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„Was früher unter Freundinnen ein Wangenkuss war, ist heute ein Kuss auf den Mund“: Die Grenze, was heterosexuell ist, verschiebt sich.

© Illustration: Karin Söderquist

Tagesspiegel Plus

Wie liebt die Jugend?: „Auf einmal sind alle bisexuell“

Über Tinder, Sex mit guten Freunden und Listen mit schlechten Liebhabern – vier Jugendliche erklären das Liebesleben ihrer Generation.

Von Barbara Nolte

Im Schneeregen stehen drei Jugendliche auf dem Askanischen Platz zusammen. Zwei Mädchen, ein Junge, 17 Jahre alt. Sie sind nach der Schule hergekommen, um über das Liebesleben ihrer Generation zu berichten. „In unserem Freundeskreis sind wir da sehr offen“, sagt ein Mädchen, das eine weite, bunte 80er-Jahre-Lederjacke trägt. Trotzdem wollen sie anonym bleiben. Deswegen haben wir ihnen andere Vornamen gegeben.

Die Datenlage über Jugend und Liebe ist dünn: Das Einstiegsalter in die Sexualität liege nach wie vor ungefähr bei 17 Jahren, sagt die Direktorin des Deutschen Jugendinstituts, Sabine Walper. Meisten sei es im Rahmen einer Beziehung. Bereits in der Jugend fächern sich die sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten auf. In einer qualitativen Untersuchung des Deutschen Jugendinstitutes in Nordrhein-Westfalen gaben sechs von 15 Befragten in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung keine der herkömmlichen Kategorien an. Die Selbstbeschreibungen reichten von „demisexuell/gray aromantisch“ bis „pansexuell/ohne Label“.

Auf dem Askanischen Platz ziehen sich die Jugendlichen jetzt ihre Masken über die Nase, um in die Tagesspiegel-Redaktion zu gehen. In der Sekundarschule waren sie in einer Klasse, anschließend haben sie sich zerstreut. Zwei besuchen Oberstufenzentren in Berlin, eine geht im Umland zur Schule. Bevor das Interview beginnt, rufen sie über Facetime ein weiteres Mädchen aus der Clique an, die gerade ein Praktikum im Ausland macht.

Wer hat von euch eine Beziehung?

Mia: Niemand, oder?

Zoe: Na ja, ich würde sagen: Ich bin kurz davor.

Ben: Nice!

Hättet ihr anderen gerne Beziehungen oder seid ihr gar nicht so scharf drauf?

Julie: Mein ganzes Leben lang war ich strikt dagegen. Ich wollte nicht von einer anderen Person abhängig sein. Und die meisten um mich herum, die in einer Beziehung waren, haben genervt. Jetzt bin ich an dem Punkt angelangt, zu sagen: Wenn etwas auf mich zukommt, wäre ich dafür offen.

Mia: Bei mir ist es situationsabhängig. Wenn ich eine tolle Beziehung von Freunden und selbst die von meinen Großeltern sehe, denke ich: So was will ich irgendwann ganz, ganz später auch mal gehabt haben, aber nicht jetzt.

Ein Viertel der 15- bis 17-Jährigen hat eine Beziehung. Seid ihr von Paaren umgeben?

Julie: Also, unser Freundeskreis ist immer weitgehend beziehungsfrei gewesen, was ich persönlich sehr entspannt finde.

Zoe: Bei mir an der Schule gibt es viele Paare. Vielleicht liegt es daran, dass sie in Teltow ist und nicht in Berlin. Ich kann mir vorstellen, dass man sich in Berlin Sachen offenhalten möchte, weil es so viele Leute gibt, die man trifft und auch mag. In Teltow hat man nicht so viel Auswahl, und wenn man dann mal eine Person kennenlernt, die ganz okay ist, ist man eher zu einer Beziehung bereit.

Zwischen 15 und 17 sind Beziehungen durchschnittlich achteinhalb Monate lang.

© imago/Westend61

Was unternimmt man denn heute so, wenn man eine Beziehung sucht?

Mia: Tinder!

Ben: Auf Tinder gibt es viele, die einfach nur nach Sex suchen, aber auch andere. Ich habe relativ viele Freunde, die dort sind - wahrscheinlich auch aus einem unterbewussten Beziehungswunsch.

