Solidarisches Grundeinkommen in Berlin : Es gibt viel zu tun – jetzt auch Geld und Jobs dafür

Die ersten zwei Teilnehmer haben Verträge. Auch die BVG stellt 120 Stellen für das Modellprojekt bereit.

Anima Müller
Rahim Nagibulla unterzeichnet seinen Arbeitsvertrag mit der WBM.
Rahim Nagibulla unterzeichnet seinen Arbeitsvertrag mit der WBM.Foto: DAVIDS/Dirk Laessig

Der erste Schritt zurück ins Arbeitsleben ist gemacht. 1000 Erwerbslose sollen in den nächsten Monaten sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze erhalten, die das Land bezahlt. Am Freitag wurden die ersten beiden vorgestellt: Rahim Nagibulla unterschrieb seinen Vertrag bei der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) – über die Schulter schaute ihm dabei der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), der sich für das Modellprojekt stark gemacht hatte.

Die zweite, Ulrike Gehn, hat bereits am Donnerstag ihren Job bei der Inklusionshilfe „Kopf, Hand + Fuß“ angetreten. Neben Müller (SPD) waren der Sozial- und Personalvorstand der BVG, Dirk Schulte, die Geschäftsführerin der Kopf, Hand + Fuß, Stefanie Trzecinski, sowie Christina Geib und Jan Robert Kowalewski aus der Geschäftsführung der WBM dabei.

Von einer „neuen sozialen Agenda“ sprach Müller. „Durch Automatisierung und Digitalisierung stehen wir vor einem großen wirtschaftlichen Wandel“, sagte er. Mit dem Rückgang der Konjunktur seien schlechtere Arbeitsmarktzahlen zu erwarten, darauf müsse man rechtzeitig reagieren. „Das Solidarische Grundeinkommen soll nicht jedes Problem lösen, aber ein Baustein sein.“ Für etwa 40.000 Langzeitarbeitslose in Berlin soll es schneller und früher Aussicht auf langfristige, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung geben.

Dafür sollen die Suchenden bereits im ersten Jahr der Arbeitslosigkeit wieder vermittelt werden. Über kurzfristige Maßnahmen, so Müller, fänden viele keinen Anschluss. Im Vorhinein hatte der rot-rot-grüne Senat festgelegt, welche Einsatzfelder in Frage kommen: Die Jobs sollen gemeinwohlorientiert sein, zum Beispiel kann es sich um Mobilitätshilfen oder Nachbarschaftsdienste handeln. Außerdem dürfen sie keine anderen Arbeitsplätze verdrängen. Die BVG stellt für das Solidarische Grundeinkommen 120 zusätzliche Stellen bereit. Zunächst läuft das Modellprojekt für fünf Jahre.

Nagibulla unterstützt mit interkultureller Kompetenz

Nagibulla wird als Quartiershelfer der WBM tätig sein, Mieter beraten oder zu Behörden begleiten. Zunächst wird er noch zusammen mit seinen neuen Kolleginnen Beratungsgespräche führen. Langfristig soll er eigenständig im Mieterservice arbeiten und sich weiterqualifizieren können. „Ich danke dem Bürgermeister dafür, eine Gelegenheit auf dem Arbeitsmarkt zu haben, auch wenn ich im Rollstuhl sitze“, sagte Nagibulla.

Durch seine sprachlichen Kompetenzen – neben Deutsch spricht Nagibulla auch Arabisch und weitere Sprachen – kann er auch Mieter mit Migrationshintergrund unterstützen. „Durch Herrn Nagibullas interkulturelle Kompetenz hoffen wir, auch unsere eigene Sensibilität zu erhöhen und die Diversity in der WBM zu bereichern“, sagte Christine Geib.

Ulrike Gehn arbeitet nun bei dem inklusiven Coworking-Space „Tüchtig“ in Wedding, wo Menschen mit und ohne körperliche Einschränkung zusammen arbeiten, dank rollstuhlgerechter Ausstattung und Assistenz-Dienstleistungen. Gehn berät Gäste und erklärt unter anderem die Funktionsweise der Möbel.

„Mit meiner Arbeit kann ich eine neue Perspektive und Augenhöhe schaffen“, sagte sie. Zuvor war sie längere Zeit arbeitslos. Für die Kopf, Hand + Fuß gGmbH war sie bereits als Ehrenamtliche tätig, dort machte sie auch eine Weiterbildung zur Inklusionsberaterin. Nun werden ihre 16 Stunden Arbeit pro Woche nach dem Mindestlohn vergütet.

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