Umstrittener Film über Erziehung : "Eltern dürfen Kinder nicht zum Essen zwingen!"

Tausende Eltern zeigen sich entsetzt über den Film „Elternschule“. Ein Kinderarzt erklärt, weshalb er die Doku für problematisch hält. Ein Gastbeitrag.

Herbert Renz-Polster
Im Film wird gezeigt, wie eine Mitarbeiterin der Klinik ein kleines Kind festhält und ihm Milch einflößt – bis es erbricht.
Im Film wird gezeigt, wie eine Mitarbeiterin der Klinik ein kleines Kind festhält und ihm Milch einflößt – bis es erbricht.Foto: Fotolia/mbt_studios

Derzeit geht ein Film um. Mit einem Versprechen an die Eltern: „Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss.“ So die Rezension der „Süddeutschen Zeitung“. Der Film kommt nicht aus einer pädagogischen Einrichtung, sondern aus einer Kinderklinik.

Dort können Eltern von Kindern mit auffälligem Verhalten lernen, ihre Kinder richtig zu erziehen. Zum Beispiel wenn Säuglinge oder Kleinkinder Schlafstörungen haben. Dafür bietet die Klinik stationäre Schlaftrainings an, Schlafverhaltenstherapie genannt. Das sind dann die Szenen dieses Kinofilms: Das zu behandelnde Kind wird in einem Klinikgitterbett mit extrahohen Gittern in ein leeres Klinikzimmer geschoben.

Die Gitter werden hochgezogen, das Kind verabschiedet, der Raum abgedunkelt, die Tür verschlossen. Bis zum nächsten Morgen wird dieses Kind keine andere menschliche Interaktion erleben als kurze, sachliche medizinische Kontrollen durch die Nachtschwester, mit der Taschenlampe.

Was man in dem Film sieht, der momentan in verschiedenen Kinos zu sehen ist, sind Kinder mit „Problemverhalten“ vielfältiger Art: Kinder, die nicht schlafen, die nicht essen, die nicht kooperieren, Kinder die ausrasten, kurz Kinder, die sich „unmöglich“ verhalten.

Das Verhalten soll nun korrigiert werden, mit einer klaren Maßgabe: Die Eltern sollen lernen, klare Grenzen zu setzen. Die kleine „Prinzessin“ (Originalton des Films) soll lernen, dass es nicht nach ihrem Willen geht. Das Personal macht es vor. Eine Krankenschwester berichtet, ohne dass man (aus gutem Grund!) entsprechende Filmaufnahmen sieht, von einem Kind, das nun „im Kampf“ fünf Löffel gegessen habe, sie habe dann aber „45 Minuten mit dem Kind sitzen müssen“, bis es sich beruhigt habe.

Die Eltern bekommen dazu ein stützendes Verhaltenstraining, das „ganzheitlich“ genannt wird. Ziel: Sie sollen lernen, wieder Chef zu sein. Ich kann zu dem Film nur das sagen: Ich sehe hier Kinder in schwerer Not. Ich sehe Mütter und Väter in schwerer Not. Ich sehe keine echten Beziehungen, ich sehe Kampfbeziehungen.

Was fehlt, sind nicht Regeln, sondern emotionale Sicherheit

Um was wird da gekämpft? Um die Macht? Darum, wer Chef ist und die Ansagen macht? Vordergründig schon. In Wirklichkeit aber zielt der Kampf und die Wut und die Aggression auf etwas viel Grundlegenderes: auf Anerkennung, auf Geborgenheit. Ich sehe in dem Film Kinder, denen es genau daran fehlt: an emotionaler Sicherheit, an Wertschätzung, an Nestwärme. Ich sehe Familien, die diesen wichtigsten Geleitschutz für die kindliche Entwicklung nicht geben können.

