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© Fotomontage: Tagesspiegel/Schuber, Fotos: UTB Projektmanagement GmbH, Edge

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Kulturkampf um Berlins Hochhäuser: Trennen diese zwei Türme Kreuzberg in gut und böse?

Im selben Bezirk entsteht an einer Stelle der Amazon-Tower, sechs Kilometer weiter ein Vorzeigehochhaus. Dazwischen: ein Kampf um die besten Adressen der Stadt.

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Die Pfähle sind eingerammt, der Boden ist bereitet – ein Jahr Streit und die Androhung eines Baustopps durch den Bezirk sind verhallt. Die Betonplatte ist gegossen, zwei turmhohe gelbe Kräne stehen daneben: Ende des Jahres werden die ersten Geschosse aus Stahlbeton aus der Grube in die Höhe wachsen. 43 Stockwerke werden es insgesamt, eine Fläche von 80.000 Quadratmetern.

An der Warschauer Brücke liegt die Baustelle von „The Edge“. Hier entsteht einer der höchsten Türme der Stadt, 140 Meter hoch. Mitten in der Partymeile von Friedrichshain-Kreuzberg. Im Viertel kennen das Projekt fast alle, wegen des Mieters, der hier in zwei Jahren einziehen wird. „Amazon-Tower“ nennen ihn deshalb fast alle nur, rund 3000 Programmierer werden hier arbeiten.

So soll „The Edge“ aussehen. Die Bauarbeiten laufen seit 12 Monaten.
So soll „The Edge“ aussehen. Die Bauarbeiten laufen seit 12 Monaten.

© The Edge

Aber es wird dauern, bis die wohl mehrheitlich Neu-Berliner im Bezirk ankommen. Denn nicht nur hier wird das Projekt abgelehnt. Vom Senat auch. Und von Aktivisten im Kiez sowieso.

Hier an der Baugrube tobt ein Kulturkampf um die Zukunft von Berlins Stadtentwicklung. Und was dabei am Ende ausgefochten sein wird, das könnte Schule machen für andere Metropolen.

Hochhäuser und Berlin, das war schon immer ein schwieriges Verhältnis. Weil es aber an Bauland fehlt und die Stadt wächst gab der Senat seine Blockade auf und sich sowie Investoren ein „Leitbild“ für den Bau neuer Türme.

Die Pläne für den Amazon-Tower entstanden, bevor das Abgeordnetenhaus diese Regelung beschloss. Ein zweites Hochhaus im selben Bezirk, sechs Kilometer weiter westlich an der Schöneberger Straße, kommt nach dem Erlass. Die beiden Türme stehen nicht nur deshalb für zwei konträre Auffassungen von Städtebau. Hier geraten lange geübte Routinen ins Wanken. Berlins Städtebau steht vor einer Zeitenwende.

Wir haben den Plan nicht gemacht, wonach hier ein Büroturm entstehen darf, das waren der Bezirk und das Land

Coen van Oostrom, Chef von „The Edge“

Die Planung dieser zwei Türme, des schwarzen und des weißen, erzählt von zwei Auffassungen über das Wirtschaften, über Berlin und seine Bewohner – und darüber, wer in diesem Monopoly Zugriff auf die besten Adressen bekommt. Die Stadt ist zu einer Kampfzone geworden.

Der Besprechungsraum von „The Edge“ bietet einen schönen Blick auf die Straßenbahn, die den Hackeschen Markt überquert, und auf das Leben in Mitte. Groß, schlank, einladendes Lächeln – der niederländische Edge-Chef Coen van Oostrom kommt strahlend daher, er hat in der Stadt sein Glück gefunden, auch privat. In Berlin hat er eine Frau und ein Kind, das „in der Charité auf die Welt“ kam, wie er sagt. Auch deshalb, sagt van Oostrom, sei ihm der Streit um seinen Turmbau nicht gleichgültig. Aber: „Wir haben den Plan nicht gemacht, wonach hier ein Büroturm entstehen darf, das waren der Bezirk und das Land.“