Julie: Ich habe mir Tinder erst heruntergeladen, seitdem ich in Italien bin, weil ich dachte, hier ist es vielleicht ganz lustig. Wenn ich nach Berlin zurückkomme, werde ich es sicher nicht mehr benutzen, weil ich zu viele Leute da kenne. Ich will nicht, dass sie mein Profil sehen.

Als sich meine Mutter Tinder runtergeladen hat, habe ich meins gelöscht.

Mia

Was habt ihr für Erfahrungen mit Tinder gemacht?

Mia: Ich habe einmal jemanden getroffen, den ich über Tinder kennengelernt habe. Man hat gemerkt, dass er die App schon öfter benutzt hat und davon ausgegangen ist, dass es, nachdem wir gefühlt zwei Sekunden geredet hatten, zum Sex kommt. Das hat mich schon abgeschreckt. Ich will zwar keine Beziehung, aber ein bisschen Respekt. Als sich meine Mutter Tinder runtergeladen hat, habe ich meins dann gelöscht.

Stürzt ihr euch auch ins Nachtleben, um jemanden kennenzulernen?

Ben: Klar. Da geht es viel ums Tanzen, Kummerwegsaufen. Aber das geht auch einher mit dem Wunsch nach einer neuen Beziehung.

Mia: Also, ich würde nicht sagen Beziehung, sondern One-Night-Stand, Körperkontakt

Ben: ... auch Zuneigung. Weil, dieses Kummerwegsaufen kommt ja auch daher, weil du irgendwo in dir eine Lücke hast. Die versucht man natürlich mit allem Möglichen zu schließen. Da sind Drogen eine Möglichkeit. Eine andere ist, eine Person zu finden, auf die man sich stützen kann.

Zoe: Ich bin noch nie mit diesem Hintergedanken Feiern gegangen. Bei mir geht es ums Freundetreffen, nicht mal darum, neue Freunde zu finden.

In der Corona-Zeit haben sich Berlins Parks zu Treffs von Jugendlichen entwickelt. Geht ihr da hin?

Ben: Es gibt so richtige Park-Communitys. Drei Parks, die mir spontan einfallen, sind der Mauer-, der Monbijou- und der Schlosspark Pankow. Die liegen alle in meinem Umkreis. Meistens treffen sich aber Jüngere dort: so 15-, 16-Jährige, die noch nirgendwo sonst reinkommen. Im Winter ist es dort auch total blöd. Du willst ja nicht in der Kälte stehen. Ich finde Bars netter.

Partnersuche im Park - wie hier im Juni in der Hasenheide.

© imago images/Emmanuele Contini

Mia: Ich persönlich mag am meisten, sich bei jemandem zu Hause zu treffen, weil, da hast du den ganzen Stress nicht, irgendwo in der Schlange vor einem Club zu stehen. Und es ist warm.

Ben: Ja, eine Home. So heißt es, wenn man bei jemandem zu Hause feiert. Wenn nur so zehn Leute kommen, dann ist es mehr eine Chiller - noch so ein jugendlicher Fachbegriff. Da kannst du mit deinen Freunden sein, in der Küche reden.

Wer spricht in Parks oder Clubs eigentlich wen an? Mädchen Jungs oder Jungs Mädchen?

Mia: Meistens ist es so, dass sich zunächst mehrere Leute gewissermaßen zu einer Gruppe vereinen. Und wenn ein Mädchen einen Jungen attraktiv findet und anmacht, dann oft so in der Art: Hast du eine Kippe? Typen machen natürlich auch Frauen an, aber dazu kann ich nicht so viel sagen.

Ben: Ich bin jetzt auch nicht so der richtige Kandidat dafür. Ich habe noch nie im Park oder so jemanden nach seiner Nummer gefragt. Ich habe einen Freund, etwas älter, so 19, 20. Der hat schon mit über 100 Mädchen geschlafen. Er hat bestimmte, wie soll ich sagen, Methoden, um sich Mädchen zu klären. Die wendet er immer wieder an. Er hat mir von einer Sache erzählt, die ich witzig fand und die auch super funktioniert hat. Dazu musste er schon mit einem Mädchen im Gespräch sein. Dann schlägt er vor, darum zu knobeln - Schere, Stein, Papier -, ob sie sich küssen ...