Kinder, die ein solches Gefühl von Heimat haben, verhalten sich nicht so wie die in dem Film gezeigten Kinder. Kinder, die sich wohl in ihrer Haut fühlen und denen ihre Eltern „mit gutem Mut“ begegnen können, sind im Grunde ihres Herzens gutmütige Kinder.

Lernen die Eltern in diesem Film Erziehung? Wie denn? Das, was diese Kinder suchen – das Gefühl von Schutz, von Bedeutung und Zugehörigkeit –, das wächst nicht dadurch, dass die Eltern lernen, auf „korrektes“ Verhalten zu bestehen. Das was diese schlaflosen Kinder suchen, wächst nicht, indem sie bei Krankenschwestern „das Schlafen lernen“. Und die Fähigkeit der Eltern, ihr Kind stark und gütig zu begleiten, wächst nicht, indem sie die Routinen des Krankenhauses dann zu Hause umsetzen.

Kindererziehung ist keine Hundeerziehung

Wie dann? Hier wird es kompliziert. Denn die Familien in diesem Film sind wirklich schwer verunsichert, sie sind in ihrem Bindungsverhalten beeinträchtigt. Manche der Kinder haben bereits traumatische Erfahrungen hinter sich. Andere Kinder sind auch körperlich belastet, sie sind im wahrsten Sinn des Wortes beziehungskrank.

Es gibt da keine leichten Wege. Es gibt da keine „Therapie“ im eigentlichen Sinn. Kein Wunder, dass Ärzte und Psychologen dann doch immer wieder bei altbekannten „therapeutischen“ Ritualen landen, da wo sie schon standen, als der pawlowsche Experimentierhund seinen ersten Tropfen Speichel absonderte. Oder dort, wo wir seit Menschengedenken mit den Kindern gelandet sind, wenn wir selbst erschöpft und beelendet waren: bei der Anwendung von erzieherischer Gewalt.

Der kleinste Nenner: Symptome bekämpfen. Das Dilemma der Psychologie ist offensichtlich: Programme zur Stärkung von Bindung und Beziehung sind kaum erprobt und entwickelt worden. Die Lehrmeinung war immer die: Wenn ein Kind ein „schlechtes“ Verhalten hat, dann musst du sein Verhalten korrigieren. Oder den Eltern beibringen, wie sie das machen sollen. Kein Wunder, dass die psychologische Fachwelt bis heute Schlaftrainigsprogramme empfiehlt, wenn das Schlafen nicht klappt. Was sonst?

Ja, was sonst? Glücklicherweise sind die meisten Eltern in Sachen Erziehung längst weiter. Dass Kinder nicht deshalb „unmöglich“ sind, weil ihre Eltern vielleicht vergessen haben, die Regeln zu erklären, das wissen die allermeisten. Dass Eltern nur dann mit großzügigen, gutmütigen Kindern rechnen können, wenn sie selbst großzügig und gutmütig sind, ebenfalls.

Nur: Was ist, wenn diese Ressourcen nicht da sind? Wenn Eltern eben selbst hilflos, beschämt und mutlos im Leben stehen? Was, wenn die Eltern selbst mit Beziehung und Bindung ein Problem haben und jetzt ihrem Kind etwas geben sollen, das sie selbst nie erfahren haben?

Dann wird es schwierig. So schwierig, dass dann doch der alte Weg ausgeleuchtet wird: Das Kind soll sein Verhalten ändern. Das schwächste Glied soll geradegebogen werden, damit alles wieder gut ist. Das Kind muss wieder funktionieren. Kindererziehung ist dann von Hundeerziehung nicht zu unterscheiden: Hauptsache, der Hund läuft nicht von alleine über die Straße, Hauptsache, er beißt die Nachbarn nicht. Hauptsache, das Kind läuft wieder in der Spur. Dass das funktioniert, ist bekannt: Ein Kind, dem ein bestimmtes Verhalten antrainiert wird wie einem Hund, wird dadurch genauso hörig werden wie ein Hund. Nur ist es damit in seiner menschlichen Entwicklung keinen Millimeter weiter, im Gegenteil.