Phallus-Symbol des renditegetriebenen Immobilien-Kapitalismus

Florian Schmidt, Baustadtrat Friedrichshain-Kreuzberg über den Amazon-Tower

Oostrom hat Recht, vor wenigen Jahren, als der Bausenator noch Andreas Geisel (SPD; heute Innensenator) hieß, wäre der Bauherr für das Edge gefeiert worden. Zumal er an der Warschauer Straße 100 Quadratmeter „zur Nutzung durch Vereine aus dem Bezirk“ bietet. „Für acht Euro je Quadratmeter“. Van Oostrom sagt: „Dafür hat Florian Schmidt gekämpft und einen guten Deal für seinen Bezirk gemacht.“

Florian Schmidt, der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg findet das aber so gar nicht: „Ein Feigenblatt“ nennt Schmidt die „paar Quadratmeter“. Und damit erst gar nicht der Eindruck entstehe, der Bezirk habe seinen Frieden geschlossen mit van Oostroms Projekt, fügt Schmidt hinzu: Der Turm sei ein „Phallus-Symbol des renditegetriebenen Immobilien-Kapitalismus“ – und lehnt weitere Gespräche mit van Oostrom über dessen „Campuskonzept“ ab.

Der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt, lehnt das Konzept von „The Edge“ ab.
Der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt, lehnt das Konzept von „The Edge“ ab.

© imago images / Christian Ditsch

Zwei Welten prallen da aufeinander, zwei Menschen, die jeder auf seine Weise große Kommunikatoren sind. Van Oostrom, Typ agiler Jungunternehmer, sieht überall Chancen, will Grenzen verschieben, erkennt dabei durchaus die Zeichen der Zeit. Der Entwickler spricht viel über die ambitionierten Klimaziele seines Turms, strebt „eine neue Stufe der Nachhaltigkeit“ an – wohl wissend, dass Bauherren von Hochhäusern tiefe ökologische Fußabdrücke hinterlassen.

Schmidt ist der Visionär und Lautsprecher einer neuen Stadt, die „von unten“ mit der Zivilgesellschaft weiterentwickelt werden soll. Dazu will er den Zugriff des Marktes auf das Wohnen und das Leben in den Quartieren lösen. Die Stadt müsse vom Gemeinwohl aus gedacht und umgebaut werden.

Deshalb eignet Schmidt sich auch gut als Feindbild. Für die Liberalen zum Beispiel. Am liebsten hätten diese Akten und E-Mail-Verkehr öffentlich abdrucken lassen, um Schmidts politische Protektion einer Baugenossenschaft anzuprangern, der „DIESE e. G.“. Weil er diese wohlwollend begleitete, stand der Baustadtrat plötzlich im Verdacht, Berlin Millionen-Risiken aufgebürdet zu haben, zugunsten einer nur nach eigenem Ermessen „guten Sache“.

Der Schaden durch den Ankauf von Wohnungen von der finanziell in Schwierigkeiten geratenen DIESE e. G. trat zwar bisher nicht ein. Aber das ist vor allem einem Mann zu verdanken. Nur ist der „Retter“ von Schmidts Herzensprojekt ausgerechnet auch Bauherr und plant im Bezirk den weißen, mit der Stadt und den Menschen entwickelten Turm. Thomas Bestgen versorgte die notleidende DIESE-Genossenschaft mit Kapital. Damit lieferte er Stoff für Gerüchte: Hier erkaufe sich einer seine Baugenehmigung.

Das WoHo in Kreuzberg gilt als Vorzeigeprojekt, geplant mit der Stadt und den Menschen.
Das WoHo in Kreuzberg gilt als Vorzeigeprojekt, geplant mit der Stadt und den Menschen.

© UTB Projektmanagement GmbH

Prüfen wird das alles ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss. Am Freitag tagte er zum ersten Mal.