Mia: ... ja, das kann wirklich funktionieren!

Ben: Das ist halt ein Spiel, was das Ganze ein bisschen interessanter macht, als einfach zu sagen: Lass’ küssen!

Julie: Wenn das ein Typ bei mir machen würde: Ich fänd’s ganz lustig. Vorausgesetzt, ich fänd’ ihn eh gut.

Ben, hat dein Freund wirklich nachgezählt, mit wie vielen Mädchen er etwas hatte?

Ben: Er hat ein Buch bei sich zu Hause.

Julie: Unter Mädchen ist es zurzeit ein extremer Trend, dass jeder eine Liste auf dem Handy unter Notizen führt. Ich habe selber dazugehört. Ich hatte eine mit Nummerierungen und Bewertungen. Vor ein paar Monaten habe ich sie gelöscht, weil ich dachte, dass es toxisch ist. Ich will ja auch nicht einfach nur eine Nummer für jemand anderen sein.

Zoe: Ich kenne auch einige, die Listen führen - aber ohne Bewertung.

Was macht an so einer Liste Spaß?

Mia: Früher, zu diesen Zeiten von Barney Stinson in „How I Met Your Mother“

Stinson war die Figur eines Womanizers in der amerikanischen Serie von 2005 ...

Mia: ... da waren Frauen immer nur Nummern. Ich glaube, die Listen kommen gerade bei Frauen so gut an, weil sie das Ganze umdrehen. In der Art: O. k., Männer. Jetzt seid ihr nur eine Nummer.

Julie, spielte bei dir auch ein Gleichberechtigungsaspekt mit hinein?

Julie: Vielleicht. Es war eine Liste von meinen Erfolgen quasi, auch wenn es nicht immer Erfolge waren. Manche meiner Freundinnen führen sie, weil sie sich sonst nicht erinnern können. Teilweise habe ich deswegen auch meine gestartet. Aber ich habe sie dann gelöscht, weil ich dachte: Wenn ich mich nicht daran erinnern kann - warum will ich es dann?

In der ,Status-Phase’ zwischen 13 und 16 geht es weniger um die Person des Partners als solches als darum, wie sie bei anderen angesehen ist.

Inge Seiffge-Krenke, Psychologie-Professorin

Die Psychologie unterteilt das Liebesleben von Teenagern in drei Phasen. Demnach treffen sich in Phase eins Gruppen von Jungen mit Gruppen von Mädchen an öffentlichen Orten. Nachdem in der Grundschulzeit ein Großteil der Jungs nur mit Jungs und der Mädchen nur mit Mädchen gespielt hätten, mache man sich im Schutze der Horde erst wieder mit dem anderen Geschlecht vertraut, erklärt die Psychologie-Professorin Inge Seiffge-Krenke, die in einer Längsschnittstudie Jugendliche vom 14. bis zum 29. Lebensjahr zusammen mit deren Eltern begleitet hat.

Zwischen dem 13. und dem 16. Lebensjahr folgt die Status-Phase, die so heißt, weil es in Beziehungen weniger um die Person des Partners als solches geht, sondern darum, wie sie bei anderen angesehen ist. Erst danach, in der sogenannten Affection-Phase, rückt der Partner in den Fokus. „Hier wird die Fähigkeit erlernt, sich auf eine Person einzulassen, Konflikte auszutragen, negative Emotionen zu äußern. Die Phase ist unheimlich wichtig: Was hier gelernt wird, wird als Modell auf spätere Paarbeziehungen übertragen“, sagt Seiffge-Krenke. Selbst häufige Partnerwechsel seien sinnvoll, denn so würde man herausfinden, zu wem man passt.

Ben: Dass ich aus Statusgründen Beziehungen hatte, war bei mir in der Grundschule so. Als ich auf die Sekundarschule wechselte, meinte ich dann zu den anderen: Ich hatte schon fünf Beziehungen!

In ihren ersten Beziehungen orientieren sich Jugendliche oft an Vorbildern aus dem Fernsehen - wie aus der Serie „Euphoria“ über das Liebesleben der 17-jährigen Rue.

© obs

Und wann hattest du deine erste echte Freundin?

