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Kirill Martynow ist Vize-Chefredakteur der „Nowaja Gaseta“ – Titelseite vom 16. März.

© privat/Nowaja Gaseta (16.3.) | Montage: TSP

Tagesspiegel Plus

Die letzten Tage der Putin-kritischen Presse?: „Uns bleibt nicht mehr viel Zeit“

Die „Nowaja Gaseta“ ist Russlands wichtigste freie Zeitung. Vize-Chefredakteur Kirill Martynow über Grenzen und Schlupflöcher der staatlichen Zensur.

Herr Martynow, Sie sind Vize-Chefredakteur der „Nowaja Gaseta“, einer der letzten unabhängigen, freien Zeitungen Russlands. Wie gehen Sie mit der Zensur und der Gängelung durch die Regierung um?
Die russische Presse wird von den Behörden gerade komplett zerstört. Es gibt in Russland kaum noch Journalisten, die tatsächlich ihrer Arbeit nachgehen können – und nur noch wenige Medienhäuser, die trotz der Kriegszensur berichten können. Wir bei der „Nowaja Gaseta“ haben das Gefühl, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt, um frei zu berichten. Russland fühlt sich im Moment wie eine erblindete Gesellschaft an. Die allermeisten Russen haben einfach keine Informationen darüber, was in der Ukraine passiert. Sie wissen ja nicht mal, was in ihrer eigenen Heimat passiert. Ich glaube, dass es in der jüngeren Geschichte noch nie eine solche Situation in einem europäischen Land gegeben hat.

Auf der Mittwochs-Titelseite Ihrer Zeitung zeigen Sie den Moment, als die russische Journalistin Marina Owsjannikowa live im Fernsehen ein Schild mit der Aufschrift „Kein Krieg“ in die Kamera hielt. Wie bewerten Sie ihren Protest?
Marina Owsjannikowa ist eine Heldin. Sie hat viele Jahre für das Staatsfernsehen und im Dienst der Propaganda gearbeitet. Auch dass sie zunächst freigelassen wurde, ist ein gutes Zeichen.

Gegen den Krieg: Marina Owsjannikowas Protestaktion am 14. März in der Sendung „Wremja“.
Gegen den Krieg: Marina Owsjannikowas Protestaktion am 14. März in der Sendung „Wremja“.

© AFP

Warum, glauben Sie, haben die Behörden sie nicht direkt eingesperrt? Immerhin stehen auf die Erwähnung des Krieges bis zu 15 Jahre Haft – der Strafprozess dafür könnte ihr wohlgemerkt noch bevorstehen.
Sie haben wahrscheinlich einfach noch nicht entschieden, was mit Marina Owsjannikowa passieren soll. Die russischen Behörden haben so einen Protest überhaupt nicht erwartet.

Wie wichtig ist die Sendung, in der Marina Owsjannikowa ihre Aktion durchführte?
Es ist die beliebteste Nachrichtensendung im russischen Fernsehen. Ich kann die Zahl nur schätzen, aber es könnten bis zu 15 Millionen Zuschauer gewesen sein. Die Sendung, „Wremja“, hat ihren Ursprung in der UdSSR. Als ich ein Kind war, in der späten UdSSR, war es die Nachrichtensendung, die alle Familien sahen. Wegen dieser Nostalgie und weil es die Sendung seit 30 oder 40 Jahren gibt, wird sie von Millionen Russen gesehen. Deshalb war Owsjannikowas Protest ein sehr wichtiges Ereignis. Es gibt übrigens ein interessantes Gerücht, an dem auch etwas dran zu sein scheint: dass Präsident Putin diese Sendung gerne sieht.

Waren Sie überrascht, dass eine bis vor kurzem systemtreue Journalistin sich jetzt gegen Putin und den Krieg wendet?
Eigentlich nicht. Wenn man, wie viele Russen zurzeit, überhaupt nicht weiß, was in der Ukraine und in Russland passiert, kann man vermutlich auch weiterhin einen Weg finden, in diesem System zu leben. Sogar die Soldaten in der russischen Armee sind ja leicht zu täuschen. Aber die Journalisten beim russischen Staatsfernsehen oder bei anderen Staatsmedien verstehen ziemlich gut, was in der Ukraine und in Russland passiert. Sie sehen diesen Krieg und die Katastrophe, die sich in Russland ereignet. Ich glaube daher, dass viele Journalisten bereits entschieden haben, ihre Arbeit einzustellen.