Schmidt hat nie ein Hehl aus seinen Überzeugungen gemacht. Dass das Wohnen ein Grundrecht sei und der allmächtigen Logik von Kapital und Rendite entzogen werden müsse. An deren Stelle müssten Bauherren treten, die sich in den Dienst der Menschen in den Quartieren stellen wie beispielsweise Genossenschaften. Statt mit Geschäftsbanken und Aktienfonds würden diese mit gemeinnützigen Stiftungen wie der „Abendrot“ aus der Schweiz arbeiten, die das Ökodorf „Holzmarkt“ am Spreeufer möglich machte oder auch mit der GLS-Bank, die Kredite zur Gründung der DIESE e. G. bereitstellte. Das ist Schmidts Netzwerk und das will er stärken.

Stadtplanung von unten beginnt mit der Frage an die Bewohner des Kiezes: Was fehlt und was passt hier hin? Aus den Antworten leiten sich Maß und Art der Nutzung ab.

Fight the tower!

wird im Viertel plakatiert

Diese zwei Auffassungen stehen sich zwangsläufig unversöhnlich gegenüber. Filz und Vorteilsnahme werfen sich deren Verfechter wechselseitig vor. Attacken und Polemik sind Waffen im Kampf um den Zugang zu den knappen Ressourcen, die das Leben in der Stadt bestimmen: Grund und Boden. Der Riss verläuft entlang der Frage: Wer bekommt das Bauland und zu welchen Konditionen?

Vor 20 Jahren noch stritten Architekten und Planer mit dem damaligen Senatsbaudirektor Hans Stimmann (SPD) über Hochhäuser und deren Höhe und über die Orte, an denen sie gebaut werden sollten. Für Berlins Zentrum galt die Traufhöhe von 32 Metern als Maß aller Dinge. Es war eine ästhetische und architekturtheoretische Debatte. Sie wurde in einer Zeit geführt, als Berlin Bauflächen noch zum Höchstpreis an den Erstbesten verkaufte. Was der Bauherr daraus machte und wer die Fläche nutzen sollte, danach wurde wenig gefragt. Es gab Platz genug.

„Die Warschauer Straße ist eine besondere Lage, da gibt es Amazon, Zalando, Coca-Cola und die Mercedes-Benz-Arena“, sagt der Bauherr vom Edge. Das ist eine Sicht auf Berlins Zukunft. Warschauer Straße und Brücke sind aber auch: Ava-Club und Spree-Raver, das RAW.

„Fight the tower!“, ist auf Stromverteilerkästen im Viertel plakatiert. Die Mobilisierung in sozialen Netzwerken läuft über #berlinVsAmazon. Es gab eine Demo. Und ein Video auf Englisch fasst die Ablehnung des Hochhauses so zusammen: Kindergärten, Kulturräume, kleine Läden seien gefährdet, weil der Turm die Verdrängung befördere.

Dass es der Online-Gigant Amazon ist, der dort Arbeitsplätze schafft, passt ins Bild. Der Konzern, berüchtigt dafür, sich öffentlichen Abgaben zu entziehen durch die Verschiebung von Gewinnen in Steueroasen, gebe der Gemeinschaft nichts zurück. Amazon stehe für „Ausbeutung, Preisdumping, Monopolisierung und Überwachung“ der eigenen Mitarbeiter – er bediene nur ein Ziel: den Wohlstand einiger weniger. Und Widerstand lohne sich – wegen scharfer Proteste gab Amazon seine Pläne für den Bau einer Zentrale in New York auf.

Ja, es gibt Probleme wegen der Gentrifizierung, und eine der Lösungen dafür ist der Mietendeckel

Coen van Oostrom, Chef von „The Edge“

Man kann das aber auch anders sehen: Konzerne sind Magneten, sie ziehen weitere Firmen und Dienstleister in ihre Nachbarschaft. Sie schaffen Jobs für gut bezahlte Mitarbeiter, die ihr Geld in den Läden lassen und in der Stadt Steuern bezahlen. Davon kann Berlin Kitas, Parks, die Infrastruktur bezahlen und für jene aufkommen, die der Markt ausmustert.

