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Dieses Foto eines zerstörten Wohnhauses in Charkiw machte Maria Avdeeva am 8. März.

© Maria Avdeeva

Tagesspiegel Plus

Kämpferin mit Handy und Kamera: „Die Russen leugnen ihre Verbrechen“

Politikwissenschaftlerin Maria Avdeeva dokumentiert die Zerstörung ihrer Heimatstadt Charkiw für die Weltöffentlichkeit. Für sie ist das ein „Beitrag zum ukrainischen Kampf“.

Mitten im Satz schreit Maria Avdeeva auf. „Haben Sie das gehört?“, sagt sie leise in ihr Handy, während im Hintergrund die Explosion verhallt. „Das war höchstens einen Kilometer entfernt.“ Doch schnell hat die Politikwissenschaftlerin sich wieder gefasst, sie will weiterlaufen, weiter durch den Schnee von Charkiw stapfen, um die Zerstörung ihrer Stadt mit eigenen Augen zu sehen.

Seit fast zwei Wochen herrscht in der zweitgrößten Metropole der Ukraine Krieg. Maria Avdeeva, Recherchedirektorin der Denkfabrik European Expert Association, hat Charkiw seitdem nicht verlassen.

„Wir leben von Tag zu Tag“, sagt sie während ihres Gangs durch die Stadt am Dienstagnachmittag. Bis zu Putins Invasion bestand ihre Arbeit aus Forschungsaufsätzen zu russischer Desinformation und der Militarisierung russischer Medien. Der Krieg hat aus der Analystin auch eine Dokumentarin gemacht.

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„Man kann nur tagsüber auf die Straße gehen“, berichtet Avdeeva. „Abends und nachts ist die Stadt komplett lichterlos.“ Sie selbst hatte in ihrer Wohnung kürzlich drei Tage lang keinen Strom, jetzt funktioniere er wieder. Doch was in der Stadt geht, läuft nur rudimentär. „Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel und kaum Autos, weil das Benzin ausgeht. Wer irgendwo hinmuss, läuft“, sagt Avdeeva.

Sie sei gerade durch eine Wohngegend etwa vier Kilometer vom Stadtzentrum gegangen. „Ein vierstöckiges Haus noch aus Sowjetzeiten wurde bei einem Einschlag zerstört“, sagt sie und schickt Fotos und Videos, die sie kurz zuvor aufgenommen hat.

Vom Dach und den oberen drei Etagen fehlt eine Ecke komplett, das Gebäude ist wie von einer riesigen Pranke aufgerissen. Das Haus ist verlassen. Auf den Trümmern liegt Schnee.

Feuerwehrleute löschen einen Brand nach einem Raketenanschlag in Charkiw. Das Bild wurde am 7. März aufgenommen.

© IMAGO/UPI Photo

„Wer konnte, hat Charkiw inzwischen verlassen“, sagt Avdeeva. „Heute früh war ich am Bahnhof. Die letzten Tage war der völlig überlaufen, weil die Züge die letzte effektive Fluchtmöglichkeit sind, aber heute war er relativ leer.“ Die lokalen Behörden sprachen am Dienstag von mehr als 600.000 Menschen, die per Zug aus Charkiw evakuiert worden seien.

Avdeeva sagt, sie bekomme jedoch viele Nachrichten von Freunden, deren ältere Verwandte sich außerhalb der Stadt befänden und nicht in der Lage seien, zum Bahnhof zu kommen. „Sie sitzen in ihren Wohnungen fest.“

Das russische Verteidigungsministerium hatte am Dienstagmorgen behauptet, Menschen in den umkämpften Städten Charkiw, Kiew, Mariupol, Sumy und Tschernihiw mit einer Feuerpause die Möglichkeit zu geben, sich in Sicherheit zu begeben. Doch Avdeeva sagt: „Das ist eine komplette Lüge. Es gibt keine besondere Evakuierung hier, es existieren keine sicheren Zeitpunkte oder Orte. Russland hat schon neulich behauptet, dass es ‚grüne Korridore’ aus Sumy und Mariupol geben sollte. Stattdessen bombardierten sie Zivilisten.“

In der Hafenstadt Mariupol waren zuletzt zwei Versuche gescheitert, einen humanitären Korridor einzurichten. Das ukrainische Militär warf der russischen Armee vor, eine Feuerpause nicht einzuhalten. Russland erwiderte die Bezichtigung.

Wenn du auf der Straße bist, kannst du nie wissen, ob du Ziel einer russischen Rakete werden könntest.

Maria Avdeeva 

„In Charkiw ist es die gleiche Situation“, sagt Avdeeva. „Wenn du auf der Straße bist, kannst du nie wissen, ob du Ziel einer russischen Rakete werden könntest.“ Wie sie damit umgehe? „Es ist ein Gefühl ständiger Bedrohung“, sagt sie, „aber ich halte es nicht für meine Aufgabe, in einem Keller zu sitzen und zu warten.

