Interview mit Dendemann : „Eminem ist für mich Shakespeare“

Er reimt wie kein Zweiter, früher mit „Eins Zwo“, bei Böhmermann, heute solo. Der Rapper Dendemann über den Zustand des Hip-Hop und 100 000 Dollar für Skater.

Dendemann wuchs in Sauerland auf. Am 25. Januar erscheint sein neues Album "Da nich für".
Dendemann wuchs in Sauerland auf. Am 25. Januar erscheint sein neues Album "Da nich für".Foto: Nils Müller

Charlotte Roche nennt Sie den besten Rapper Deutschlands, das „Zeit Magazin“ schreibt: „Dendemann hat entweder alles falsch oder richtig gemacht, denn die große Karriere legten andere hin.“ Was haben Sie falsch gemacht?

Ich habe nie viel gearbeitet. Und vielleicht das Ego vor Vernunftentscheidungen gestellt. Ich war mal Teil einer wertvollen Marke.

Von „Eins Zwo“, einem erfolgreichen Hip-Hop-Duo in den späten 90er Jahren.

Als wir uns trennten, empfand ich das zwei Wochen lang als Befreiungsschlag. Bis ich merkte, ich muss wieder bei null anfangen. Ein Unternehmensberater hätte gesagt, frag doch, ob du dich weiter so nennen kannst. Aber das hätte Widerstand bedeutet, und ich bin immer ein fauler Hund gewesen. Das hatte mir früher zum schlechtesten Zivi-Job der Stadt verholfen, Lungenklinik Hemer im Sauerland. Wer da zu spät fragt, kommt auf die Intensivstation.

Acht Jahre haben Sie für Ihr neues Album gebraucht. Ein Grund: Bis 2017 haben Sie für Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ gerappt. Haben Sie vom Fernsehen gelernt?

Das Allerwichtigste gleich am Anfang: Eine Sendung ist kein Werk. Sondern eine Darbietung vor Publikum, die aufgezeichnet und ausgestrahlt wird – nächste Woche geht alles von vorne los.

Sie entwickelten sich zum scharfsinnigen Kommentator. Als Junge wollten Sie Kabarettist werden. Warum schreiben Sie nicht einfach Gags für andere?

Nee, nee, das scheiterte relativ früh. Als Jan sagte, wär’ geil, wenn du auch einen One-Liner machst. Zum Beispiel: CDU-Geburtstag, alle stehen auf den Tischen und grölen: „Will the real Wolfgang Schäuble please stand up?“ Nee, vergiss es, du bist mir zu hart.

Warum wollte Böhmermann Sie in der Show haben?

Da ist ein Vertrauen zwischen uns. Selbst wenn ich inhaltlich manchmal gezuckt habe, wusste ich, wie er es meinte. Er hat eine unglaubliche emotionale Intelligenz. Und bei mir brauchte er sich nicht zu sorgen, dass ich was sage, was ihm unangenehm sein könnte. Die Fremdscham hält sich in Grenzen, wenn man Dendemann hat.

Dendemann

Dendemann, 44, heißt eigentlich Daniel Ebel und war einer der wichtigsten Protagonisten des frühen deutschen Raps. Mit DJ Rabauke gründete er in den 90er Jahren die Band „Eins Zwo“ und veröffentlichte 1999 eine der einflussreichsten Deutschrap-Platten: „Gefährliches Halbwissen“. Seit 2003 ist Dendemann solo unterwegs und veröffentlichte die Platten „Die Pfütze des Eisbergs“ und „Vom Vintage verweht“. Am 25. Januar erscheint sein Album „Da nich für“. Seine Tour zum Album war in vielen deutschen Städten sofort ausverkauft. Von 2015 bis 2017 war der Rapper der musikalische Sidekick in Jan Böhmermanns Late Night Show „Neo Magazin Royale“.
Dendemann wuchs in Menden, einer sauerländischen Kleinstadt bei Dortmund, auf und zog 1996 nach Hamburg, wo er mit Fettes Brot, Samy Deluxe und den Absoluten Beginnern Musik machte. Mehr als 20 Jahre später sitzt er in der obersten Etage des Universal-Gebäudes. Er lebt mittlerweile in Berlin-Kreuzberg.

Es ist früher Abend, Dendemann bestellt noch vor dem ersten Wort eine Tasse Espresso. Als man ihm dazu Wasser anbietet, entgegnet er: „Um Gottes Willen, nein. Ich brauche die Wadenkrämpfe, um mich nachts zu spüren.“

Sie sind bekannt für Doppelreime: „Ich mein’ allein mein Hüftschwung ist ein technisches Wunderwerk, der den Absturz mal kurz beschleunigt wie’n Underberg.“ Wann fällt Ihnen so was ein?

Mir erzählt jemand was, die Kaffeemaschine rattert dabei, ich verstehe es falsch, schon ist es ein Reim. Oder irgendwo läuft ein Beat, und es fällt nur so aus mir heraus, ich komme kaum hinterher beim Mitschreiben. Früher war ich der Überzeugung, Schreiben muss eine Qual sein. Ich habe mich geweigert, Tools zur Hilfe zu nehmen.

Was für Instrumente meinen Sie?

Manche Rapper unterteilen ihren Sechzehner-Vers in Abschnitte, machen sich eine Vokabelliste, mit dem, was sie sagen wollen, suchen dann passende Reime. Anschließend puzzeln sie.

Wo ist der Unterschied zu einem guten Gedicht?

Gibt’s nicht. Beides funktioniert am besten, wenn es sauber vorgearbeitet ist, gerade und bündig.

Kendrick Lamar hat 2018 als erster Rapper einen Pulitzer-Preis gewonnen. Wen würden Sie für den Literaturnobelpreis vorschlagen?

Eminem hätte den vor Jahren verdient, rein sprachlich. Das ist für mich Shakespeare, die Rollen, in die er schlüpft, wie er Songs strukturiert, sein Duktus – nicht zu toppen.

Einer Ihrer Tricks: Sie wandeln Sprichwörter ab. Haben Ihre Eltern Sie damit versaut?

Teilweise, ja. Die Sätze kommen aus furchtbaren Zeiten, sind nicht empathisch. Morgenstund hat Gold im Mund. Wie kann man einem Kind so etwas sagen? Mir als Siebenschläfer. Ich bin Befürworter von Mittagsschläfchen aller Art. Ich glaube, dass die gut fürs Gehirn sind.

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