„Ja, es gibt Probleme wegen der Gentrifizierung, und eine der Lösungen dafür ist der Mietendeckel“, sagt van Oostrom. „Andererseits müssen Städte wachsen, sie sind ein Markt für Menschen mit Talenten und diese finden Lösungen für die Probleme.“ Im Vergleich zu London, Amsterdam und Paris mache Berlin das ziemlich gut – „die Preise sind vergleichsweise niedrig.“

Wir hatten viele Vorschläge gemacht, um das Haus besser an den Ort anzupassen, die wurden nicht aufgenommen

Regula Lüscher, Senatsbaudirektorin

Van Oostrom erzählt von der Suche nach Konzepten, um die unteren Geschosse in „Interaktion mit der Umgebung“ zu bringen. Vom Wettbewerb zu deren Neugestaltung, damit sich das Haus besser in sein Umfeld einfügt. Und dass dies gemeinsam mit der Senatsbaudirektorin erfolge.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher wollte weniger Hochglanz und eine Fassade, die besser zum Kiez passt.
Senatsbaudirektorin Regula Lüscher wollte weniger Hochglanz und eine Fassade, die besser zum Kiez passt.

© Stephanie Pilick/ picture alliance / dpa

Regula Lüscher sagt dazu: „Ich habe mich nicht verweigert, als der Bauherr das Gespräch gesucht hat.“ Zur Schadensbegrenzung. Denn zuvor hatte Lüschers Baukollegium die uneinsichtigen Architekten des Turms nach Hause geschickt und eigentlich jede weitere Befassung mit dem Projekt abgelehnt. „Wir hatten viele Vorschläge gemacht, um das Haus besser an den Ort anzupassen, die wurden nicht aufgenommen.“ Weniger „Hochglanz und Business“, mehr Grünflächen, eine „roughere“ Fassade, die zum Kiez passt.

Ist die Stadt machtlos Investoren ausgeliefert? „Das Baukollegium ist nur ein beratendes Gremium“, sagt Lüscher. Der Bezirk habe die Baugenehmigung erteilt.

Nur lag es ebenso wenig in der Macht des Bauamtes den Entwickler zu stoppen: „Weder das negative Votum des Gestaltungsbeirats, noch die Missachtung des Wettbewerbsergebnisses und des städtebaulichen Vertrags, noch Architekturqualität im Allgemeinen sind Bestandteil einer Bauantragsprüfung“, schrieb der Leiter von Friedrichshain-Kreuzbergs Genehmigungsbehörde Jan Schildknecht im Fachorgan „Bauwelt“. Es gelte „das Postulat der Baufreiheit“, abgeleitet aus Artikel 14 des Grundgesetzes.

Zumal das Land selbst vor rund 20 Jahren genau das wollte, was nun wird. Senat und Bezirk hatten das Gebiet des früheren Ost-Güterbahnhofs an der East-Side-Gallery als Geschäfts- und Amüsierviertel ausgewiesen. US-Entwickler Anschutz kaufte das Areal und ließ es bebauen: mit der Veranstaltungshalle, die heute Mercedes-Benz-Arena heißt, der East-Side-Mall, einem Dutzend Büroklötzen. Aus dieser Zeit stammt auch das Baurecht für den 140 Meter hohen Büroturm an der Warschauer Straße.

So soll der Eingangsbereich von „The Edge“ aussehen.
So soll der Eingangsbereich von „The Edge“ aussehen.

© The Edge

„Bjarke Ingels ist einer der besten Architekten der Welt“, sagt van Oostrom. „Wenn man mit so einem baut, kann man nicht sagen, man will hier die Farbe und da die Fenster ändern. Da hat man es mit einem Künstler zu tun.“ Die Senatsbaudirektorin sagt es so: „Wir mussten im Baukollegium den Diskurs finden mit dem Architekten und dem Bauträger – das war kompliziert.“

Finanzstarke Bauherren und große Namen der Architektenszene und ihre kühnen Zeichnungen, solche Allianzen zur Eroberung der Metropolen der Welt erweisen sich oft als giftig für die Städte. Die Aura des Künstlers bricht oft das Eis für Projekte, die unter gewöhnlichen Umständen kaum mehrheitsfähig wären. „Wir investieren viel Geld in die Architektur und schaffen ein Leithaus für gesundes Arbeiten“, sagt van Oostrom. Enttäuschend sei es, dass es „dafür keine öffentliche Wertschätzung gibt“.

