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© Attila Husejnow/dpa
Tagesspiegel Plus

Flüchtlinge gefangen in der Sperrzone: „Seit zwei Tagen haben wir nichts mehr gegessen und getrunken“

Im Grenzgebiet zwischen Belarus und Polen stranden etliche Flüchtlinge. Machthaber Alexander Lukaschenko nutzt sie als Druckmittel gegen die EU. Ein Report.

Von Franziska Grillmeier

Der Polizist beugt sich durchs Seitenfenster. „Kriegszone. Belarus. Umdrehen“, sagt er mit Nachdruck. „Wer hier nicht wohnt, darf hier nicht rein.“ Es ist der Dreiklang, der jeden Versuch, von polnischer Seite aus tiefer in den Bialowieza-Urwald vorzudringen, scheitern lässt.

Gespenstisch still ist es in diesem Wald. So still, dass das Röhren der Hirsche nachts in den Hüttenzimmern widerhallt und man die Blätter der fünfzig Meter hohen Eichen auf den laubbedeckten Boden fallen hört. Auch der Polizist erschrickt, als hinter ihm ein Dorfbewohner grüßt. Der Einzige, der in diesen Tagen durch die Absperrung laufen darf.

Auf Pappkartons und Plastiktüten

Hinter der Polizeisperre liegt das Dorf Usnarz Gorny. Es ist das erste innerhalb der Sperrzone. Noch immer schlafen dort 32 afghanische Geflüchtete auf Pappkartons und Plastiktüten. In der Nacht fallen die Temperaturen am Waldrand auf null Grad. Seit neun Wochen sind die Afghanen zwischen belarussischen und polnischen Grenzschützern eingekesselt, seit dem 2. September darf niemand die Sperrzone betreten – ausgenommen polnische Soldaten und die Einwohner der 183 Grenzorte. Ende September wurde der Ausnahmezustand um weitere 60 Tage verlängert.

Druckmittel. Seit neun Wochen sind afghanische Flüchtlinge zwischen belarussischen und polnischen Grenzschützern eingekesselt.
Druckmittel. Seit neun Wochen sind afghanische Flüchtlinge zwischen belarussischen und polnischen Grenzschützern eingekesselt.
© Attila Husejnow/dpa

Die im Urwald von Bialowieza festsitzenden Geflüchteten sind zum Spielball internationaler Auseinandersetzungen geworden. Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko nutzt sie als Druckmittel gegen die EU. Diese hatte im Sommer Wirtschaftssanktionen wegen der Repression gegen die Zivilgesellschaft in Belarus verhängt. Seither holt Lukaschenko Flüchtlinge ins Land, um sie Richtung EU weiterzuschicken.

Gab es vor Mai keine einzige direkte Flugverbindung zwischen dem Irak und Belarus, flogen bis Ende August vier Charterflüge pro Woche von Bagdad nach Minsk. Medienberichten zufolge warben staatliche Unternehmen Menschen in Bagdad an und versprachen Touristenvisa für Belarus – mit der Aussicht, nach Europa weiterreisen zu können. Nach Druck der EU auf Fluggesellschaften fliegt Iraqi Airlines nur noch einmal in der Woche nach Minsk. Aber auch Flüge aus Istanbul und Damaskus landen in der belarussischen Hauptstadt. Von dort werden die Menschen in Bussen und Armeelastwagen bis an die Grenzen zu Litauen und nun auch Polen gebracht.

Die Menschen werden über Megafone informiert

Eine Frau aus der Gruppe der eingekesselten Afghanen und Afghaninnen hat aus Kabul eine graue Katze mitgebracht. Das Tier hat es bis in die „Washington Post“ geschafft. Zahlreiche Medien hatten über das Kräftemessen zwischen Polen und Belarus berichtet, Journalisten waren im August hier, Ärzte, Anwältinnen und humanitäre Helfer kampierten auf einem abgesperrten Feld. Sie versuchten, die Menschen über Megafone zu informieren.

