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Er sagte, dass er Abdullah heißt und aus Syrien kommt. Viel mehr wollten die Freunde lange gar nicht wissen.

© Foto: Marius Buhl

Tagesspiegel Plus

Fünf Jahre nach der Flüchtlingskrise : Was wurde aus dem Mann, der 2015 plötzlich bei uns am Spielfeldrand stand?

Auf einmal stand da Abdullah, in jenem Sommer 2015. Einer von einer Million Geflüchteter. Ein Fremder. Bis er unseren Volleyball fing. Ein Treffen – fünf Jahre später

Eines Tages stand er da. Gleich neben dem Platz, auf dem wir Volleyball spielten. Er trug eine Jogginghose in Grau, ein abgewetztes T-Shirt. Ein Mann, geschätzt 40 Jahre alt, braune Haut, schwarzes Haar. Schüchterne, neugierige Augen. Angespült wie eine Muschel am Strand.

Wenn ich ehrlich bin, dachte ich kurz: Hoffentlich will der nichts von uns.

Autor Marius Buhl erinnert sich an die erste Begegnung

Das Jahr 2015, Freiburg im Breisgau, ein hellblauer Sommer. Immer dienstags, 19 Uhr, trafen wir uns an der Sandgrube. Studienfreunde in wechselnder Besetzung, das Leben so leicht, wie es nie mehr sein wird. Während wir spielten, bemerkten wir ihn neben der Sandgrube. Er schaute stumm. Wenn ich ehrlich bin, dachte ich kurz: Hoffentlich will der nichts von uns. Die Teams gingen gut auf, wir brauchten niemanden mehr. Wir. Er gehörte nicht dazu. Bis der Ball versprang. Und Abdullah ihn fing.

Aus Worten wurde Wut wurde Hass. Und aus Hass wurden Taten

Fünf Jahre sind vergangen seit jenen Sommertagen. Fünf Jahre sind keine Ewigkeit und doch kann man nach fünf Jahren etwas klarer sehen, was damals passierte. Und was daraus folgt. Knapp 900.000 Flüchtlinge kamen nach Deutschland im Sommer 2015. „Wir schaffen das“, auf diese Formel brachte Merkel damals den Optimismus, der für kurze Zeit das Land prägte. Doch der Satz und die Haltung dahinter spalteten auch. Da waren und sind jene, die nie glauben wollten, dass wir das schaffen. Der Aufstieg der AfD begann, aus Worten wurde Wut wurde Hass. Und aus Hass wurden Taten: Hanau, Halle, Lübcke. Vom Optimismus der Anfangstage scheint heute wenig übrig.

Ich glaube, das ist ein Zerrbild. Denn während AfD-Politiker hetzen, während Flüchtlinge mit Rassismus zu kämpfen haben und manche Innenstädte mit randalierenden Migranten, während all das passiert und in aller Breite auch beschrieben, erörtert, diskutiert wird, geschieht parallel noch etwas Anderes, etwas, das viel weniger Beachtung findet. Menschen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind, bauen sich ein neues Leben in Deutschland auf. Heimatlose auf der Suche nach einer neuen Heimat.

Wir verabschiedeten uns. Am nächsten Dienstag stand er wieder da

Noch zwei Mal versprang der Ball, noch zwei Mal holte ihn Abdullah. Wir fragten ihn, ob er mitspielen wolle. Er nickte. Vom ersten Moment an schlug er die Aufschläge mit roher Kraft übers Netz. Entweder sie flogen weit übers Feld hinaus, hinterm Platz in die Hecke. Oder sie krachten im Feld in den Sand, ohne dass die andere Mannschaft eine Chance gehabt hätten, den Ball zu erreichen. Damals versuchten wir ihn zu fragen, wer er sei, wo er wohne. Er verstand fast nichts. Antwortete immerzu mit „Syria“. Ein Wort, ein Schicksal, wir verstanden ein bisschen. Verabschiedeten uns. Am nächsten Dienstag stand er wieder da.

Manchmal bekam er Anrufe während wir spielten. Dann erschienen auf seinem Smartphone eine Frau und sechs Kinder. Abdullahs Blick wurde weich.  