In Charkiw gibt es wenige ausländische Reporter, und die Nachfrage nach Informationen in den sozialen Medien ist groß.“ Auf Twitter folgen Maria Avdeeva mittlerweile 44.000 Menschen, sie ist in ihrer Doppelfunktion als Forscherin und Augenzeugin gefragte Interviewpartnerin internationaler Medien.

Unter Beschuss. Ein Foto aus den Straßen von Charkiw, aufgenommen am 1. März.

© IMAGO/Ukrinform

„Die Russen leugnen ihre Verbrechen und sagen, es gebe keinen Krieg in der Ukraine, geschweige denn, dass sie Wohngebiete bombardieren“, sagt die Politologin. Dass sie das Gegenteil festhalte, sehe sie als ihren „Beitrag zum ukrainischen Kampf“. Die Angriffe auf Charkiw hätten sich zuletzt verändert, sagt Avdeeva.

„Bis vor Kurzem gab es alle zehn Minuten Explosionen. Jetzt konzentrieren die Russen sich offenbar auf den Abend und die Nacht.“ Und immer wieder gebe es Detonationen wie jene vor ein paar Minuten, die nicht genau zuzuordnen seien.

Gerade war Avdeeva bei einer ehemaligen Militärakademie, die die russische Armee am 2. März zerstört habe. Auf dem Video, das sie hinterher schickt, ist das Ausmaß der Zerstörung zu sehen, das auch anliegende Wohnhäuser traf: zertrümmerte Fensterscheiben, umgedrehte Autos – überall Schnee und Schlamm und Menschenleere. „Ich habe mit Anwohnern geredet, die dennoch dageblieben sind“, sagt Avdeeva.

„Angrenzend gibt es ungefähr zehn Wohngebäude. Die Leute sagen, sie hätten keinen Strom, keine Heizung und kein Wasser. Das ist ein großes Problem, weil es gerade sehr kalt ist in Charkiw.“

Die lokale Verwaltung funktioniere noch, wenngleich oft leidlich. „Eine Kollegin erzählte mir, dass eine Frau in einer Wohnung gestorben sei und niemand kam, um die Leiche abzuholen“, sagt Avdeeva. „Die Polizei ist so sehr damit beschäftigt, das Militär bei den Kämpfen an der Front zu unterstützen, dass bei Notrufen immer die Gefahr besteht, dass gerade niemand kommen kann.“

Welche Perspektive hat Charkiw, welche die Ukraine, nach knapp zwei Wochen Krieg? Immerhin, es gibt Gespräche. Am Donnerstag sollen sich der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow in Antalya treffen. „Natürlich geben wir die Hoffnung auf eine Lösung nicht auf“, sagt Maria Avdeeva.

„Aber momentan sieht es nicht danach aus, dass Putin aufhören wird. Die Leute in Charkiw hätten niemals gedacht, dass er eine russischsprachige Stadt mit 1,5 Millionen Einwohnern bombardieren würde, doch er hat es getan. In dieser Lage kann man kaum Prognosen treffen.“ Sie gehe davon aus, dass der russische Präsident es nicht nur auf die Ukraine abgesehen habe, sondern auch auf das Baltikum.

Maria Avdeeva beendet das Telefonat mit einer Mischung aus trotziger Hoffnung und dem Realismus der Belagerten. „Putins anfänglicher Plan ist gescheitert“, sagt sie. „Er wollte einen Blitzkrieg von ein paar Tagen, aber jetzt gibt es immer mehr Berichte über Truppen, denen Treibstoff und Nahrungsmittel ausgehen, oder gefangengenommene russische Kommandeure.“

Tags zuvor, am Montag, wurde laut dem ukrainischen Verteidigungsministerium nahe Charkiw der ranghohe russische Kommandeur Vitaly Gerasimow getötet, der die 41. Armee befehligte.

Sollte die Angabe, die sich derzeit nicht unabhängig verifizieren lässt, wahr sein, wäre es der zweite russische General, den ukrainische Streitkräfte töten konnten. Bereits am 28. Februar war Generalmajor Andrei Suchowtski, der die 7. Luftlandedivision kommandierte, bei Mariupol erschossen worden.

Nach dem Gespräch will Maria Avdeeva weiter durch Charkiw laufen, Fotos machen, Videos posten – versuchen, das Chaos zu ordnen, in das Wladimir Putins Angriffskrieg ihre Stadt gestürzt hat. „Heute tue ich, was ich heute tun kann“, sagt sie. „Und an morgen denke ich morgen.“

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