Dann wurde es still. Seit mehr als einem Monat sind die Geflüchteten mit den Grenzschützern allein. Mitarbeiter der Hilfsgruppe „Fundacja Ocalenie“ – „Stiftung Rettung“ – telefonieren alle paar Tage mit einem Mann aus Afghanistan. Der Gesundheitszustand sei mittlerweile bei allen Flüchtlingen kritisch, sagt Abdul Hafiz. Das letzte Mal hätten sie acht Tage zuvor etwas zu essen bekommen, sagt er Mitte September. „Wir haben versucht, gemeinsam zu singen, um uns aufzuheitern. Doch die Gruppe ist so schwach, dass sich kaum einer an die Liedtexte erinnern kann.“ Der letzte Anruf kommt am 21. September, am anderen Ende der Leitung ist eine Frau aus Abdul Hafiz’ Gruppe. „Abdul Hafiz ist zu schwach, um zu sprechen“, sagt sie.

Wir werden nicht zulassen, dass Polen zu einer weiteren Route für den Massenschmuggel von illegalen Migranten in die Europäische Union wird

 Innenminister Mariusz Kaminski

Ende September sitzt Abdul Hafiz immer noch im Grenzgebiet fest. Immerhin ist er am Leben. In der letzten Septemberwoche bestätigte die polnische Grenzpolizei, dass fünf Menschen im Wald gestorben sind. Mindestens zwei von ihnen starben an „Unterkühlung oder Erschöpfung“, erklärte Ministerpräsident Mateusz Morawiecki in Warschau. Darunter sei auch eine Frau aus dem Irak gewesen. „Die Schleifspuren zeigen, dass die Leiche der Frau über die Grenze gezogen wurde“, sagte ein belarussischer Grenzsoldat gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Belta. Der polnische Grenzschutz dementierte das als „belarussische Propaganda“.

Laut dem Innenministerium in Warschau habe es allein im September rund 4000 illegale Grenzübertritte gegeben. In einigen Fällen nahmen Geflüchtete ein Taxi Richtung EU, nachdem die Behörden sie vermeintlich in Minsk zur Weiterreise drängten.

Der polnische Grenzschutz kontrolliert Aktivisten und Helfer streng.
Der polnische Grenzschutz kontrolliert Aktivisten und Helfer streng.
© Jaap Arriens/AFP

„Wir werden nicht zulassen, dass Polen zu einer weiteren Route für den Massenschmuggel von illegalen Migranten in die Europäische Union wird“, sagt der polnische Innenminister Mariusz Kaminski. Ein 180 Kilometer langer Grenzzaun soll den Weg nach Polen künftig versperren. Warschau will auch illegale Pushbacks legalisieren, also die Zurückweisung von Geflüchteten nach Belarus, ohne den Flüchtenden ein Asylverfahren zu gewähren.

Journalisten und Helfern wird der Zutritt verwehr

„Das bedeutet, dass Asylsuchende ohne Gerichtsverfahren bei zwei Grad in der Nacht der Wildnis überlassen werden“, sagt der Parlamentsabgeordnete Franek Sterczewski vom oppositionellen Wahlbündnis „Koalicja Obywatelska“ – der „Bürgerkoalition“. „Bis zu zehnmal wurden manche zurück nach Belarus deportiert. Die Menschen essen Pilze, trinken schmutziges Wasser und bekommen keine medizinische Hilfe. Das ist Folter.“ Sterczewski ist überzeugt, dass der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, um Journalisten und Helfern den Zutritt zum Grenzgebiet zu verbieten.

Polen gehört zu jenen Ländern, die keine schutzsuchenden Menschen aufnehmen wollen. Dabei dient es anderen Europäischen Mitgliedstaaten als „Schutzschild“, wie es die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen im vergangenen Jahr gegenüber Griechenland formulierte, als die Türkei im März drohte, die Grenzen zu öffnen.