Ben: Mit 15. Es fing auf der körperlichen Ebene an und irgendwann ist eine Beziehung draus geworden, weil man oft Gefühle entwickelt, wenn man viel miteinander macht. Wir hatten damals gesagt: Okay, ja, wir sind zusammen, damit man so ein bisschen einen Rahmen hatte, in dem man sich bewegen konnte. Das bedeutete auch, dass irgendjemand offiziell sagen musste: Jetzt ist es vorbei. Ich habe dann halt irgendwann Schluss gemacht, weil es Probleme gab, nicht so krasse, sondern einfach kleine Komplikationen, die sich angehäuft haben. Man wusste sich nicht zu helfen, wie man die klären sollte. Über eine längere Zeit hat mich das richtig bedrückt, weil ich einfach nicht mehr so diese Zuneigung gespürt habe. Es war eine schwere Last, und irgendwann habe ich dann den Schritt gemacht. Erst mal war man traurig, hat sich so für zwei Monate nicht mehr gesehen. Dann war man wieder befreundet, weil, man ist ja nicht im Schlechten auseinandergegangen.

Mia: Ich hatte in der sechsten Klasse meinen ersten Freund. Das war so mit Händchenhalten. Und dann noch mal einen in der achten. Ich habe damals versucht, Beziehungen, wie ich sie im Fernsehen gesehen habe, umzusetzen. Aber wirklich funktioniert hat es auch nicht.

Kannst du das bitte erklären?

Mia: Ich glaube ganz allgemein, dass Beziehung in dem Alter einfach heißt: viel Zeit miteinander verbringen, dauernd telefonieren, schreiben, möglichst viele Herzen auf Whatsapp posten. Mein Ding ist das gar nicht, fiel mir damals auf. Also meinte ich immer wieder zu ihm: Ich habe noch ein anderes Leben! Irgendwann habe ich Schluss gemacht. Danach habe ich mir gesagt: Ich werde jetzt eine Bad Bitch. Ich habe nur noch Sex und keine Ahnung was. Diese Einstellung bin ich bis heute noch nicht ganz losgeworden.

Es ist schwierig, wenn man selbst etwas Ernsthaftes will, und merkt, dass die Person, von der man etwas will, niemals etwas Ernsthaftes wollen wird.

Zoe

Was sagt ihr zum angeblichen Trend „Friendship plus“?

Julie: Das ist eine wunderbare Sache ...

Mia: ... schwer zu kriegen.

Julie: Weil diese One-Night-Stand-Kultur vor allem für Frauen manchmal unbefriedigend ist. Freundschaft plus ist sehr entspannt für Leute, die keine Beziehung wollen, aber trotzdem sexuell aktiv sind. Es klappt, solange keine Missverständnisse entstehen, was allerdings oft passiert. Eine Person entwickelt Gefühle, die andere nicht. Das kann dazu führen, dass dann die Freundschaft kaputtgeht.

Ben: Deswegen, glaube ich, ist Freundschaft plus eher etwas für Leute, die selbst keine Gefühle aufbauen können. Davon gibt es nicht so wenige. Mia, du meintest ja auch, dass du noch nie geliebt hast, oder?

Mia: Na ja, ich fand jemanden attraktiv und ich mochte ihn von seinem Charakter, aber es war nicht so, wie es immer in Filmen ist: Mein Herz klopft, ich denke die ganze Zeit an die Person nee, gar nicht.

Zoe: Also, ich bin eine Person, die extrem schnell Gefühle entwickelt. In einer Freundschaft plus wäre die Wahrscheinlichkeit für mich noch viel höher, dass mir am Ende das Herz gebrochen wird, weil die andere Person nicht mal irgendwas reininterpretiert.

Zoe, du bist, was Beziehungen angeht, am ernsthaftesten. Ist es manchmal schwierig für dich, wenn andere Spielchen spielen?

Zoe: Es ist eher schwierig, wenn man selber etwas Ernsthaftes will und merkt, dass die Person, von der man etwas will, niemals was Ernsthaftes wollen wird. Sonst ist es nicht schwer. Ich kenne es ja nicht anders. Wobei: Manchmal hätte gerne wenigstens eine Person, die so ähnlich denkt wie ich. Ich bin ja auch religiös, deswegen ist bei mir viel mehr konservatives Denken dabei.

