Indigene Sprachen : Kanadas Ureinwohner besinnen sich auf ihre Wurzeln

Die Sprachen der Ureinwohner verschwinden langsam. In Kanada soll das mit Hilfe eines Gesetzes verhindert werden.

Kinderbücher und Lehrmaterial in den Sprachen der Indigenen.
Kinderbücher und Lehrmaterial in den Sprachen der Indigenen.Foto: Gerd Braune

Im Kongresszentrums von Fredericton in der Atlantikprovinz New Brunswick erklingen Trommeln und Kindergesang. Kinder der „Chief Harold Sapier“-Grundschule der St. Mary’s First Nation tragen in der Sprache des Volks der Maliseet einen Ehrengesang vor. Die Kinder in gelben T-Shirts strahlen, sie sind stolz, dass sie vor der Führung der indianischen Völker Kanadas auftreten können. Dann ziehen sie mit dem Nationalen Häuptling Perry Bellegarde in den Sitzungssaal ein. „Unsere Kinder sprechen unsere Sprachen. Ein Traum wird wahr“, sagt Imelda Perley, eine der Frauen der Maliseet, die respektvoll „Elder“ genannt werden. „Wir feiern unsere Sprachen in diesem internationalen Jahr der indigenen Sprachen.“

Das haben die Vereinten Nationen ausgerufen. Von den weltweit nahezu 7000 Sprachen könnten nach den Prognosen der UN bis Ende dieses Jahrhunderts die Hälfte ausgelöscht sein, falls jetzt nicht gegengesteuert wird. In Kanada ist deshalb nun ein Gesetz in Kraft getreten, das den Niedergang der Sprachen der Ureinwohner stoppen soll.

Für Chief Bellegarde vom Dachverband indianischer Nationen Kanadas ist es ein hoffnungsvolles Zeichen, dass Kinder in ihrer Muttersprache singen. Das frühere staatliche System der Internatsschulen, das über hundert Jahre indianische Sprachen verbot oder sie als unwert bezeichnete, habe nicht gesiegt: „Unsere Sprache ist so wichtig für unsere Identität. Wir werden uns nie mehr schämen, unsere Sprachen zu sprechen."

Im Juni hatte das Parlament Kanadas das „Gesetz über den Respekt für indigene Sprachen“ verabschiedet. Darin verpflichtet sich die Regierung, die Existenz indigener Sprachen langfristig finanziell zu unterstützen. Um das Gesetz nach den Bedürfnissen der Betroffenen auszugestalten, sieht es enge Konsultation zwischen den Regierungen und den indigenen Völkern vor. Ein Beauftragter für indigene Sprachen wird die Umsetzung des Gesetzes überwachen.

„Ich bin 70 Jahre alt und ich lerne jetzt meine Sprache“, erzählt Jessica Hill in Fredericton dem Tagesspiegel. Sie ist Chief der Oneida Nation of the Thames bei London in Ontario, 200 Kilometer westlich von Toronto. Ihre Mutter und Großmutter besuchten „Residential Schools“. „Sie sprachen zuhause zwar ihre Oneida-Sprache, aber nicht mit mir. Mit mir sprachen sie Englisch. Sie wollten offenbar nicht, dass ich diese Erniedrigung und Abwertung erfahre, die sie erleben mussten, wenn sie ihre Sprache sprachen“, sagt Jessica Hill. „Ihnen wurde gesagt, dass ihre Sprache nichts wert ist.“

Lernen mit den Alten

„Unsere Sprache steht kurz vor dem Aussterben“, sagt Chief Hill. Unter den etwa 6400 Mitgliedern der Gemeinde gebe es nur 62, die fließen Oneida sprechen. Mehrere Stunden pro Woche kommen nun Menschen, die meisten im fortgeschrittenen Alter, in ihrem Kulturzentrum zusammen und lernen von gleichaltrigen oder noch älteren Mitgliedern des Volkes ihre eigene Sprache. „Twatati“ – „Lasst uns unsere Sprache sprechen“, heißen diese Stunden. „Wir haben keine Lehrer. Aber wir Erwachsenen müssen die Sprache jetzt lernen, damit wir sie als Lehrer an unsere Jugend weitergeben können.“

In Kanada hat in den 1970-er Jahren langsam der Aufbau eines von den indigenen Völkern geleiteten Schulsystems begonnen. Heute bestehen in den Gemeinden von der Hohen Arktis über die Prärie bis zu den Küsten des Atlantik und Pazifik Schulen, in denen Lehrer aus den indigenen Völkern unterrichten. Markantes Beispiel für den Wandel ist die von den indianischen Völkern geleitete „First Nations University“ in Regina, Hauptstadt von Saskatchewan. Statistiken geben ein widersprüchliches Bild: Einerseits steigt die absolute Zahl derer, die eine indigene Sprache sprechen können. Aber die indigene Bevölkerung wächst stark durch hohe Geburtenraten und eine größere Bereitschaft, sich als „indigen“ zu identifizieren. So sinkt prozentual der Anteil derer, die eine indigene Sprache sprechen.

In Bloomington im US-Staat Indiana ist „The Language Conservancy/TLC“ ansässig, die sich für den Erhalt der indigenen Sprachen einsetzt. 2004 begann TLC seine Arbeit mit der Dokumentation der Lakota-Sioux-Sprache. Wörterbücher und Unterrichtsmaterial, Zeichentrickserien und Apps wurden entwickelt. Bisher wurde Lehrmaterial in rund 20 Sprachen publiziert, darunter für Apachen, Cheyenne, Lakota, Dakota, Ojibwe und Oneida. Entwickelt wurde ein effizientes Verfahren, um Wortschätze zu erfassen. Statt diejenigen einzeln aufzusuchen, die die Sprachen noch sprechen können, und ihr Vokabular aufzuzeichnen, werden alle, die die Sprache beherrschen, zu einem Workshop zusammengebracht. „Wir bitten zum Beispiel darum, dass sie Wörter nennen, die Familienbeziehungen beschreiben, wie Vater, Mutter, Eltern, Geschwister, Bruder, Schwester. Der Prozess wird für mehr als 500 verschiedene Kategorien wiederholt, die die ganze Bandbreite der Sprache abdecken. Dadurch können wir innerhalb von zwei Wochen bis zu 15000 Wörter aufzeichnen“, informiert die Organisation.

Manchmal kommt TLC zu spät: Während des Projekts, die Mandan-Sprache aufzuzeichnen, starb der letzte Angehörige des Volkes, der sie sprechen konnte. Perry Bellegarde hofft, dass durch das neue Gesetz und „Revitalisierung unserer Sprachen“ möglichst vielen ein solches Schicksal erspart bleibt. „Wir möchten, dass unsere Sprachen fließend gesprochen werden, Mohawk, Dene, Mik´maq, Cree und viele andere. Wir werden den Erfolg bei unseren Kindern und Enkeln sehen.“