© Foto: Marius Buhl

Wer da mit uns spielte? Wussten wir nicht. Sahen nur die Hülle eines Menschen. Das kantige Gesicht mit der markanten Nase. Das strahlende Lachen nach einem Punktgewinn. Die immer gleiche graue Jogginghose. Manchmal bekam er Anrufe während wir spielten. Dann erschienen auf seinem Smartphone eine Frau und sechs Kinder. Abdullahs Blick wurde weich. „Familie in Istanbul“, sagte er und deutete auf den Bildschirm. So verging der Sommer.

Je weniger ich über ihn wusste, desto weniger musste ich mich verantwortlich fühlen.

Autor Marius Buhl gibt zu: Er fragte kaum nach

Im Winter hörten wir nichts von Abdullah, aber im Frühjahr 2016 stand er wieder da, selbe Zeit, selber Ort. Sein Deutsch war besser als im vergangenen Sommer. Nun hätten wir fragen können: Woher er kommt? Was er erlebt hat, unterwegs? Ob er Hilfe braucht? Wir taten es kaum. Sprachen über Aufschläge, Teams, Spielstände, aber selten über Persönliches. Manchmal bildete ich mir ein, ich würde nicht so genau nachfragen, weil ich Abdullah nicht hineinziehen wollte in den Strudel seiner Erinnerungen. Eine gute Ausrede. Je weniger ich über ihn wusste, desto weniger musste ich mich verantwortlich fühlen. Je weniger er erzählte, desto weniger sickerte das Grauen des Kriegs in unsere Idylle.

Und Abdullah machte es uns leicht. Immer schien er gut gelaunt zu sein. Einmal sagten wir ihm, dass wir nach dem Volleyball noch grillen wollten. Da rannte er los, holte Fisch und Kichererbsen. Mischte sie mit Tahin, zerstampfte sie, würzte. Hummus, sagte er. Wir machten ein Foto. So verging der zweite Sommer. Dann zog ich fort und die Volleyballcrew löste sich bald auf.

Wir feierten Geburtstage, Silvester, trafen uns zum Klettern. Abdullah war nie dabei.

Ein „Wir“ gab es immer noch. Wenn ich in Freiburg zu Besuch war, feierten wir Geburtstage, Silvester, trafen uns zum Klettern. Abdullah war nie dabei. Weil es leicht ist, mit jemandem Volleyball zu spielen. Aber schwer, jemanden in seinen Alltag zu lassen.

Merkels „Wir schaffen das“ - Meinte „wir" nicht auch mich?

© Wolfgang Kumm/ picture alliance/dpa

Was er machte? Was mit seiner Familie war? Immer mal wieder dachte ich an ihn. Dann schob ich die Gedanken schnell beiseite. Und trotzdem die Frage: Wenn Merkel „Wir schaffen das“ sagte – meinte ihr „wir“ dann nicht auch mich?

Vier Jahre sind vergangen, seit ich Freiburg verlassen habe. Jetzt bin ich zurück, Sommer 2020. An einem Tag im Juli stehe ich an einer Kreuzung, als der Pick-up einer Gartenbaufirma vorüberfährt. Ich bemerke, wie der Beifahrer mir winkt, immer wilder, er scheint auch zu rufen, durchs geschlossene Fenster. Als ich begreife, wer mir da winkt, ist das Auto schon vorüber. Abdullah.

Eine Freundin hat seine Nummer noch. Ich schreibe ihm.

„Hallo Abdullah, hier ist Marius vom Volleyball damals. Ich habe dich im Auto gesehen. Du hast jetzt einen festen Job bei einem Landschaftsgärtner? Herzlichen Glückwunsch!“

Er antwortet sofort. „Hallo, wie geht es Marius. Alles klar! Ja, habe dir gesehen im Auto!! Ich wünsche dir viel Erfolg.“

Ich frage Abdullah, ob er Lust hätte, sich mit mir zu treffen. Ich schreibe ihm auch, dass ich mir vorstellen könnte, eine Reportage zu schreiben. Über ihn und die Frage, wie es ihm geht in Deutschland, fünf Jahre nach seiner Ankunft. Kein Problem, schreibt Abdullah. Ich solle ihn besuchen kommen.

Auf dem Klingelschild lese ich erstmals seinen Nachnamen

Ein paar Tage später stehe ich vor einem Haus im Freiburger Osten. Eine schmale Seitenstraße, gerade geht die Sonne unter. Im Erdgeschoss wohnt er: Abdullah Masto, so steht es auf dem Klingelschild am Haus, seinen Nachnamen lese ich zum ersten Mal. Ich klingle, er öffnet. Strahlt. Umarmt. Und zieht mich rein ins Haus.

