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Es kostet Überwindung: Eisbaden in Finnland.

© Visit Finland

Winterurlaub in Finnland: Kalt bewährt

Baden am Polarkreis, im Schlitten übers Eis. Im finnischen Vuokatti erlebt man den Winter von seiner ursprünglichen Seite. Eine Annäherung in vier Disziplinen

HUSKYSCHLITTEN
Isa schleicht sich von hinten an, den verlorenen Handschuh fest im Blick. Kurz nicht aufgepasst – und, schwupp, schnappt sie ihn sich. Dabei hatte Huskyfarm-Besitzer Kimmo Laasonen die Besucher gewarnt: Wer seinen Schlitten nicht mit klammen Fingern lenken will, sollte sich vor Hündin Isa mit dem Handschuh-Fimmel in Acht nehmen. Gar nicht so leicht bei dem Trubel.

Zehn Gespanne mit je sechs Hunden werden von Laasonen für die „Howling Northern Lights Tour“ bereitgemacht. Langsam dämmert es auf seinem Grundstück in Vuokatti, einem Ort ziemlich genau in der Mitte Finnlands.

Flutlichter erhellen den Platz neben dem blauen Holzhaus. Eben noch wuselten Isa, Rosta, Kaino und die anderen Hunde auf den Schößen der Gäste herum und ließen sich die Bäuche kraulen. Nun setzt wildes Bellen und Heulen ein. Die Huskys wollen endlich das tun, was sie jeden Tag trainieren: rennen.

Kimmo gibt das Startsignal. Mit einem Ruck setzen sich die hölzernen Schlitten in Bewegung. Die Hundemeute – verstummt. Nur leises Hecheln ist zu hören, als sie ihre Passagiere über die ersten Meter des Wegs ziehen.

Die einen warm eingemummelt im Thermositz, die anderen stehend mit einer wichtigen Aufgabe: Als sogenannte Musher lenken und bremsen sie die Gefährte. Rechtskurve, Gewicht aufs rechte Bein. Linkskurve, Schwerpunkt nach links verlagern. Zum Bremsen dienen eine kleine Tretmatte zwischen den Kufen und zwei Eisenkrallen, die sich in den Schnee graben.

Ist all das erprobt, weicht die Anspannung der Abenteuerlust. Schneekristalle wirbeln im Schein der Stirnlampe auf, am Himmel haben sich die Wolken verzogen und geben den Blick auf die Sterne frei. Wer braucht bei dem Anblick schon die Nordlichter, denen Touristen in Skandinavien so gern nachjagen?

Zur Halbzeit tauschen Fahrer und Beifahrer. Den Lenker abzugeben fällt schwer, fühlte man sich doch so wunderbar verwegen als Herrin über dieses kraftvolle Fellgespann, auch wenn die Füße langsam gefrieren. Egal, ganz egal, wenn es nur noch ein bisschen weitergeht durch die finnische Winterwundernacht.

Zurück in der Safaristation lernen die Gäste bei Kaffee und Zimtschnecken mehr über die Huskys, die Kimmo züchtet und für Rennen trainiert. „Wir beginnen, wenn sie ein halbes Jahr alt sind, sehr spielerisch und mit vielen Belohnungen. Am Anfang hat das ein bisschen was von einem Rodeo“, erzählt er.

Seit 20 Jahren arbeitet der ruhige Finne mit den Tieren. Gibt’s da auch mal Urlaub? Kimmo grinst. „Vorletzten Sommer wollten wir wegfahren. Prompt wurden die Welpen geboren.“ Er klingt gar nicht so traurig.

Vollgas mit sechs HS. Wer einen Husky-Schlitten lenkt, vergisst die kalten Füße.
Vollgas mit sechs HS. Wer einen Husky-Schlitten lenkt, vergisst die kalten Füße.

© Visit Finnland

SCHNEEMOBILSAFARI
Halb Finnland, so scheint es, ist im Winter in Vuokatti auf den Beinen. Der Ort in der Region Kainuu, im nordöstlichen Zipfel des finnischen Seengebietes, ist das Trainingszentrum für Leistungssportler in den Disziplinen Langlauf, Skispringen, Nordische Kombination, Biathlon und Snowboard.

