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ARCHIV - 04.03.2024, Sachsen, Lindenthal: Ein Schild weist den Weg zur Notaufnahme. (Symbolbild) (zu dpa: «Stromausfall: Grundbetrieb in Kliniken per Notstrom möglich») Foto: Jan Woitas/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

© dpa/Jan Woitas

Handgreiflichkeiten, Anspucken, Beleidigungen: Gewalt in Notaufnahmen und Arztpraxen nimmt laut Umfrage zu

Für Ärzte und Pflegepersonal ist Gewalt immer mehr ein Teil des Alltags, die Hemmschwelle ist offenbar gesunken. Der Chef der Bundesärztekammer fordert mehr Sicherheit vom Staat. Aber auch Kliniken werden aktiv.

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Da ist der Betrunkene, der in der Notaufnahme gegenüber einer Ärztin anzüglich wird. Da ist ein Patient, der nach zwei Stunden Wartezeit in der Praxis handgreiflich wird, weil er wegen seiner Schmerzen endlich drankommen will. Und da ist die demente Patientin, die eine Pflegekraft anspuckt, weil sie total verunsichert ist und die Orientierung verloren hat. Auch Angst und Trauer sind Ursache von Gewalt: Im September 2024 griffen Besucher des Essener Elisabeth-Krankenhauses das Personal an, nachdem ein zuvor in die Notaufnahme eingelieferter Familienangehöriger gestorben war. Insgesamt sechs Klinikmitarbeiter wurden verletzt.

Gewalt gegen Pflegekräfte und Ärzte ist mittlerweile Alltag. Und sie nimmt sogar zu, glaubt man einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage der Bundesärztekammer bei den Leserinnen und Lesern des „Deutschen Ärzteblatts“.

Zehn Prozent durch Attacken arbeitsunfähig

Zwei Drittel der 1.619 Befragten (66 Prozent) haben der Umfrage zufolge Gewalt im beruflichen Zusammenhang erfahren. 56 Prozent berichten, dass Gewalt im beruflichen Alltag zugenommen hat. Die Angreifer sind überwiegend alleine handelnde männliche Personen (76 Prozent der Fälle), die eine medizinische Einrichtung als Patienten (82 Prozent) oder Angehörige (30 Prozent) aufsuchen.

Dabei sind verbale Übergriffe die häufigste Form der Gewalt (89 Prozent), körperliche Gewalterfahrungen machten 47 Prozent der Befragten. Circa 40 Prozent berichten von psychischer Gewalt, und 16 Prozent nannten gewalttätige Übergriffe aufgrund ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit. 23 Prozent der Opfer wurden vorübergehend in ihrer Berufsausübung beeinträchtigt, neun Prozent dauerhaft. Zehn Prozent wurden durch die Attacken arbeitsunfähig.

Eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) für die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) bestätigte im vergangenen Sommer den Negativtrend: 66 Prozent der Häuser gaben an, dass die Zahl der Übergriffe gestiegen sei. 95 Prozent verzeichneten Übergriffe in der Notaufnahme.

„Hemmschwelle gesunken“

„Ganz offensichtlich ist die Hemmschwelle für Gewalttaten gesunken“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, dazu Anfang vergangenen Jahres im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er sieht Ursachen auch im Gesundheitssystem: Wegbrechende niedergelassene Versorgung und fehlende Patientensteuerung in der Notfallversorgung sorgten für teilweise extrem lange Wartezeiten. Das führe zu Frust und Aggression, vor allem bei denen, die nicht verstünden, dass in der Notaufnahme nicht der als erstes behandelt werde, der zuerst gekommen sei.

Werden Arztpraxen und Notaufnahmen zu Gefahrenzonen? „Wer Helferinnen und Helfer angreift, zerstört das Vertrauensverhältnis, auf dem medizinische Versorgung beruht, und gefährdet damit die Funktionsfähigkeit unseres Gesundheitswesens“, erklärte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt. Eindringlich forderte er mehr Schutz für medizinisches Personal, auch im Rettungsdienst und bei der Feuerwehr.

Höhere Strafen geplant

Der Ärzte-Präsident begrüßte den kürzlich vom Bundesjustizministerium vorgelegten Gesetzentwurf zur „Stärkung des strafrechtlichen Schutzes des Gemeinwesens“. Er sieht Freiheitsstrafen von mindestens drei Monaten vor, wenn Ärztinnen und Ärzte sowie andere Gesundheitsberufe durch Gewalt an der Ausübung ihrer Arbeit gehindert werden. Bei tätlichen Angriffen drohen sogar Freiheitsstrafen von mindestens sechs Monaten.

Härtere Strafen allerdings reichen nicht aus. Martina Röder, Geschäftsführerin des Deutschen Pflegeverbands (DPV), sieht auch die Träger der Einrichtungen bei der Prävention von Gewalt in der Pflicht. „Einrichtungen brauchen ein Schutzkonzept, das eine Meldestelle, Leitlinien sowie Schulungen umfasst“, sagte sie laut „Ärztezeitung“.

Viele Kliniken schulen Personal in Deeskalation

Die Krankenhäuser sichern sich immer häufiger durch Sicherheitsdienste, bauliche Sicherheitsvorrichtungen oder durch Deeskalations- und Selbstverteidigungskurse ab. Laut Krankenhaus-Institut schulen mittlerweile 77 Prozent der Kliniken Beschäftigte, die in besonders von Gewalt betroffenen Bereichen tätig sind, in Deeskalation.

Für Aufsehen sorgte das Klinikum Dortmund, das noch einen Schritt weitergehen will: Das Klinik-Personal könnte dort ab Mitte Januar testweise mit Bodycams ausgestattet werden. Die Kameras sollen nur in eskalierenden und nicht in vertraulichen Situationen oder während einer medizinischen Behandlung eingeschaltet werden, versichern die Verantwortlichen. Vor allem versprechen sie sich, dass die Kameras deeskalierend wirken - wie dies auch bei Polizei und Ordnungsämtern der Fall sei. (KNA)

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