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Der "Eiserne See" im Lunapark gilt als Vorläufer des heutigen Autoskooters.

© Ullstein

Lunapark in Berlin: Extrem laut und unglaublich voll

Am Halensee eröffnet 1910 der Lunapark – ein gewaltiger Ort der Vergnügungen. Zehntausende Berliner strömen hin, Nachbarn sind genervt, Maxim Gorki spottet.

Bereits wenige Tage nach Eröffnung gingen bei der Polizei Beschwerdebriefe ein. Anwohner waren empört. Die zu Hunderten vorfahrenden Autodroschken verursachten rund um den Halensee Gestank und Lärm, dazu kamen die Geräusche aus dem Park: das Rattern von Metallrädern auf Holzschienen, das Kreischen der Gäste, Motorenbrummen. Auch die Völkerschau störte, damals im Mai 1910.  Immer wenn die sogenannten „Somalineger“ ihre Tänze aufführten, wurde getrommelt und laut auf den Boden gestampft.

Polizei und Verwaltung reagierten auf die Beschwerden: Das Dorf der Somalis wurde mit Lärmschutzwänden abgeschirmt, den Gästen das Kreischen auf Fahrgeschäften untersagt. Allerdings musste der Polizeipräsident von Schöneberg-Wilmersdorf bald eingestehen, dass die „völlige Beseitigung dieses Übelstands“ unmöglich war, da trotz der an verschiedenen Stellen auf seine Veranlassung hin angebrachten Plakate, die Schreie verboten, einzelne Fahrgäste „immer noch unwillkürlich ihren Gefühlen Luft“ machten.

Er war der größte und berühmteste Vergnügungspark Berlins. Direkt am Halensee gelegen, am westlichen Ende des Kurfürstendamms, wo die dichte Innenstadtbebauung überging in die locker bebaute Villenkolonie Grunewald, bot der Lunapark auf 5,5 Hektar ein Sammelsurium an Attraktionen. Alle Gäste betraten ihn vom Kurfürstendamm aus durch ein nahezu haushohes Eingangsportal, an das sich ein enger Säulengang anschloss. An dessen Ende öffnete sich das Gelände, und über eine breite Freitreppe gelangten die Besucher hinab in den Park.

Den vorderen Teil dominierten die „Terrassen am Halensee“, ein Ausflugslokal für bis zu 10 000 Gäste. Die Architektur des Riesen-Restaurants war ungewöhnlich. Von innen beleuchtbare Türme, Skulpturen und ein künstlicher Wasserfall schufen ein verspieltes Ambiente. Die Gäste saßen auf offenen Terrassen mit Blick auf den See. Vorm Gebäude musizierte ein Orchester, auf einer Freiluftbühne traten Akrobaten auf, eine illuminierbare Fontäne sprühte Wasser in die Luft, im „Bayrischen Dorf“ wurde Bier ausgeschenkt und Schuhplattler vorgeführt.

Dahinter befanden sich die Rummelplatzattraktionen. Die Karren der Wasserrutschbahn rollten eine Rampe ins Wasserbecken hinab. Es gab den „Eisernen See“, einen Vorläufer der heutigen Autoscooter, dazu Karusselle, Schieß- und Würfelbuden. Außerdem einen Saal, in dem ein neuartiger Modetanz namens Tango ausprobiert werden konnte, später auch Shimmy und Charleston. Auf einer Wackeltreppe bewegten sich die Stufen fortwährend auf und ab, sodass es mühsam war, sie zu erklimmen, und lustig für das Publikum, anderen dabei zuzuschauen. Abends erleuchteten zehntausende Glühlampen das Gelände, und mehrmals in der Woche wurde Feuerwerk abgebrannt.

Was Heinrich Mann im Park erlebte

Der "Eiserne See" im Lunapark gilt als Vorläufer des heutigen Autoskooters.
Der "Eiserne See" im Lunapark gilt als Vorläufer des heutigen Autoskooters.