Die Pisten und Loipen nutzen auch Hobbyfahrer und viele Familien. Kunstschnee ist hier ein Fremdwort, auch wenn der höchste Gipfel, der Porttivaara, gerade mal 345 Meter misst. Aber durch die nördliche Lage fällt hier im Winter wirklich immer Schnee.

So versunken ist manch Langläufer in den Rhythmus seiner Bewegungen, dass das Knattern der Schneemobile erst im letzten Moment bemerkt wird. Doch Guide Greg Evans ist Profi und stoppt seine kleine Karawane rechtzeitig.

Für die Finnen sind Motorschlitten im Alltag ein beliebtes Fortbewegungsmittel, für Touristen werden auch Touren angeboten. „Es ist ganz einfach“, erklärt der gebürtige Australier und zeigt Gas, Bremse und den Totenkopfknopf, der verhindern soll, dass das Gefährt weiterbraust, sollte der Fahrer hinunterfallen.

Helm auf, Visier runter, dann geht es mit 40 Pferdestärken den Trail entlang – durch Kiefern- und Birkenwälder, bergauf, bergab und mit Schmackes über den See, der verschneit in der Sonne glitzert.

„Nicht verkrampfen! Lasst das Schneemobil seinen Weg finden“, ruft Greg über den Motorenlärm hinweg. Ein Gefühl von Freiheit macht sich breit, während man unter dem blauen Himmel dahinrast und die breiten Kufen über die verharschte Piste gleiten.

Doch auch das schlechte Gewissen nagt. Sind die Flitzer nicht ganz schön laut und dazu schlecht fürs Klima? „Wir übertreiben es ja nicht“, winkt der Guide ab. „Unsere Motorschlitten sind nicht zu schnell und die Gruppen klein. Kein Vergleich zu Lappland, wo sie 100 Leute gleichzeitig mit rausnehmen. Da kommst du dir vor wie auf der Autobahn.“

Zum Mittag wird der Trupp von Riitta Joubert in ihrem Café Rekikesti erwartet. Mitten im Wald liegt das ehemalige Schulhaus, das Riitta – früher selbst Lehrerin – und ihr Mann Larry liebevoll restauriert haben.

Mit Hunden, Katzen, Pferden und Ziegen leben sie auf dem kleinen Anwesen. Den Gastraum schmücken Ölbilder glücklicher Kühe, von der Decke baumeln Weihnachtskugeln, und in den Fenstern hat Riitta alte Kaffeetassen aufgehängt. Im Radio läuft leise Jazz.

Es gibt Johannisbeersaft, Lachssuppe und duftendes Brot mit Butter. Lasst Platz für den selbstgebackenen Rhabarberkuchen mit flüssiger Sahne, bittet die Wirtin.

EISBADEN
Nach diesem Lunch lockt der rote Schaukelstuhl in Riittas Diele weit mehr als der Sattel des Schneemobils. Doch Faulenzen gilt nicht; das nächste Abenteuer steht auf dem Programm. „Das hier macht absolut keinen Sinn – aber Spaß“, stimmt Matti Nevanperä seine Gäste am Ufer des Sees Särkinen aufs Eisbaden ein.

Nicht dein Ernst, Matti, in zwei Grad kalte Fluten sollen wir uns stürzen? Doch dieses Bad ist Nervenkitzel mit Überlebensgarantie. Denn während man sonst schon nach vier Minuten unterkühlt, zögern Schutzanzüge das Ende um mindestens drei Stunden hinaus. Das sollte reichen für einen Abstecher ins Eisbassin, das der Finne rund um einen kleinen Holzsteg freigehackt hat.

Zwängen sich nicht gerade verrückte Touristen hinein, werden die Anzüge von Seenotrettern getragen. Die Sturmhaube ist nichts für Klaustrophobiker, so eng legt sich das dicke Gummi um den Kopf.

Es soll eben kein Tropfen hineindringen, auch nicht durch die Gummischuhe, auf denen die Eisbader kurz darauf wie rote Riesenpinguine zum Steg watscheln und ein wenig ungelenk in den See gleiten. Kühl und schwer drückt das Wasser den Thermo-Overall gegen den Körper.