Abdullah trägt ein hellblaues Hemd, eine helle Hose. Lächelnd führt er mich ins Wohnzimmer. An der Wand hängt ein Pappnikolaus, auf der anderen Seite ein Bild der Golden Gate Bridge. Durchs Fenster zeigt Abdullah mir den Garten. Draußen stehen ein Plastikpool und ein Trampolin, Zweige biegen sich im Abendwind. „Setz dich“, sagt Abdullah und schiebt mir einen Stuhl hin. Dann wird es laut: Fünf seiner sechs Kinder kommen in den Raum.

Notendurchschnitt 1,7

Da ist Mariam, Abdullahs älteste Tochter. Sie hat in diesem Sommer die Werkrealschule abgeschlossen, mit einem Notenschnitt von 1,7, das hat Abdullah schon erzählt. Jetzt will sie das Abitur nachholen.

Deutschland ist schon okay, nur die Schawarmas hier sind lächerlich klein.

Mohammad, Abdullahs zweitältester Sohn

Mit Mariam betritt Mohammad das Wohnzimmer, der zweitälteste Sohn, 16 Jahre alt. Ein höflicher Junge, der sofort die Hand ausstreckt, um den Besucher zu begrüßen. Deutschland sei schon okay, wird Mohammad später sagen, nur die Schawarmas hier seien lächerlich klein, wie solle er da satt werden?

Neben Mariam und Mohammad stürmen Marwa, Yasmin und Malak ins Wohnzimmer. Marwa und Yasmin tragen die wilden Locken zu Zöpfen gebunden, beide flitzen gleich weiter Richtung Garten. „Sie sind sehr… wie heißt das Wort?“ Abdullah googelt. „Schüchtern, genau!“

In seinem Wohnzimmer stelle ich die Fragen, die ich nie gestellt habe

Das sechste Kind schläft. Als Letzte betritt Khloud das Wohnzimmer, Abdullahs Frau. Sie hat Mhalaye gemacht, einen syrischen Grießpudding mit Kokos und Pistazien. Den Teller stellt sie mir hin. Ich soll essen.

Jetzt, in seinem Wohnzimmer, stelle ich Abdullah die Frage, die mir während der letzten Jahre immer wieder durch den Kopf ging: Wie geht es ihm in Deutschland?

Von Syrien nach Bayern. 900.000 Geflüchtete erreichten Deutschland 2015. Je weniger Abdullah erzählte, desto weniger sickerte das Grauen des Kriegs in unsere Idylle.

© Armin Weigel/ dpa

Abdullah hebt die Hand, dreht sie nach links und rechts. „Ein bisschen gut, ein bisschen schlecht“, sagt er. Er beginnt mit dem Guten. Dass die Familie hier ist, sei großartig. Er habe mit der Hilfe eines Betreuers diese Wohnung gefunden. Die Kinder machten sich gut in der Schule.

Haus, Job, Auto. Wann ist man angekommen?

Er habe als Bäcker, Tellerwäscher und in der Küche einer Pizzeria gearbeitet, jetzt habe er einen unbefristeten Vertrag als Landschaftsgärtner, er verdiene ganz gut. Gerade hat er gebraucht ein Auto gekauft, einen VW Touran. Wochenends, sagt Abdullah, packen sie oft einen Picknickkorb hinten rein und fahren an den See.

Wann ist man angekommen? Während Abdullah spricht, merke ich, wie ich im Kopf kleine Haken setze. Haus, Job, Auto. Ich bin erleichtert.

Was denn schlecht sei, frage ich ihn.

Abdullah zögert. „Weißt du“, sagt er, „Syrien ist die Heimat und die Heimat ist weit weg. Deutsch ist eine schwere Sprache.“ Oft wisse er nicht, wie er Dinge ausdrücken solle. „Und manchmal gucken die Leute mich an, mit so einem Blick…“ Neulich, sagt Abdullah, habe er mitbekommen, wie zwei ältere deutsche Männer über ihn gesprochen hätten. „Flüchtlinge sind faul, arbeiten nicht, sowas haben die gesagt“, sagt Abdullah.

Gern hätte er denen erzählt, dass er morgens um sechs aufsteht. Dass er Gärten umgräbt, Unkraut jätet, Sträucher pflanzt. Er habe sich nicht getraut, sagt er, wusste nicht, ob ihm die richtigen Worte einfallen.