Durch eine Verletzung hat meine Mutter erfahren, dass ich sexuell aktiv bin. Wir haben nicht weiter drüber geredet, nur gelacht.

Julie

Sprecht ihr eigentlich mit euren Eltern über solche Themen?

Zoe: Meine Eltern wissen so ziemlich alles über mich. Dass ich denen so unglaublich viel erzähle, liegt daran, dass wir auf die meisten Sachen sehr ähnliche Sichtweisen haben, sie mir auch einen guten Rat geben können und ich mich nicht verurteilt fühle.

Mia: Wir haben so die Generation Eltern, die sagt: Erzähl doch mal! Doch es gibt wenige Dinge, die ich mit meiner Mutter bespreche. Meistens sind es Situationen, in denen ich ihre Hilfe brauche, ihren Rat oder einfach eine andere Perspektive. Meine Mutter versucht immer, das so zu pushen: „Was ist denn eigentlich mit dem und dem?“

Julie: Meine Eltern sind getrennt. Meiner Mutter gegenüber konnte ich immer - was Alkohol und Drogen angeht - ehrlich sein. Über Jungs habe ich nie mit ihr geredet. Ich wusste, dass ich es ihr eigentlich erzählen kann, aber ich wusste nicht, wie ich es ansprechen sollte, und sie hat es selbst auch nicht getan. Neulich hat sie erfahren, dass ich sexuell aktiv bin, durch, sagen wir mal, eine Verletzung. Jetzt ist es eindeutig, dass sie weiß, dass das bei mir Thema ist. Wir haben aber nicht weiter darüber geredet, nur gelacht.

Das Durchschnittsalter, mit dem Jugendliche in Deutschland zum ersten Mal Sex haben, liegt bei 17 Jahren. Kommt das eurer Erfahrung nach hin?

Ben: Als ich das erste Mal damit konfrontiert war, also quasi mehr oder weniger die Gelegenheit hatte, war ich so 13. Mit 15, 16 geht es bei den meisten los.

Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsindentitäten differenzieren sich immer weiter aus. In der Öffentlichkeit kursieren viele Begriffe: zum Beispiel pansexuell, aromantisch oder demisexuell. Spielt das in euren Kreisen auch eine Rolle?

Mia: Auf jeden Fall.

Zoe: Was ich von Leuten höre, mit denen ich zusammen bin, ist, dass sie sich überhaupt kein Label geben wollen. Sie sagen: Ich liebe halt, wen ich liebe. Und ich muss nicht ein Wort draufdrücken.

Mia: Als ich meine Freunde aus der Schule kennenlernte, hat irgendjemand dazu ziemlich als Erstes in die Gruppe gefragt: Was ist euer Pronomen?

Ben: Ich finde, es macht Sinn, nach einem Pronomen zu fragen, weil es Leute gibt, die sich verletzt fühlen, wenn man sie mit dem falschen Pronomen anspricht, und sich selbst nicht zu sagen trauen, dass sie mit einem anderen Pronomen angesprochen werden wollen. Als Nicht-Betroffener unterschätzt man, wie es ist, einer diskriminierten Gruppe anzugehören. Die einzige Sache, bei der ich in meinem Leben irgendwie Diskriminierung hätte erfahren können, ist, dass ich auch auf Jungs stehe - also jetzt auch nicht so sehr wie auf Mädchen. Es gibt solche Phasen und solche. Deswegen finde ich es auch schwer, zu versuchen, alles in Schubladen zu packen. Es macht natürlich durchaus Sinn, es trotzdem zu tun. Begriffe schaffen halt irgendwie Ordnung. Wir können anderen damit zeigen: Okay, worauf sind wir aus? Aber ich kann schon verstehen, dass es einem auf die Nerven gehen kann, wenn es extrem wird.

Julie: Natürlich ist es mir auch lieber, dass Heteros als langweilig angesehen werden, als dass Menschen diskriminiert werden, weil sie - was auch immer - sind. Aber ich habe das Gefühl, momentan wird es ein bisschen übertrieben. Manche Leute spüren vielleicht auch den Druck, andere Sachen auszuprobieren, nur weil sie nicht uninteressant wirken wollen. Letztens stellte sich eine Person mir vor: Ich bin die und die und pansexuell. Da dachte ich: Okay, ich freu mich, dass du so offen bist, aber ich habe dich nicht gefragt. Ich stelle mich ja auch niemandem vor: Ich bin Julie und heterosexuell.