Doch der Künstler ist auch Unternehmer als Chef einer Architektur-Fabrik, die Entwürfe liefert für Städte auf der ganzen Welt. „BIG“, wie sich das Büro selbstbewusst abkürzt, hatte laut Amtsleiter Schildknecht den Wettbewerb für die Warschauer Straße gewonnen mit einem überzeugenden Entwurf, der mit „kieztypischer Lebendigkeit und fragmentierter Baumasse, geschickt im Wechsel mit verglasten Lufträumen“ spielte. Geplant war ein Haus, das „eine Verbindung zur umgebenden Bebauung suchte“.

Aber realisiert wird nun ein „gepixelter Lockenwickler“, so der Bauamtsleiter weiter. Design-Standard „aus dem Portfolio des Büros“, der „auch in der Silhouette von Toronto oder Shenzhen nicht weiter auffallen“ würde.

Bauästhetischer Internationalismus gepaart mit gehobener Ausstattung bei geringen Energie- und Nebenkosten in zentraler Lage – das sind Garanten für eine gute Vermietung. Börsengigant Amazon als Mieter ist wiederum der Trumpf für den „Exit“ des Entwicklers: van Oostrom und seine Partner haben Kasse gemacht. Die Allianz Real Estate hat das Hochhausprojekt gekauft. Die Rendite wird „nicht kommuniziert“, der Kaufpreis auch nicht.

Alle dachten, wir würden einfach nur festlegen, wo Hochhäuser in Berlin gebaut werden dürfen und wo nicht

Regula Lüscher, Senatsbaudirektorin

Ist das nicht das Gesetz des Marktes? Muss nicht jede Stadt nach dieser Logik wachsen, weiter wachsen, immer weiter?

Nein, entschied der Senat und gab bei seiner Baudirektorin ein Leitbild für den Bau von Türmen in Berlin in Auftrag. Das Ergebnis schockte Investoren zunächst. „Antihochhausleitbild“ schimpften sie die neuen Regeln. „Der Senat hat Erwartungen enttäuscht“, sagt Regula Lüscher: „Alle dachten, wir würden einfach nur festlegen, wo Hochhäuser in Berlin gebaut werden dürfen und wo nicht.“

Stattdessen schrieb der Senat fest, was die Stadt von Türmen erwartet, wenn sie schon so viel nutzbare Fläche auf kleinstem Raum genehmigen soll: Ein Teil des Mehrwertes soll den Menschen zugute kommen, und die Berliner Mischung – Wohnen, Arbeiten, Wirtschaften aller Einkommensschichten – soll auch in der Vertikalen kommen.

Der Mehrwert kann ein Park oder eine Kita sein. Es können Flächen für den Schuster oder Schrauber vorm Haus sein, für Kiez-Initiativen im Gebäude. Es sind frei zugängliche Erdgeschosse mit Läden. Auch eine Fahrt aufs Dach, um den Ausblick zu genießen, muss drin sein für alle. Wohnungen müsse es auch geben. Und die Öko-Bilanz sollte stimmen, am besten durch den Einsatz von Holz als Baustoff.

Das WoHo soll größtenteils aus Holz bestehen.
Das WoHo soll größtenteils aus Holz bestehen.

© UTB Projektmanagement GmbH

Berlin weiterbauen, in die Vertikale, weil zwischen den dichten Blöcken kaum noch Platz ist. Das ist das Rezept.

Damit bricht das Hochhausleitbild auch mit der Tradition, wonach allein schon in der Investition das Heil für einen Standort liegt, weil sie Wachstum bringt. Wachstum, aber nicht zu jedem Preis, hält Berlin dagegen.

Ein Experiment staatlicher Lenkung wie der Mietendeckel ist es, das möglicherweise zur richtigen Zeit gewagt wird: Weil Investoren die Stadt lieben, genug Konkurrenz um Bauflächen herrscht und Berlin boomt, dürfte es Bauherrn genug geben, die diese unbequemen Auflagen auf sich nehmen. Und mit diesen Regeln bedient die Rot-Rot-Grüne Koalition des Senats auch ihre Stammwähler: Berliner, die Angst haben, vom Tempo der Veränderung abgehängt zu werden.

