter. Als sie das erste Mal ihren Finger hob, nahm ich sie sofort dran und lobte sie. Sie kam auf den Geschmack und meldete sich von nun an.

Wenn sich mehrere Schüler melden, dann gehe ich manchmal durch die Reihen und lasse mir die Antworten ins Ohr flüstern, damit nicht nur ein Schüler die Chance auf eine richtige Antwort hat.

LOBEN NICHT VERGESSEN

Eine Regel in einer schwierigen Klasse durchzusetzen, ist anstrengend. Und immer Sanktionen für die Nichteinhaltung zu verhängen, nervt. Belohnungen sind schöner. Leider vergisst man als Lehrer viel zu oft, die Schüler zu loben. Vielleicht liegt das daran, dass wir Lehrkräfte auch nicht gerade oft gelobt werden. Jeder freut sich zu hören, dass er etwas gut gemacht hat. Schüler und Lehrer. Selbst Schüler, mit denen man im Unterricht besonders viele Schwierigkeiten hat, werden gerne gelobt. Leider geben sie einem nicht immer Anlass dazu. Oft genug ist man als Lehrer nach einigen Stunden Unterricht bereits so genervt, dass man sich nur noch auf die Störungen konzentriert und die positiven Dinge, die im Unterricht passieren, gar nicht mehr wahrnimmt. Nimm dir einfach mal vor, nur die guten Sachen im Unterricht zu kommentieren. Das ist gar nicht so einfach.

Du kannst Schüler loben, die ihre Sachen schnell auf dem Tisch liegen haben.

Wenn ein sonst schwieriger Schüler mal in einer Stunde schön mitarbeitet, dann ist es besonders wichtig, ihm oder ihr zu zeigen, dass man das auch registriert. Zu Beginn der nächsten Stunde kann man ihn oder sie ruhig daran erinnern: „Tarik, weißt du noch, dass du in der letzten Kunststunde so super ruhig und konzentriert gemalt hast? Versuch das doch heute wieder.“

Wer lobt, fühlt sich besser und gibt anderen ein gutes Gefühl. Meckern kommt irgendwie automatisch. Loben nicht. Loben muss man sich bewusst vornehmen.

ELTERN EINBINDEN

Da wo Lob nicht verfängt, bleiben als nicht zu unterschätzende Verbündete die Eltern. Es bringt gar nichts, mit der Kontaktaufnahme zu warten. Heute habe ich die Handynummern aller Eltern und schreibe eine schnelle SMS, wenn ihre Kinder schwänzen, dauernd ihr Arbeitsmaterial nicht dabei haben oder Stress machen. Besorge dir schnell die Handynummer von dem strengeren Elternteil. Schreck nicht davor zurück, die Eltern zu kontaktieren. Frag nach, ob der Sohn wirklich mit Bauchschmerzen zu Hause liegt.

Wenn du eine siebte Klasse hast, dann versuche im ersten Jahr alle Eltern persönlich kennenzulernen. Manche Kinder brauchen eine engmaschige Überwachung, und die Eltern bedanken sich auch sehr oft bei mir, dass ich sie über das Fehlverhalten ihrer Kinder informiere.

Und wenn ein Schüler sagt: „Rufen Sie ruhig an, meinem Vater ist das egal“, dann glaubt ihm das bloß nicht.

Cover des neuen Buches von Frau Freitag.

© Promo

Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch „Für mich ist auch die 6. Stunde“ (Ullstein extra, 288 Seiten, 14,99 Euro).

Frau Freitag ist das Pseudonym einer Lehrerin, die seit fünfzehn Jahren an Berliner Schulen unterrichtet. Sie bloggt unter fraufreitag.wordpress.com und schrieb den Bestseller „Chill mal, Frau Freitag“.

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