Mia: Mir ist aufgefallen, dass sich die Definition von heterosexuell verschoben hat. Es ist normal als Frau, auch mal seine Freundinnen zu küssen oder sich an die Brüste zu fassen. Das ist wahrscheinlich eine der Ursachen, warum auf einmal alle bisexuell sind.

Andere Zeiten: Als Madonna und Britney Spears sich 2003 auf der Bühne der MTV Music Awards küssten, war es als Provokation gedacht.

© dpa

Einer Umfrage des Berliner Start-ups Dalia unter 12 000 Europäern zufolge bezeichnen sich elf Prozent der 14- bis 29-Jährigen in Deutschland als lesbisch, schwul, bisexuell oder transgeschlechtlich. „Die Zahl zeigt, dass es keine kleine Randgruppe ist, sondern ein relevanter Teil der jungen Generation“, sagt Nora Gaupp, die am Deutschen Jugendinstitut Studien über queere Jugendliche durchführt und begleitet.

Dabei ist der Anteil derer, die nicht oder nicht ausschließlich heterosexuell sind, höher als der Anteil derer, die trans- oder diversgeschlechtlich sind. Dass in der letzten Shell-Studie von 2019 allerdings nur zwei der 1500 Befragten sich selbst als „divers“ bezeichnet haben, kann man nicht als Anhaltspunkt für die Größenordnung lesen, sondern die geringe Zahl zeigt, wie hoch die Hürde ist, sich zu einer Geschlechtsidentität jenseits der Norm zu bekennen.

Eine markante neue Entwicklung scheine zu sein, dass die nicht-binären Zuordnungen mehr würden, sagt Gaupp. „Da ist total etwas aufgerissen“, meint auch der Schriftsteller und Jugendpsychiater Jakob Hein, der eine Praxis in Kreuzberg hat. Jugendliche seien nicht mehr auf die „wenigen eingefahrenen Kategorien hetero, homo, männlich, weiblich“ fixiert. „Ihnen ist bewusst, dass die Welt der Liebe sehr bunt und vielschichtig ist und dass nichts falsch ist. Alles kann so geliebt werden, wie man es empfindet. Man darf zum Beispiel auch als Mädchen ein anderes Mädchen lieben. Das heißt nicht, dass man lesbisch ist. Das kann es heißen, aber es ist nicht sicher.“

Wie nah kommt ihr euch körperlich?

Julie: Was früher ein freundschaftlicher Wangenkuss war, ist mittlerweile einfach ein Kuss auf den Mund. Aber ich würde jetzt nicht auf einer Feier mit Mia wild rummachen.

Zoe: Ich kenne wenige Leute, die sagen, sie haben noch nie mit jemandem vom gleichen Geschlecht rumgemacht oder fühlen sich abgeneigt, irgendwann mal was mit dem gleichen Geschlecht zu haben.

Ben: Mädchen sind untereinander viel offener, was so was angeht. Unter den Jungs in unserer Clique ist es ziemlich unüblich.

Viele Jungs haben dasselbe Bedürfnis nach körperlichem Kontakt wie Mädchen. Sie tarnen es nur anders

Ben

Mia: Auch bei Männern hat sich die Hetero-Grenze verschoben, nur nicht so stark. Ben, guckt euch doch mal an, wie ihr miteinander umgeht. Dann ist da mal so ein kleiner Klaps auf den Po. Oder, was ihr immer macht: Ihr geht mit euren Gesichtern ganz nah aneinander ran. Das ist kurz vorm Küssen!

Ben: Viele Jungs haben, glaube ich, schon dasselbe Bedürfnis wie Mädchen: nach körperlichem Kontakt, Zuneigung. Aber sie tarnen das anders. Da werden Jokes gemacht. Man tut so, als ob man schwul wäre, zum Beispiel.

Wie offen gehst du damit um, dass du auch auf Jungs stehst?

