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© Birds Aren’t Real

Tagesspiegel Plus

„Birds Aren’t Real“: Die große amerikanische Vogel-Verschwörung

Vögel gibt es nicht, behauptet eine Bewegung aus den USA. Hunderttausende junge Menschen folgen ihr. Was treibt ihre Drahtzieher an?

Ein Sommertag 2021 in Springfield im US-Bundesstaat Missouri. „VÖGEL GIBT ES NICHT“, „TAUBEN SIND LÜGNER“, „WACHT AUF“, steht auf Englisch auf Plakaten der versammelten Demonstranten. So zeigt es ein Youtube-Video des Protests.

Vor den Protestierenden klettert ein junger Mann im Anzug, Peter McIndoe, 23, auf einen weißen Lieferwagen, der mit US-Flagge, Satellitenschüssel und einem Vogelabwehrdraht ausgestattet ist. McIndoe streckt eine Hand zur Faust geballt in die Luft, in seiner anderen hält er ein Megafon. „Habt ihr Euch je gefragt, warum Vogelkacke nicht auf den Boden, sondern auf euer Auto fällt?“, schreit er. „Warum?“, grölt die Menge. „Vielleicht, weil sie eigentlich ein verflüssigtes Ortungsgerät der Regierung ist!“

Die Demonstranten sind jung, im Studentenalter, tragen Batik-Shirts, einige haben bunt gefärbte Haare. Und sie gehören der Bewegung „Birds Aren’t Real“ an. Zu Deutsch: „Vögel gibt es nicht.“ Ihre Anhänger behaupten öffentlich, die US-Regierung hätte alle lebendigen Vögel durch täuschend echte Überwachungsdrohnen ausgetauscht, um Menschen auszuspionieren. Und wenn die Roboter-Vögel auf Strommasten säßen, dann täten sie dies, um dort ihre Batterien aufzuladen.

Auf sozialen Medien wie Instagram und TikTok folgen Hunderttausende der Bewegung, die Demonstrationen in den ganzen USA organisiert. In Pittsburgh, Memphis und Los Angeles mietete sie Plakatschilder, um in riesigen Lettern zu verkünden: „Birds Aren’t Real“.

Ein großer Unterschied trennt sie allerdings von anderen Verschwörungsmythen: Ihre jungen Anhänger glauben selbst nicht an das, was sie erzählen.

Peter McIndoe ist der Erfinder Kampagne „Birds Aren’t Real“.
Peter McIndoe ist der Erfinder Kampagne „Birds Aren’t Real“.

© Birds Aren’t Real / Instagram

Peter McIndoe, lehnt auf einem Walmart-Parkplatz an seinem weißen Verschwörungs-Van, aufgedruckt darauf ist das Schema eines Roboter-Vogels. Auch diese Szene stammt aus einem Youtube-Video der Bewegung, sein Titel: „Erweckung der Blinden bei Walmart“. Der junge Mann spricht mit Passanten, die einkaufen gehen, deutet auf Vögel am Himmel: „Getarnte Überwachungsdrohnen.“ Eine versteckte Kamera filmt.

Ein Polizist in Sonnenbrille steigt aus seinem Auto, jemand habe angerufen und gesagt, McIndoes Van sehe verdächtig aus. McIndoe nimmt sich Zeit, öffnet den Van, erklärt dem Polizisten die Vogel-Verschwörung. „Gewissermaßen haben Sie dieselbe Aufgabe wie die Vögel, nämlich Menschen zu überwachen.“

Die Regierung stellt das beste synthetische Fleisch auf dem Markt her.

Peter McIndoe, Birds Aren’t Real

Später fragt ihn der Polizist, ob er mal Truthähne gejagt habe. Er selbst habe mal einen Truthahn erlegt, gehäutet und gegessen. „Köstlich! Das soll eine Drohne gewesen sein?“ „Jep“, antwortet McIndoe dem ungläubigen Polizisten. „Die Regierung stellt das beste synthetische Fleisch auf dem Markt her.“

Es ist Januar 2017, als McIndoe, mehr oder weniger zufällig die Bewegung erfindet. So erzählt er es später in verschiedenen Interviews. Donald Trump ist gerade als Präsident vereidigt worden. In Memphis, wo McIndoe Freunde besucht, zieht ein Frauenmarsch durch die Stadt. Daneben ein Gegenprotest von Trump-Anhängern.