Doch so eisig, wie es aussieht, fühlt sich das Winterbad nicht an. Eine Schwimmweste sorgt für Auftrieb, sodass man gemütlich rück- oder bäuchlings dahintreibt.

Wer mag, kann testen, wie es sich anfühlt, einzubrechen. Ein paarmal feste mit der Ferse auf die Eiskante getreten, und plötzlich saust man so schnell ins Wasser, dass kaum Zeit zum Luftholen bleibt.

Dann bahnt sich schließlich doch die Kälte ihren Weg durch Gore-Tex, Gummi und Fleece-Unterwäsche. In seiner Hütte am Ufer serviert Matti heißen Johannisbeersaft – besser als jeder Cocktail am Strand.

Schlittenfahrt durch die verschneite Landschaft.
Schlittenfahrt durch die verschneite Landschaft.

© Visit Finland

SCHNEESCHUHWANDERN
Im Grunde aber braucht es weder Hightech noch viele PS, um zu erleben, was das Land am Polarkreis im Winter so besonders macht. Man nehme: ein paar Schneeschuhe, eine Stirnlampe und ein wenig Proviant, einen Wald, einen See und eine sternenklare Nacht. Als Geheimzutat schließlich einen ortskundigen Guide.

Denn in Finnland, das fast so groß wie Deutschland ist, leben gerade mal 5,5 Millionen Menschen. Viel Platz, um verloren zu gehen.

Mit Marcus Grunewald kann das nicht passieren. Der Deutsche hat sich in Finnland zum Wildnisführer ausbilden lassen und verbringt jeden Winter hier. Mit wenigen Handgriffen sind die Schneeschuhe angeschnallt.

Dann führt Marcus die Gruppe über eine Böschung am Straßenrand in den Wald, hinein in eine andere Welt. Die Zweige der Fichten biegen sich unter der Last des Schnees und lassen die Bäume im Lichtkegel der Lampen wie wundersame Märchenwesen wirken.

Immer weiter schlängelt sich der Pfad durch die Dunkelheit, vorbei an Felsblöcken, von denen dicke Eiszapfen hängen. Kaum ein Laut ist zu hören außer dem Knirschen des Schnees unter den Schritten der Wanderer.

Am Ufer eines Sees lässt der Guide abschnallen und öffnet die Tür einer runden Holzhütte mit Feuerstelle. „Solche ,Kotas‘ gibt es hier überall entlang der Wanderwege“, erzählt Marcus, während er Holz spaltet und ein Mitternachtspicknick zubereitet, das es in sich hat: gegrillte Banane mit Schokoladenfüllung, runtergespült mit Teerschnaps.

Lange war Finnland Zentrum der Naturteer-Produktion, der aus dem Harz von Kiefern und Fichten gewonnen wird. Noch heute soll er Wehwehchen lindern, dient als Schönheitsmittel oder Saunaaufguss. „Wenn Teer, Schnaps und Sauna nicht helfen, dann gibt es keine Hilfe mehr“, sagt ein Sprichwort.

Während das Feuer die Finger und der Schnaps den Magen wärmt, wandert der Blick durchs Fenster. Huschte da nicht eben ein Schatten übers Eis? Vielleicht der Bär, dessen Höhle gleich hinter der Kota liegen soll?

Das Nationaltier Finnlands kann man tatsächlich auf geführten Safaris beobachten – im Sommer, wenn das Eis getaut und der Schnee geschmolzen ist. Wenn die Wälder voller Blaubeeren stehen und bei Kimmo die Huskywelpen zur Welt kommen.

HINKOMMEN
Finnair fliegt mehrmals täglich von Tegel über Helsinki nach Kajaani, ab 230 Euro. Von dort gibt es einen Shuttlebus nach Vuokatti (40 Minuten). Der Reiseveranstalter Vianova hat Touren mit Direktflügen ab Schönefeld im Programm. Von Travemünde fährt täglich eine Autofähre nach Helsinki.

UNTERKOMMEN
Im Haapala bnb Oy, einem alten Bauernhaus mit eigener Brauerei, kostet das Doppelzimmer ab 95 Euro.

RUMKOMMEN
Verschiedene Touren bietet zum Beispiel Vuokatti Safaris an: vuokattisafaris.com. Diese Reise wurde unterstützt von Visit Finland.

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