Ben: Ich hatte als Kind irgendwelche Erfahrungen mit Jungs, aber seit der Pubertät nicht mehr. Deshalb habe ich das Gefühl: Ohne Erfahrungen kann ich nicht so richtig von mir behaupten, irgendetwas anderes zu sein als heterosexuell. Obwohl das natürlich Quatsch ist. Außerdem stört mich, dass es so ein bisschen ein Trend ist, sich als bisexuell zu bezeichnen. Als wollte man sich als etwas Besonderes darstellen. Und natürlich kommt hinzu, dass es zwar immer heißt: Ey, ist doch alles frei, ist doch alles cool. Man kann es jedem sagen. Aber es wird dann doch zu, ich nenne es mal, Mikroaggression kommen.

Was passiert genau?

Ben: So kleine Sachen, an denen du merkst, dass du anders wahrgenommen wirst. Das kennen Mädchen genauso, die sagen, dass sie bisexuell sind, und auf einmal heißt es von anderen Mädchen: Na, hoffentlich findet sie mich nicht attraktiv. Es gab ein paar Dinge, die haben genervt, und dann habe ich halt weggelassen, es zu sagen. Ich sehe es nicht als wichtigen Teil meiner Identität, dass ich es rausposaunen müsste. Wäre ich komplett schwul, wäre das wahrscheinlich anders. Aber so war das jetzt für mich keine große Sache, über die ich mir wochenlangen Gedanken gemacht habe.

Zoe: Ich kann es auch von mir selber sagen, dass man ein Vorurteil irgendwie in sich drin hat, ohne es zu wollen, weil man es in der Gesellschaft mitbekommt. Meine beste Freundin ist lesbisch. Rückblickend kann ich schon sagen, dass ich sie, als sich jünger war, anders behandelt habe als andere Freundinnen. Es war keine Homophobie oder so was. Aber ich musste erst einmal realisieren, dass, nur weil sie auf Frauen steht, es nicht heißt, dass sie Sachen, die ich und andere Leute machen, anzüglich findet. Ich hasse mich dafür, dass ich früher so eine Einstellung hatte, ohne dass ich es gemerkt habe. Ich glaube, das geht vielen so.

In einer Befragung unter queeren Jugendlichen aus Nordrhein-Westfalen meinten drei Viertel, dass sie beim Coming-out Ablehnung von Freunden fürchteten. Wie schätzt ihr die Stimmung in Berlin ein?

Zoe: Es gibt extrem oft so eine Möchtegern-Toleranz. Aber man merkt, dass sich das Verhalten von Menschen ein bisschen verändert, und davor hat man halt auch Angst.

Ben: Man hat ja nicht nur ein Mal sein Coming-out, und dann war es das. Dein ganzes Leben besteht aus Coming-outs, weil es eben nichts Normales - in Anführungsstrichen - in der Gesellschaft ist.

Ist das Beziehungsleben eurer Eltern Vorbild für euch oder eher abschreckend?

Zoe: Ich nehme meine Eltern extrem als Vorbild. Ich rede viel mit ihnen drüber, wie sie ihre Ehe leben, dass sie hält. Sie sind seit 20 Jahren zusammen. So was will ich unbedingt auch für mich haben. Wenn ich eine Person gefunden habe, will ich für immer mit ihr zusammen sein.

Ben: Ich finde es eher abschreckend, weil man heute sieht, dass sich Eltern trennen und Beziehungsprobleme haben. Meine Mutter und mein Stiefvater streiten sich halt, was normal ist. Als Außenstehender kann man die Streits immer so gut analysieren: Was war jetzt tatsächlich die Wurzel des Problems? Dann denke ich schon: Ich werde hundertprozentig mal in einer besseren Beziehung leben, was natürlich auch irgendwo sehr abgehoben klingt.

Julie: Also meine Eltern sind auch getrennt. Daher war ich lange quasi gefühlstechnisch taub, weil ich mir gedacht habe: Das wird eh nix. Ich werde gar nicht erst versuchen, Gefühle zu entwickeln, weil mir sonst nur wehgetan wird. Mittlerweile denke ich, es ist möglich, dass fast jeder die ideale Person für sich findet. Es ist schon mein Ziel, meine Traumperson zu finden. Eigentlich will ich auch Kinder haben, eben eine glückliche Familie.

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