Empathie entsteht nicht, indem ein Kind folgen lernt

Denn die kindliche Entwicklung beruht auf innerem Wachstum, auf der Fähigkeit zu Empathie, sie beruht auf Selbstbewusstsein, auf dem Gefühl, bedeutsam und sicher zu sein. Dieses Rückgrat entsteht nicht, indem ein Kind folgen lernt. Auch das wissen die meisten Eltern. Deshalb wird dieser Film bei ihnen auch viel Kopfschütteln, viel Entsetzen und auch Traurigkeit auslösen.

Immerhin hat sich mittlerweile die Psychologie etwas bewegt und einige bindungsorientierte Interventionen entwickelt, die gerade auch solchen schwer belasteten Familien helfen können. Interventionen, die das alte Paradigma durchbrechen, nach dem es ausreicht, das Kind durch die Übermacht der Eltern zu steuern. Oder das Verhalten zu lenken, indem erwünschte Verhaltensweisen bestärkt und unerwünschte bestraft werden.

Der „Kreis der Sicherheit“ wäre eine solche Intervention. In diesem von den Psychologen Bert Powell, Glen Cooper, Kent Hoffman und Bob Marvin entwickelten Programm erlernen Eltern, wie sie ihren Kindern emotionale Sicherheit geben können. Das Programm wird auch in Deutschland durchgeführt und von der Universitätsklinik Münster wissenschaftlich begleitet. Eine gute Zusammenfassung gibt das Buch „Kreis der Sicherheit – die klinische Nutzung der Bindungstheorie“ (Probst Verlag).

Nein, mit einer dreiwöchigen Therapie ist es da nicht getan, das sind Entwicklungswege. Aber was für ein wunderbarer Start wäre in einem solchen intensiven Rahmen möglich? Ein Start zu einem Weg, der Familien auch langfristig stärken und ihnen aus dem Teufelskreis der abgebrochenen Bindungen helfen kann.

Der sie dabei unterstützt, den verlorenen Erziehungsschatz zu entdecken, auf ihre Art: nämlich nicht nur stark und überlegen zu sein. Noch einmal: Das sind keine Wege, auf denen man schnell mal das Kind ändert. Schnelle „Erfolge“ bei schweren Beziehungsproblemen lassen sich nur durch den autoritären Durchgriff erreichen – indem das Kind gefügig gemacht wird. Und das ist auch der bis zum bitteren Ende skizzierte Weg in diesem Film.

Was mich an diesem Film vor allem wundert, ist die frontale Selbstverständlichkeit, mit der erzieherische Gewalt dargestellt, glorifiziert und auch medikalisiert wird. Darf man Kinder zum Essen zwingen? Es kann nicht angehen, dass ein Kinofilm, der sich selber die Frage stellt: „Wie gehen wir richtig mit unseren Kindern um?“, hierzu kein klares Nein als Antwort gibt. Sehr viele Eltern, denen wir Kinderärzte immer wieder sagen: „Keine Gewalt gegen Kinder!“, haben vielleicht zu Hause „schlecht essende“ Kinder oder „schlecht schlafende“ Kinder, um die sie sich sorgen.

Und jetzt sehen sie diese „erfolgreichen“ Methoden – ohne Hinweis auf die Nebenwirkungen. Das kann nicht sein – heute, wo wir Kindern ein Recht auf gewaltfreie Erziehung zusprechen, muss in einem Film, der sich gewiss nicht ohne Grund „Elternschule“ nennt, auch das Kindeswohl thematisiert werden. Vielleicht noch grausamer ist mit anzusehen, wie hart die Kinder abgeurteilt werden. Das Kind sei „der größte Egoist auf dem Planeten. Er will überleben. Wie es mir geht, ist ihm scheißegal“. Ist das so?