Meinen Sie, Owsjannikowas Beispiel wird das beschleunigen?
Die Signalwirkung ist nicht zu unterschätzen: Bis vor zwei Tagen war die russische Staatspropaganda eine Art Mauer um die Realität, es war unmöglich, selbst von innen heraus etwas gegen dieses Zerrbild zu tun. Die Propaganda wiederholt immer wieder dieselben Slogans: Putin ist großartig, Russland ist perfekt. Und für ein paar Sekunden hat Marina Owsjannikowa diese Mauer durchbrochen und gezeigt, dass die Propaganda nicht mehr perfekt funktioniert.

Wir haben Dutzende von Journalisten, die jederzeit vom russischen Staat als Geiseln genommen werden könnten.

Kirill Martynow

Die Moderatorin Lilija Gildejewa hat kürzlich Russland verlassen und gekündigt. Im Exil erklärte sie, sie habe Angst gehabt, man würde sie nicht ausreisen lassen.
Wir wissen von einer ganzen Reihe von Journalisten der russischen Fernsehsender und einiger staatlicher Medien – deren Namen wir aus Sicherheitsgründen nicht nennen können –, die ihre Medienhäuser verlassen haben, weil sie so nicht mehr arbeiten können. Sie spürten, dass sie die Kompromisse, die sie mit dem System gemacht hatten, unter den aktuellen Umständen nicht mehr aushalten.

Letzte Woche gab es auch ein Interview mit einem russischen Armeeveteranen, der im nationalen Fernsehen aussprach, dass im Donbass russische Soldaten sterben, dass es große Verluste gibt. Der Moderator unterbrach ihn harsch. Wie geht Russland mit diesen Menschen um?
Dieser Armeeveteran war selbst in einem Krieg, er versteht gut, was Krieg wirklich bedeutet. Daher konnte er sein eigenes Erleben, seine eigene Erfahrung des Krieges sehr genau beschreiben – und das stört die Propaganda natürlich, die behauptet, dass der Krieg großartig laufe und dass Russland siegen werde. Für die russische Regierung ist jeder, der ehrlich über den Krieg spricht, ein Verräter.

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Das macht auch Sie zu einem Verräter. Wie geht es Ihnen in dieser Situation?
Ich war wochenlang sehr, sehr erschöpft. Marina Owsjannikowa war ein Hoffnungsschimmer, dass die öffentliche Meinung in Russland doch geändert werden kann. Dieser Krieg ist eine moralische Katastrophe für die Gesellschaft. Gestern stand eine junge Frau mit einem Plakat vor der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale. Darauf stand: Du sollst nicht töten. Die Polizei hat sie festgenommen. Mittlerweile kämpfen die Behörden gegen alle Werte, die die europäische Geschichte geprägt haben. Das ist schrecklich, es ist unbegreiflich.

Auf der aktuellen Titelseite der „Nowaja Gaseta“ steht die Schlagzeile: „Der Zombiekasten hat Risse bekommen in der Live-Sendung des Ersten Kanals – jetzt droht der Redakteurin Marina Owsjannikowa ein Strafverfahren.“ Gehen Sie nicht selbst ein erhebliches Risiko ein, indem Sie den Protest weiterverbreiten?
Wir hatten natürlich eine große Diskussion darüber, was wir unter den neuen Zensurgesetzen tun können. Am Ende haben wir beschlossen, Marina Owsjannikowa auf der Titelseite zu bringen, allerdings haben wir ein Wort verpixelt: Krieg. Jeder in Russland wird ihre Botschaft auch so verstehen. Aber ja, es war eine ziemlich schwierige Frage, was wir drucken können, damit die Leute, die den Text geschrieben haben, nicht strafrechtlich verfolgt werden.