© Ullstein

Je nach Geschmack konnten sich die Gäste des Lunaparks durchschütteln lassen, durchnässt, gedreht und geschleudert werden, schnelle Fahrten, ungewohnte Höhen, Fliehkräfte und optische Illusionen auf sich wirken lassen. Doch auch ein ruhiger Aufenthalt war möglich. Die „Vossische Zeitung“ schrieb 1926: „Der Luna-Park, der in dem staubigen Steinmeer des sommerlichen Berlins eine erfreuliche Oase reiner Luft und gesunder Erholung bietet, ist schon wegen seines herrlichen weiten Parks und wegen der kühlenden Nähe des Halensees ein beliebter Ausflugsort der Berliner.“ Überhaupt schrieben viele Zeitgenossen über den Lunapark. Nicht alle waren begeistert, manche lehnten die Vergnügungen als oberflächlich ab. Maxim Gorki etwa durchlebte ein Wechselbad der Gefühle. Er beschrieb „gräuliche Pracht“ voller „alberner Attraktionen“ und „braver deutscher Musik, die man ,Musik für Dicke‘ nennen könnte“, und musste dennoch zugeben, dass die Seiltänzerin, das Feuerwerk und die nächtliche Illumination „beinahe schön“ waren. Heinrich Mann fasste seinen Besuch des Parks im Sommer 1929 mit den Worten zusammen: „Dank Ironie wird alles erträglich.“

Von 1910 bis zum Ersten Weltkrieg öffnete der Lunapark jährlich im April oder Mai und bot dann ein Vergnügungsprogramm für die Sommermonate. Kurz nach Kriegsbeginn 1914 musste der Lunapark schließen. Im Hauptrestaurant wurden ein Lazarett und eine Konservenfabrik zur Versorgung der Armee eingerichtet. Erst an den Pfingstfeiertagen 1920 eröffnete der Lunapark wieder.

Angesichts der hohen Ausgaben für neue Attraktionen, Energie für bis zu 1000 Angestellte und die „Lustbarkeitssteuer“ war der Lunapark darauf angewiesen, in der kurzen Sommersaison so viel Publikum wie möglich anzuziehen. Deswegen musste sich die Direktion immer wieder Neuerungen einfallen lassen: Liliput hieß 1926 die sogenannte Zwergenstadt, in der kleinwüchsige Bewohner den Bürgermeister, die Feuerwehr, die Stadtwache und eine Zirkustruppe stellten. Ebenfalls 1926 installierte die Direktion eine der ersten Rolltreppen Berlins – noch bevor diese zum alltäglichen Beförderungsmittel in der Berliner U-Bahn wurden. Und Max Schmeling trat im Park vor 5000 Zuschauern zu seinem ersten Titelkampf an: In nur zweieinhalb Minuten besiegte er seinen Gegner Max Diekmann, wurde mit 21 Jahren Deutscher Meister im Halbschwergewicht.

Auch das neue Medium Rundfunk prägte das Vergnügungsangebot des Parks. Seit Oktober 1923 wurden die ersten Radiosendungen aus dem Berliner Vox-Haus gefunkt, noch aber gab es nur wenige Privathaushalte mit Empfangsgeräten. Im Lunapark öffnete daher ein Radiohaus, in dem das Rundfunkprogramm gehört werden konnte. 1927 gab es ein Funkfest, das als Testlauf für die noch junge Technik der Liveübertragung diente. Wer inzwischen ein Radio besaß, konnte das Fest zu Hause vor dem Gerät verfolgen. Dennoch musste der Lunapark an diesem Abend wegen Überfüllung schließen. Die „Vossische Zeitung“ schrieb, eine „noch größere Menschenmenge als sonst“ habe sich „vor den Toren des Lunaparks“ gestaut, eine „bunte, fröhliche Menge wogte treppauf und treppab, stand oben auf der Dachterrasse (...) und hielt jedes kleinste Plätzchen und Tischchen besetzt“. Die Direktion teilte anschließend mit, 68 000 Gäste seien eingelassen, weitere 15 000 abgewiesen worden.