Ankommen heißt auch: Akzeptiert werden

Ankommen, merke ich, ist nicht nur Haus, Auto, Job. Auch Familie und Freunde reichen nicht aus. Ankommen heißt auch: Akzeptiert werden. Sich nicht fremd fühlen müssen. Dazugehören.

Jetzt, am Wohnzimmertisch, sprechen wir eine Weile über das Volleyballspielen. „Konnte er das?“, fragt Mariam, seine Tochter. „Abdullah war gut“, sage ich, „er hat ziemlich hart geschlagen.“ Sie lacht. Dann erzähle ich von meinem schlechten Gewissen. Dass wir zwar dutzende Male gemeinsam gespielt hätten, ich aber quasi nichts wisse über Abdullah. Und der beginnt zu erzählen, ganz vom Anfang.

Eine Kindheit im Olivenhain

Geboren wird er 1977 als eines von acht Geschwistern im Dorf Dadat, nordöstlich von Aleppo. Wenn er an seine Kindheit denke, sagt Abdullah, falle ihm vor allem der Olivenhain seines Großvaters ein. Im Winter, wenn die Oliven reif sind, schlagen sie sie mit Stangen vom Baum, unten legen sie Netze aus und fangen die Früchte auf. Als sein Großvater stirbt, bekommt Abdullahs Vater den Hain.

Abdullah sagt, er sei ein sportliches Kind gewesen, ein guter Fußballer. Bis er 14 ist, geht er zur Schule, dann schickte ihn der Vater nach Damaskus. Keine Ausbildung, Abdullah soll direkt Geld verdienen als Kleiderverkäufer auf einem Souk. Die 200 Euro, die er monatlich verdient, schickt er seinem Vater. Der stirbt, da ist Abdullah 23 und schon verheiratet mit Khloud, die Ehe haben die Eltern arrangiert. Als der Vater tot ist, geht der Olivenhain an Abdullah.

 Wenn man Politik abzieht, war alles gut.

Abdullah Masto erzählt von seinem Leben in Damaskus

Auf den Souks von Damaskus drängen sich damals, Anfang der Zweitausenderjahre, die Touristen. Wenn die Oliven noch reifen, verkauft Abdullah Kleider. Die Arbeit geht ihm leicht von der Hand. Bald kann er sich in Damaskus ein Haus kaufen. „Alles war gut“, sagt er.

„Ja“, sagt Mohammad, sein Sohn, am Wohnzimmertisch, „aber Assad war schon da ein Verräter. Er hat die Syrer bestohlen!“

„Das ist Politik“, sagt Abdullah. „Wenn man Politik abzieht, war alles gut.“

Die Politik abziehen. Das geht bald immer weniger. Wenn er arbeiten will auf dem Markt, muss er morgens Lira an die Staatswächter abdrücken. Schon damals habe es Proteste gegeben gegen Diktator Baschar al-Assad und sein korruptes Regime. Doch ab 2011 explodiert alles.

Das Militär erschießt den Mann auf offener Straße

Auf die Proteste gegen ihn reagiert Assad nun mit Gewalt. Das Militär patrouilliert durch die Straßen, schießt in die Luft. Zuhause sei der Strom ausgefallen, kein Wasser mehr aus dem Hahn gekommen, sagt Abdullah. Sie kaufen es in Kanistern bei einem Bekannten, Sami. Auch Sami demonstriert gegen Assad. Eines Tages erschießt ihn das Militär auf offener Straße.

Als sie keinen Ausweg mehr sehen, packen Abdullah und die Familie zusammen, was sie tragen können, fliehen nach Dadat, Abdullahs Heimatdorf. Von hier schlägt sich Abdullah durch in die Türkei, arbeitet dort für zwei Monate, kehrt wieder heim zur Familie, das macht er ein paar Mal. Einmal, 2013, schafft er es bis Bulgarien, nach einem Jahr aber kehrt er wieder heim.

Er verkauft sein Heiligstes

2014 wird die Lage noch schlimmer. Aleppo, seine Heimat, liegt in Trümmern. Der IS ruft das Kalifat aus. Kampfjets dröhnen. Menschen krepieren. Abdullah kennt etliche, die gestorben sind. Es ist seine Tochter Mariam, die vorschlägt, dass er versuchen solle, nach Deutschland zu gelangen. Doch der Weg ist weit. Und Abdullah braucht Geld für einen Schleuser.