Von wo aus arbeiten Sie selbst gerade?
Das kann ich aus Sicherheitsgründen aktuell leider nicht sagen.

Wie viele Ihrer Redaktionsmitglieder sind noch in Russland?
Viele. Das ist notwendig, aber auch ein Problem. Wir können unsere Arbeit nicht mit voller Kraft machen, weil wir Dutzende von Journalisten haben, die jederzeit vom russischen Staat als Geiseln genommen werden könnten. Die Behörden lassen uns wissen, dass sie Namen und Wohnorte unserer Mitarbeiter kennen – und die ihrer Familien. Das ist für mich das größte Problem: Wie schützen wir all diese Menschen? Wir können viele Leute umsiedeln, aber die Journalisten, die noch in Russland sind und dort Familien haben, kann ich nicht schützen.

Was wird langfristig aus Ihrer Zeitung und Ihren Kollegen werden?
Ich hoffe, dass wir alle unsere Journalisten in Sicherheit bringen können. Wir wissen, dass wir im Internet blockiert werden und die Behörden uns jederzeit die Lizenzen nehmen können – aber wir wissen nie, was der Auslöser sein könnte.

Haben Sie ein Beispiel für Geschichten, die das zur Folge haben könnten?
Wir hatten eine große Reportage über die südukrainische Stadt Mykolajiw, die von russischen Truppen angegriffen wurde. Unsere Reporterin ist die einzige Journalistin aus Russland, die von dort berichtet – eine sehr tapfere Frau, Jelena Kostjutschenko. Wir sind sehr stolz darauf, dass die ukrainischen Behörden ihr erlauben, in dieser Situation ihre Arbeit zu machen. Die Behörden verstehen, dass wir nur unsere journalistische Pflicht erfüllen und keine Propaganda machen. Ein anderes Beispiel: In einem Artikel beschrieben wir die Zwangsmobilisierung in den von Russland kontrollierten „Volksrepubliken“ Luhansk (LNR) und Donezk (DNR). Eine schreckliche Geschichte: Niemand will in den Kampf ziehen und sterben. Den Artikel haben mehr als eine Million Menschen gelesen.

Ein Wohnhaus in der südukrainischen Stadt Mykolajiw nach einem russischen Angriff am 7. März.
Ein Wohnhaus in der südukrainischen Stadt Mykolajiw nach einem russischen Angriff am 7. März.

© IMAGO/UPI Photo

Die russischen Behörden lassen Sie darüber schreiben?
Wir argumentieren, dass wir darüber berichten dürfen, weil die Behörden nur verboten haben, über die russische Armee zu schreiben. Offiziell sind die „LNR“ und die „DNR“ aber kein Teil Russlands. Ich bin mir nicht sicher, was in den nächsten Tagen mit uns passiert. Aber ich glaube, dass wir in diesen Wochen alles getan haben, was wir tun können.

Lesen Sie jetzt mehr Menschen in Russland, weil sie wissen, dass Sie solche Lücken in der Gesetzgebung finden?
Ja, wir haben eine Menge neuer Abonnenten und Spender. Wahrscheinlich hatten wir in der gesamten Geschichte von „Nowaja Gaseta“ noch nie eine so große Leserschaft in Russland: täglich fünf Millionen Klicks auf der Seite. Es gibt ein riesiges Interesse an verlässlichen Informationen über den Krieg und die russische Wirtschaft.

Haben Sie den Eindruck, Ihre Berichterstattung bewirkt etwas?
Unsere Aufgabe ist es, diesen Krieg zu beenden. Natürlich bin ich mir nicht sicher, ob wir diese Aufgabe als Journalisten erfüllen können. Wir brauchen dabei aber nicht einmal Pro- oder Anti-Kriegs-Propaganda machen. Wir müssen nur beschreiben, was passiert. Wenn man schlicht die Fakten auf den Tisch legt, könnte das schon ein Wendepunkt sein. Ein klitzekleiner Beitrag zur russischen Antikriegsbewegung.

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