Warum sich Historiker heute mit einem Unterhaltungsangebot wie dem Lunapark befassen? Weil auch dort gesellschaftlich relevante Konflikte ausgefochten wurden. Zum Beispiel die Lärmbeschwerden der Anwohner. Sie zeigen, dass bereits 1910 darüber gestritten wurde, wie laut Vergnügen in der Stadt sein durfte, wo es überhaupt geduldet wurde und wie man die Störungen für die Anwohner möglichst gering halten konnte. Zu den Maßnahmen der Stadt gehörte damals übrigens auch, dass Taxis nur noch direkt auf dem Kurfürstendamm halten durften. Man nahm an, dass sich die dortigen Anwohner bereits an die Geräusche des neuen Verkehrsmittels gewöhnt hatten.

Der Lunapark wollte ein zentrales Vergnügungsangebot der Weltstadt Berlin sein. Zum damaligen Verständnis von Internationalität gehörte auch ein großes Interesse an vermeintlich exotischen Bauten, Menschen und Tieren. Bis in die 1930er Jahre hinein wurden daher tausende Menschen aus aller Welt von professionellen Impresarios nach Europa und Nordamerika gebracht, um dem Publikum ihren scheinbar authentischen Alltag vorzuführen. Nach den trommelnden „Somalinegern“ aus der Startsaison präsentierte der Park 1911 die „Straße von Kairo“ mit Nachbauten einer Moschee, eines Kaffeehauses, einer Basarstraße und eines Harems. Diese Attraktion wurde eher spöttisch kommentiert, die „Berliner Morgenpost“ schrieb: „Alles sieht noch etwas zu neu aus, und in den Duft des Orients mischt sich der Geruch frischer Ölfarbe“. Ernsthafter fielen die Presseberichte zur Kongo-Schau des Lunaparks 1912 aus. Erst im November des Vorjahres waren im Zuge des Marokko-Kongo-Abkommens zwischen Frankreich und Deutschland Teile von Französisch-Äquatorialafrika übernommen und der deutschen Kolonie Kamerun angegliedert worden. Die Völkerschau des Lunaparks warb nun damit, „unsere neuesten Landsleute, die Kongoneger“, importiert zu haben, und die Berliner Presse fühlte sich berufen, anthropologische und kolonialpolitische Statements abzugeben. Die „Wilmersdorfer Zeitung“ schrieb: Die ausgestellten Afrikaner zeigten sich als ein „prächtiger, kräftiger Menschenschlag von nicht unbedeutender Intelligenz, die es unter der strammen deutschen Zucht wohl zur Gesittung und großen Brauchbarkeit für die menschliche Gesellschaft bringen“ würden.

Im Sommer Schlittschuh laufen?

Der "Eiserne See" im Lunapark gilt als Vorläufer des heutigen Autoskooters.
Der "Eiserne See" im Lunapark gilt als Vorläufer des heutigen Autoskooters.

© Ullstein

Anders als heutige Anlagen waren Vergnügungsparks um 1900 nicht überwiegend Kinderbelustigungen. Vielmehr kamen hier Männer und Frauen, alte und junge Menschen sowie Angehörige aller sozialen Schichten zusammen. Obwohl der Lunapark, wie der Berliner Flaneur Franz Hessel schrieb, „für alle“ war, lag er doch am Ende des Kurfürstendamms. Dieser entwickelte sich zum Symbol nicht nur der Reichen und Neureichen Berlins, sondern auch der aufstiegswilligen Schicht der Angestellten. Letztere wohnten zwar selten rund um den Kurfürstendamm, aber kamen dorthin, um die zahlreichen Vergnügungslokale aufzusuchen und ihre Bereitschaft zum sozialen Aufstieg zu verdeutlichen. Joseph Roth bezeichnete den Lunapark daher als die „Pointe des Kurfürstendamms“.