Polnische Soldaten errichten einen Zaun an der Grenze, um Flüchtlinge abzuhalten.
Polnische Soldaten errichten einen Zaun an der Grenze, um Flüchtlinge abzuhalten.
© Kacper Pempel/REUTERS

An jenem Vormittag, an dem der polnische Polizist Journalisten und Journalistinnen vor dem Sperrgebiet abweist, erreicht die Hilfsorganisation „Chlebem i Sola“ – „Brot und Salz“ – die Nachricht einer Syrerin. „Helfen Sie uns! Wir sind in Lebensgefahr“, sagt sie. Mit weiteren Geflüchteten sei sie nahe der polnischen Grenzstadt Terespol zwischen polnischen und belarussischen Grenzschützern eingekesselt. Mit ihr seien an diesem Tag vier Frauen, 18 Männer und drei Kinder, das Jüngste sechs Jahre alt. „Seit zwei Tagen haben wir nichts mehr gegessen und getrunken“, sagt sie, „ein Mann ist zusammengebrochen, er braucht dringend einen Arzt.“

Medizinische Hilfe wird nicht zugelassen

Auf dem Video sind polnische Grenzschützer mit Sturmhauben und Schlagstöcken zu sehen. Ein bellender Schäferhund, der von einem Polizisten am Halsband zurückgehalten wird, übertönt immer wieder das Flehen einer Frau. Die Kamera schwenkt auf einen Mann, der ohnmächtig in den Armen von drei weiteren Männern liegt.

Wenige Stunden später teilt die Frau, die sich Boushra nennt, auf Facebook ein weiteres Video: polnische Polizisten stehen vor einer Menschengruppe, rot-weißes Absperrband ist um die Flüchtlinge gespannt, die in Regenjacken dicht gedrängt im Matsch auf einer Waldlichtung liegen. Dahinter stehen, ausgerüstet mit Schutzschildern, zwei Grenzpolizisten aus Belarus. „Wir fühlen nichts mehr“, sagt Boushra. „Seit Tagen harren wir in der Kälte aus. Medizinische Hilfe wird nicht zugelassen.“ Tagelang wird es so weiter gehen.

Immer wieder bricht der Kontakt zu Boushra ab. Als „Chlebem i Selem“ Menschen aus Kamerun und dem Kongo im Wald auf polnischer Seite außerhalb der Sperrzone auffindet, bringen die Helfer eine der Frauen ins Krankenhaus. Eine Nacht später meldet sich die Gruppe: Sie seien wieder in Belarus.

Viele Dorfbewohner wissen nicht, ob es legal ist, Menschen zu helfen

Ania Szychowska

„Irrlichter“ sagt die 29-jährige Ania Szychowska, so fühle sich die Situation an. Die polnische Regierung habe in den vergangenen Jahren etliche Gesetze gebrochen, die unabhängige Justiz beschnitten, die Pressefreiheit eingeschränkt und ein Klima der Angst und der Abschottung heraufbeschworen. Doch diesmal fühle es sich noch persönlicher an. Das Gefühl der Hilflosigkeit schneide einem die Luft ab.

An diesem Freitag Ende September ist die studierte Linguistin drei Stunden von Warschau zum Sperrgebiet gefahren. Zusammen mit einer Kollegin will sie die Dorfbewohner darüber aufklären, was zu tun ist, sollten sie in den Wäldern oder auf Feldern auf Menschen in Not stoßen. In ihrem Rucksack stecken eine gefaltete Landkarte und ein Päckchen Flugblätter.

„Viele Dorfbewohner wissen nicht, ob es legal ist, Menschen zu helfen“, sagt Szychowska. An nahezu jeder Ecke ist eine Polizeisperre, Uniformierte fordern die Menschen auf, ihren Kofferraum zu öffnen. Der Transport von Geflüchteten ist illegal. Essen und Wasser zu geben, sei jedoch erlaubt. „Wenn du einen Flüchtling in deiner Nähe triffst, kannst du ihm helfen“, steht auf der Vorderseite des Flugblattes.