Sein Haus in Damaskus ist wertlos. Bleiben die Olivenbäume in Dadat. Doch Abdullah zögert. Den Hain verkaufen? Sein Heiligstes? Andererseits: Was ist ein Olivenhain gegen ein Leben in Würde? Nach quälenden Nächten ringt er sich durch, findet einen Käufer. Er bekommt 6500 Dollar.

Während Abdullah sich auf den Weg macht nach Deutschland, will seine Familie nach Istanbul. Eines Tages, so der Plan, würde er sie dann nachholen. Zum Abschied umarmen sie sich lange.

Wenn wir jetzt sinken, dachte ich, habe ich mit dem Land meiner Familie den Tod bezahlt.

Abdullah Masto erinnert sich an die Überfahrt nach Griechenland

Über Istanbul gelangt Abdullah ans Mittelmeer, dann im Boot nach Griechenland. Mitten auf dem Wasser, sagt Abdullah, habe ihn die Angst gepackt. Wenn wir jetzt sinken, denkt er, dann hätte er mit dem Land der Familie seinen Tod bezahlt. Er kommt an, in Europa. Zu Fuß geht er wochenlang über den Balkan, Serbien, Ungarn, Österreich. „Vor der Flucht habe ich 85 Kilogramm gewogen – danach noch 65“, sagt er. Ankunft in Stuttgart, die Behörde verlegt ihn nach Freiburg. Es ist Juni 2015. Ein paar Wochen später sehen wir Abdullah neben dem Volleyballfeld stehen.

Es ist spät geworden in Abdullahs Wohnzimmer. Abdullahs Frau Khloud gibt mir den Rest Grießpudding mit nach Hause. Abdullah lädt mich ein, ihn am nächsten Tag bei der Arbeit zu besuchen.

Abdullah steht früh auf, jähtet Unkraut, gräbt Gärten um. Und hört Deutsche sagen: „Flüchtlinge sind faul.“

© Foto: Marius Buhl

Ein heißer Mittag, Abdullah steht im Vorgarten eines Reihenhauses und schwitzt. Im Rasen summen Bienen, an der Einfahrt steht ein Schild mit der Aufschrift „Privatgrundstück“. Abdullahs Aufgabe für den Tag: die Büsche vor dem Haus zu trimmen. Er schmeißt eine elektrische Stabschere an, steigt auf eine Leiter und beginnt damit, überstehende Äste abzuschneiden. In den nächsten Minuten wird aus dem Busch eine akkurate, deutsche Hecke.

Ich frage Abdullah, ob er es komisch finde, diesen Busch kleinzuheckseln. „Etwas geht, etwas kommt“, sagt Abdullah. „Gras und Zweige sind nächsten Monat wieder groß.“

Ihr Traum: Ein eigenes Restaurant eröffnen

Etwas geht. Neulich, sagt Abdullah, habe er versucht, den Olivenhain seines Großvaters zurückzukaufen. Der Käufer will nicht. Den Hain hat er verloren.

Etwas kommt. Abdullah hat den Traum, eines Tages zusammen mit seiner Frau ein Restaurant zu eröffnen in Freiburg. Mit riesigen Schawarmas. Gemeinsam sparen sie dafür.

Wir schaffen das? Er selbst hat es geschafft

Wenn er eines im Leben gelernt habe, sagt Abdullah, dann, dass man nicht warten dürfe, bis einem das Glück vor die Füße falle. Wenn man ankommen möchte, müsse man ankommen wollen. Ich sage, dass das leicht klingt, aber dass es ziemlich schwer ist, sich zum Beispiel an ein Volleyballfeld zu stellen, auf dem Fremde spielen. Abdullah sieht das anders.

Wir schaffen das. In Abdullahs Fall muss man vielleicht sagen: Er hat es geschafft.

Ein paar Tage später bin ich wieder bei ihm, weil ich noch Fotos machen möchte. Als ich mich verabschiede, fragt er an der Tür, ob wir, die Leute aus der alten Volleyballgruppe, einmal Lust hätten, ihn alle gemeinsam zu besuchen. Er würde kochen, sagt er. Vielleicht könnte man im Garten auch ein bisschen Volleyball spielen.

Das wäre schön, sage ich.

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