Der Park war auch deshalb für ein schichtenübergreifendes Massenpublikum attraktiv, weil es innerhalb des Geländes Möglichkeiten gab, sich abzugrenzen. Eine davon bestand in der Staffelung der Eintrittspreise: In der Saison 1911 kostete der Parkeintritt an normalen Tagen 50 Pfennige. An „Volkstagen“ mussten die Gäste nur die Hälfte bezahlen. Das teurere Pendant waren die „Elitetage“, an denen der Eintritt eine Mark kostete. Wer es sich leisten konnte, mischte sich unter das exklusivere Publikum der Elitetage und bekam für sein höheres Eintrittsgeld auch Extras geboten, etwa ein prächtiges Feuerwerk oder den Aufstieg eines Fesselballons.

Prominentestes Fahrgeschäft war die Gebirgsszeneriebahn, deren Kulisse im Laufe der Jahre zigfach umgestaltet wurde, mal eine Urwald-, mal eine mittelalterliche, mal eine Wolkenkratzerdekoration abbekam. Letztere erinnerte viele Besucher 1928 an den im Vorjahr uraufgeführten Film „Metropolis“ von Fritz Lang. Siegfried Kracauer dachte internationaler und beschrieb die Bahn als ein „überberlinisches New York“.

Mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit erregte das 1927 eröffnete Wellenbad. In dem 40 Meter langen Becken badeten Frauen und Männer gleichzeitig, damals keine Selbstverständlichkeit. Eine Wellenmaschine erzeugte bis zu zwei Meter hohe Wogen. Da sich das Hallendach öffnen ließ, konnte im Sommer unter freiem Himmel gebadet werden. Durch eine Brücke war das Bad mit dem Dach des Terrassengebäudes verbunden. Dort befand sich eine Sommereisbahn, auf der Gäste im Badekostüm Schlittschuh laufen konnten.

Der Betrieb eines Vergnügungsparks war (und ist) prekär. Bereits ein verregneter Sommer konnte sich verheerend auf das Geschäft auswirken. Der Lunapark meldete im Oktober 1933 nach 19 Betriebsjahren Konkurs an. Sein Ende war durch diverse Faktoren bedingt: Mit der Weltwirtschaftskrise blieben die Massen von Gästen aus, die in der Lage waren, viel Geld für Unterhaltung auszugeben. Die Betreiberfirma des Parks hatte hohe Schulden angesammelt – ob Steuern oder Misswirtschaft dafür verantwortlich waren, ist heute kaum rekonstruierbar. Ebenso ist der Einfluss der Machtübernahme der Nationalsozialisten schwer einzuschätzen. Deren Abneigung gegen das vermeintlich dekadente Treiben im Park war sicherlich nicht förderlich. Doch die Organisatoren hatten es auch in den letzten Betriebsjahren versäumt, in neue Attraktionen zu investieren.

Von den Fahrgeschäften und Buden ist heute nichts mehr übrig. Mitte der 1930er Jahre zeigte der Berliner Magistrat im Zuge der Planungen für die Olympischen Spiele Interesse an den Grundstücken des ehemaligen Lunaparks: Quer über das Gelände wurde eine Verbindungsstraße zwischen den südlichen Stadtteilen, dem Messegelände und dem Olympiastadion gebaut. In den 1950er Jahren kam im Rahmen des autogerechten Umbaus der Stadt der erste Bauabschnitt der Berliner Stadtautobahn hinzu. Heute ist das einer der meistbefahrenen Autobahnabschnitte Deutschlands.

Die Autorin ist Historikerin, promoviert an der Freien Universität zur Berliner Vergnügungskultur um 1900 und hat die Geschichte des Lunaparks umfassend recherchiert.

Johanna Niedbalski

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