Vor allem aber wundern mich die Reaktionen der großen Medien. Der Bayerische Rundfunk gibt kund, der Film zeige, „wie ganzheitliches Verhaltenstraining mit Psychotherapie und Erziehungscoaching funktionieren kann“. Das sei ein „kraftvoller Blick auf der Suche nach einer guten Erziehung“. Die „Süddeutsche Zeitung“ sekundiert: „Ein Einblick in eine verunsicherte Gesellschaft, die sich mit Autorität schwertut und ihren Instinkten kaum noch traut.“ Wie bitte?

Kinder haben ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung

Vor allem aber, und noch einmal, weil das eigentlich mitten in die öffentliche Diskussion hineingehört: keine Frage zu den Kinderrechten. Darf man Kinder zum Essen zwingen, indem man mit ihnen „kämpft“? Eltern dürften es nicht, denn Kinder haben in Deutschland ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung.

Doch darauf gehen die Filmemacher nicht ein. Kein Wunder – ist dann immer der gleiche Tenor zu hören: „Das erscheint hart, ist aber wohl pädagogisch wichtig.“ (Originalton in der Filmdoku des Bayerischen Rundfunks). Als wäre nicht noch jede Form der Gewalt gegen Kinder pädagogisch begründet worden.

Aber genau das ist der Punkt. Was ist denn zu erwarten, wenn man ein abhängiges Kleinkind drei Wochen lang unterwirft, indem man ihm ein bestimmtes Verhalten aufzwingt? Indem man ihm keine andere Wahl lässt, als „zu folgen“? Nach drei Wochen einer solchen Unterwerfung ist nichts anderes zu erwarten, als dass das Kind im Sinne seiner Befehlshaber funktioniert. Selbst Erwachsene, das weiß die Psychologie aus anderen Szenarien (etwa von Geiselnahmen), übernehmen nach kurzer Zeit den Willen derer, in deren Hand sie sind.

Drei Wochen Unterwerfung würde auch jede schwere Beziehungskrise bei Erwachsenen „heilen“ – wenn nur der eine Beziehungspartner als Teil der „Therapie“ Macht und Verfügung über den anderen bekäme. Jede Ehekrise wäre nach wenigen Tagen beendet – weil der machtlose Partner endlich sein schlechtes Verhalten aufgäbe.

Was aber, wenn die nächste Krise kommt? Bei Kindern wird sie kommen, ihr Weg ist lang. Die Protagonisten dieses Films, auch wenn sie Kittel tragen und auf ihre Erfolge verweisen, können diese Frage nicht beantworten.

Als das Erschütterndste bleibt mir deshalb vielleicht der Kommentar einer pädagogischen Mitarbeiterin der Gelsenkirchener Klinik in Erinnerung. Ja, die Eltern würden das schon als hart empfinden – ihr aber erschiene das nicht so. Denn: „Je konsequenter man eigentlich mit einem Kind umgeht, desto mehr … kommt das Kind auf einen zu – und dann fangen die an mit mir zu kuscheln …“ Auch bindungsgestörte Kinder, das zeigt die Bindungsforschung, kuscheln – und das gerne auch mit Fremden.

Das ist also die Botschaft, wieder einmal, und wir haben sie in der Geschichte der Erziehung schon in tausend Variationen gehört: Wenn man nur hart genug ist, werden die Kinder brav und gut. Nur, die Zeiten, in denen wir das den bekittelten oder unbekittelten „Experten“ abnahmen, waren nicht wirklich unsere Glanzzeiten, ehrlich gesagt.

Herbert Renz-Polster beschäftigt sich als Kinderarzt und Wissenschaftler mit der kindlichen Entwicklung. Bekannt wurde er durch mehrere Sachbücher wie „Kinder verstehen – born to be wild!“ und „Wie Kinder heute wachsen“. Er bloggt unter www.kinder-verstehen.de

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