Für die neue Zeitrechnung der Stadtentwicklung könnte der weiße Turm an der Schöneberger Straße zur Referenz werden. Denn dieser wird alle Regeln des neuen Hochhausleitbilds einhalten. „Das ist das Ziel, die feste Absicht“, sagt jedenfalls Regula Lüscher.

Wir wollen nicht an der Realisierbarkeit vorbeiplanen

Thomas Bestgen, Bauherr Wohnhochhaus in Berlin-Kreuzberg

Knapp 100 Meter, 29 Geschosse und ein Ensemble aus vier Gebäuden zu großen Teilen aus Holz gebaut – damit überzeugten „Mad arkitekter“ aus Oslo Lüscher, den Bauherrn Thomas Bestgen und eine Expertenjury. Statt eines Büromonolithen wird ein Drittel der Wohnungen an der Schöneberger Straße für 6,50 Euro je Quadratmeter vermietet. Es ist Platz für eine Fahrradwerkstatt, für Proberäume von Musikern und Ateliers für Künstler. Eine Kita zieht ein, eine Kiezkantine, offen für jeden aus der Nachbarschaft, der gemeinschaftlich kochen mag. Eine Musikschule, eine Bibliothek, ein Kindermuseum und ein Jugendzentrum sind außerdem im Gespräch.

„Diese Programmierung haben wir während drei Werkstätten mit Akteuren aus dem Kiez entwickelt“, sagt Bauherr Bestgen. Kleine günstige Wohnungen für Jugendliche, die wegen der Wohnungsnot nicht aus dem Elternhaus ausziehen können, werde es geben. Eine Demenz-WG und Betreutes Wohnen für Jugendliche mit geistiger und psychiatrischer Einschränkung außerdem.

Wenn die Stadt keine Bürotürme will, ist das okay. Aber wir können Planungen nicht mitten im Prozess stoppen und auf Null stellen, wir bauen bereits seit zwölf Monaten

Coen van Oostrom, Chef von „The Edge“

Auch sind „Jokerzimmer“ im Haus vorgesehen, die von Bewohnern auf Zeit gemietet werden können, falls mal Besuch kommt. Und Multifunktionsräume, die für Geburtstage, Kino-Abende und Versammlungen genutzt werden können.

Die vielen günstigen Flächen will Bestgen mit den extra niedrigen Zinsen und durch den Verkauf von Eigentumswohnungen finanzieren. Ein Drittel der Wohnungen ist das, die zu Preisen um die 10.000 Euro je Quadratmeter angeboten werden. Käufer gebe es genug: „Erben und viele aus der Stadtgesellschaft, die sich nicht isolieren wollen unter ihresgleichen in Dahlem.“

Ein Schwärmer ist Bestgen nicht – er hat das Baudenkmal Alte Mälzerei in Lichtenrade ertüchtigt und in Weißensee das mit dem Bundespreis Umwelt und Bauen prämierte Quartier „Wir“ nach ähnlichen Grundsätzen wie in Kreuzberg entwickelt. Zur entscheidenden Jury-Sitzung für die Auswahl des Architekten unter 15 Wettbewerbern lud er neben der Senatsbaudirektorin auch Experten ein für Brandschutz, Statik und andere für die Genehmigung des Neubaus wichtige Fachleute. „Wir wollen nicht an der Realisierbarkeit vorbeiplanen“, sagt er.

Der Turm für alle hier oder das Bürohochhaus dort – geht es nach Bewohnern der dicht bebauten Quartiere, ist die Wahl wohl klar. Und selbst wenn man van Oostrom fragt, ob er die Ablehnung des Amazon-Towers nicht vielleicht doch nachvollziehen kann, sagt der: „Wenn die Stadt keine Bürotürme will, ist das okay. Aber wir können Planungen nicht mitten im Prozess stoppen und auf Null stellen, wir bauen bereits seit zwölf Monaten.“

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