Als McIndoe sie sieht, reißt er ein Poster von der Wand, schreibt drei Worte darauf, die ihm in diesem Moment zufällig in den Kopf kommen: „Birds Aren’t Real“. Er macht sich einen Spaß daraus, marschiert auf dem Gegenprotest. Als die Leute ihn danach fragen, was sein Schild bedeutet, denkt er sich innerhalb von Minuten die Verschwörung um die Drohnen-Vögel aus. Er wird auf dem Protest gefilmt, das Video landet auf Facebook. McIndoe geht viral, vor allem bei Teenagern in den Südstaaten.

Seitdem spielte McIndoe fünf Jahre lang eine Figur, demonstrierte gegen Vogel-Drohnen, trat in seiner Rolle als Schwurbler in Fernsehsendungen auf. Die Bewegung wurde größer, er verkaufte Merchandise, half Ortsgruppen von „Birds Aren’t Real“ in den ganzen USA zu gründen. Erst in den vergangenen Monaten tritt er als Privatperson an die Öffentlichkeit, gibt Interviews, um seine Bewegung zu erklären.

McIndoe, so erzählt es in seinen Interviews, wuchs in einer sehr ultrakonservativen Familie auf, die ihn lange von der Außenwelt abschottete. Zu Hause unterrichtet, sei ihm erzählt worden, Evolution wäre eine riesiger Gehirnwäsche-Komplott der Demokraten und Obama sei der Antichrist. Als er mit zehn Jahren erzählt habe, dass er nicht an Gott glaubt, sei er so behandelt worden, als sei er von einem Dämon besessen, der einen Exorzismus bräuchte.

Politische Satire kann den Spieß umdrehen, neue Erzählungen schaffen.

Sophia McClennen, Penn State University

Das Internet, für viele Menschen die Einstiegsdroge zu Verschwörungsmythen, wirkt auf McIndoe umgekehrt: Es ist sein Fenster in eine Außenwelt, in der er Sicherheit und Gleichgesinnte finden und aus den strengen Weltanschauungen seiner Familie ausbrechen kann.

Sophia McClennen, 56, erforscht als Professorin an der Penn State University die Schnittstellen zwischen Humor und Politik. Am Telefon erzählt sie besorgt, wie die US-Gesellschaft sich polarisiere, immer mehr in zwei Lager teile. „Es gibt keine gemeinsamen Informationsquellen mehr, kein Projekt, an dem die Gesellschaft gemeinsam arbeitet.“

Politischer Humor ist das Fachgebiet von Sophia McClennen, Professorin an der Penn State University.
Politischer Humor ist das Fachgebiet von Sophia McClennen, Professorin an der Penn State University.

© Foto: Penn State / Creative Commons

Konventionelle Medien würden sich von Verschwörungsgruppen und Menschen wie Trump immer wieder die Geschichten, über die sie berichten, vorschreiben lassen. „Politische Satire kann den Spieß damit umdrehen, neue Erzählungen schaffen“, sagt McClennen. Bewegungen wie „Birds Aren’t Real“ würden Humor als entwaffnende Kraft nutzen, um die Absurdität verbreiteter Falschinformationen aufdecken.

„Ich meine: Was ist verrückter? Zu behaupten, dass es Vögel nicht echt sind oder als Trump, als er sagte, man solle Bleichmittel trinken, um das Corona-Virus einzudämmen?“ Die Bewegung habe eine Erzählung geschaffen, die ermögliche über Verschwörungsmythen zu lachen und gleichzeitig, ihre gefährlichen Seiten aufzuzeigen.

„Birds Aren’t Real“ reiht sich in eine Tradition politischer Satire aus den USA ein, in denen Menschen in realen Situationen absurde Rollen spielen: Von Sascha Baron Cohen, der mit „Borat“ und anderen Kunstfiguren die US-amerikanische Gesellschaft vorführte bis zu dem Satiriker Stephen Colbert, der sich 2008 als extremistischer Scheinrepublikaner für die Gouverneurswahlen in South Carolina registrierte.