Die Grenzpolizei hat eine Auge auf die Helfer

„Zuerst müssen wir zum Bürgermeister“, sagt Szychowska, „oder“ – sie klopft an das graue Tor eines Hauses gegenüber der Kirche – „dem Priester.“ Auf einen Gehstock gestützt macht der die Tür auf und bittet Szychowska ins Vorzimmer. „Hier sind noch keine Migranten vorbeigekommen“, sagt er. Und: „Warum sollten wir helfen? Helft lieber dem Nachbarn, der kein Essen hat.“

© Thorsten EBERDING/AFP

Saftige Gärten, dunkelbraune Holzhäuser, darüber ein wolkenloser Himmel. Von einem Bauernhof kommt ein Jagdhund gelaufen. Der Bauer pfeift ihn zurück. Klingeln gibt es in den Dörfern keine, man ruft einander zu. „Meine Schwester hat ein paar Geflüchtete gefunden“, sagt der Bauer, „hat ihnen frische Kleider und Wasser gegeben.“ Er dreht das Flugblatt in der Hand. „Natürlich helfe ich, wenn jemand in Not ist. Es ist eine verflixte Sache.“

Im Nachbardorf sitzt in eine Bäuerin auf einer Bank in ihrem Garten. Ärgerlich dreht sie ihr Feuerzeug auf dem Holztisch. „Warum sollte ich Menschen helfen, die auch Terroristen sein könnten?“, sagt sie. Fast eine halbe Stunde lang steht Szychowska mit der Frau im Garten.

Der Rest der Gruppe ist verschollen

An diesem Herbsttag besucht Szychowska Dichter und Bäuerinnen, Priester und Mechaniker, ein taubstummes Paar mit ihrem Kind, Alte und deren Pflegerinnen.

Eine Frau hält eine junge Katze auf dem Arm. Über den Zaun hinweg spricht sie mit Szychowska über die Isolation in der Pandemie und darüber, wie wichtig Tiere sind. Plötzlich dreht ein grünes Auto um. Szychowska steckt die Flugblätter in die Tasche, verabschiedet sich. „Stop!“, ruft ihr eine rothaarige Grenzpolizistin hinterher. Sie steigt aus dem Auto, hinter ihr zwei weitere Polizisten. „Sie stacheln die Bewohner also zu illegalem Verhalten auf. Ist Ihnen bewusst, was hier auf dem Spiel steht?“

Die Beamtin verlangt nach den Pässen und verschwindet im Auto. Es dauert, bis sie wiederkommt. „Sollte die Polizei noch einmal gerufen werden, werden Sie es bereuen.“ Im Nachbarhaus zieht eine ältere Dame einen Vorhang zu. „Ich glaube, es ist besser, wir machen für heute Schluss“, sagt Szychowska.

Zurück in Warschau demonstriert an diesem Sonntag im September eine Gruppe von etwa 50 Menschen vor dem polnischen Regierungsgebäude. Eine von ihnen ist die Künstlerin Katarzyna Winska. Sie nimmt ein Protestschild auf die Schultern und packt zusammen. „Es kann nicht sein, dass Geflüchtete an der Grenze verhungern, weil der Ausnahmezustand keine Krankenwagen durchlässt und die Regierungen Menschen zu politischen Geiseln macht“, sagt sie. Sie ist enttäuscht, dass nur so wenige Menschen kamen. Ein Polizist kommt auf die kleine Gruppe zu. „Können Sie sich von dem Platz entfernen?“, fragt er, „Es hört ihnen doch sowieso keiner mehr zu.“

Ende September schreibt Boushra eine Nachricht über Facebook. Sechs Tage lang war die Syrerin mit ihrer Schwester in einem Krankenhaus. „Wir waren so schwach, dass wir nicht gehen konnten“, schreibt sie. „Wir konnten kaum mehr atmen. Jetzt sind wir in Sicherheit.“ Wo der Rest der Gruppe ist, kann Boushra nicht sagen.

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