Als Trump Präsident wurde, ist meine Mum durchgedreht.

Brendan Trachsel, Birds Aren’t Real

Im vergangenen Jahr tourt „Birds-Aren’t-Real“-Gründer McIndoe mit seinem Transporter durch die USA, mobilisiert Menschen besucht verschiedene Ortsgruppen. In San Francisco protestierte er mit den Anhängern vor der Twitter-Zentrale in San Francisco, der Konzern solle sein Vogel-Logo ändern. Bei einer Anti-Abtreibungs-Demo in Texas skandiert die Bewegung „Vögel gibt es nicht“ bis die Abtreibungsgegner ihren eigenen Protest verlassen.

An der North Arizona University trifft er auf Brendan Trachsel, 21, lange Haare und Bart. Trachsel leitet dort „Birds Aren’t Real“. „Als Peter für einen Protest zu uns kam, war es, als würde ich einen Prominenten treffen“, erinnert sich Trachsel bei einem Videoanruf. An der Wand seiner Studentenwohnung hängt ein Poster mit durchgestrichenem Vogel.

Die Birds-Aren’t-Real-Gruppe an der North Arizona University hat nach Angaben von Brendan Trachsel ungefähr 30 Mitglieder, hier ihre Leiter mit Gründer McIndoe in der Mitte.
Die Birds-Aren’t-Real-Gruppe an der North Arizona University hat nach Angaben von Brendan Trachsel ungefähr 30 Mitglieder, hier ihre Leiter mit Gründer McIndoe in der Mitte.

© Brendan Trachsel

Trachsel, ein Naturliebhaber, der der Park- und Erholungsmanagement studiert, folgte schon als Schüler der Bewegung auf Instagram. Als er 2020, kurz vor der Präsidentschaftswahl, sein Studium anfängt, beginnt er alleine an seiner Uni zu demonstrieren, heute sei die Gruppe auf dreißig Mitglieder gewachsen.

Wie Trachsel gehörten die Anhänger der Bewegung der Generation Z an, jungen, um die Jahrtausendwende geborenen Menschen. Politisch und gesellschaftlich, findet Trachsel, hätten aber vor allem ältere Menschen das Sagen. „Mit der Bewegung schafft sich meine Generation einen Raum, den wir selbstbestimmt gestalten und der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten.“

„Birds Aren’t Real“ ermögliche ihm, mit der verrückten Welt draußen umzugehen, sagt Trachsel. „Als Trump Präsident wurde, ist meine Mum durchgedreht.“ Sie glaube, dass Biden bei der Wahl 2020 Trump die Präsidentschaft gestohlen habe. Als seine Mutter zum Beispiel beim Thanksgiving-Essen von einer Verschwörung faselte, habe ihr Trachsel entgegnet: „Nun, Mum, Vögel sind nicht echt, weißt du das nicht?“ Das habe sie, besser als jedes Gegenargument, zum Verstummen gebracht.

Jeder wisse, dass viele Menschen in den USA durchgeknallt seien. „Sind Verschwörungstheorien verrückt? Auf jeden Fall!“ Trotzdem erzeugten sie ein Gemeinschaftsgefühl, das heutzutage vielerorts verloren gegangen sei.

Bei den Protesten könnten sie alle in andere Rolle schlüpfen, ihre verrückte Seite herauslassen, schreien, mit Schildern und ausgestopften Vögeln zu den Protesten kommen. Die Bewegung sei eine Möglichkeit, Zusammengehörigkeit zu leben, ohne in den Wahnsinn von Verschwörungen abzudriften.

Ihren Medienerfolg nutzt die Bewegung indes, um ihre eigene Erzählung weiterzuspinnen. Im Januar 2022 erscheint ein neues Video auf ihrem Instagram-Kanal. Zu epischer Musik schreit Gründer McIndoe in die Kamera, man solle die Fernseher ausschalten. Sein Gesicht sei in die Interviews, in denen er „Birds Aren’t Real“ als Satire bezeichnet, hineinmontiert worden. „Wem vertraut ihr? Mir oder den Medien?“ Eine Frage, wie sie nur der Drahtzieher einer Verschwörung stellen kann.

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