Arte-Doku über Afghanistan : Mächtige Männer, starke Frauen

Eine Arte-Doku-Reihe erzählt von Afghanistans leidvoller Geschichte und nicht endender Hoffnung.

Kabul in den 1960er Jahren. Zwei Frauen in den Paghman Gardens.
Kabul in den 1960er Jahren. Zwei Frauen in den Paghman Gardens.Foto: Arte

„Ich habe einen Traum: Ich möchte mein Land zurück“, sagt die Abgeordnete Shukria Barakzai zu Beginn. „Finden Sie das übertrieben?“ Der imposanten Frau, die Mädchen während der Taliban-Herrschaft in versteckten Schulen unterrichtete und die nun im Parlament in Kabul islamistischen Politikern die Stirn bietet, gebührt in dem Vierteiler „Afghanistan – Das verwundete Land“ auch das letzte Wort: „Ich habe gelernt aufzustehen.“ Diese Fähigkeit, immer wieder aufzustehen: „Das ist der Grund, warum Afghanistan so schön ist.“

  Ein Funke Hoffnung kann am Ende wahrlich nicht schaden. Denn die Nachrichtenlage lässt nur bedingt Hoffnung zu, auch wenn es zuletzt Verhandlungen zwischen Regierungsvertretern und den Taliban gegeben hat.

Als gäbe es für dieses in mehr als 40 Kriegs- und Krisenjahren geplagte Land vor dem angekündigten Abzug der westlichen Truppen nicht schon Herausforderungen genug, wurde es nun ebenfalls von der Corona-Pandemie erfasst, wovon freilich in der aufwändig recherchierten Dokumentar-Reihe noch nicht die Rede sein konnte.

Betender Mann in Afghanistan.
Betender Mann in Afghanistan.Foto: Arte

Die spanische Journalistin Mayte Carrasco sowie ihr deutscher Kollege Marcel Mettelsiefen, der für seine Berichte aus dem syrischen Bürgerkrieg in den vergangenen Jahren vielfach ausgezeichnet wurde, haben für diese internationale Koproduktion eine Fülle an Archivmaterial zusammengetragen und zu einem ebenso erschütternden wie informativen historischen Lehrstück montiert.

  „Alles, was wir versuchten zu verändern, ging anders aus, als wir erwarteten. Wir verstanden nur wenig“, sagt im Film US-General Stanley McChrystal. Nach den Attentaten vom 11. September 2001 waren US-amerikanische und britische Truppen in Afghanistan gelandet, weil von dort aus Al-Quaida-Führer Osama Bin Laden die Fäden gezogen hatte. Die extrem brutale Herrschaft der Taliban wurde beendet, doch Frieden und Demokratie brachten die westlichen Besatzer nicht.

Gescheitert waren zuvor bereits die Sowjets, die 1989, zehn Jahre nach dem Einmarsch der Roten Armee, zermürbt vom Widerstand der aus dem Westen finanzierten Mudjahedin, wieder abrückten. Die von vielen Afghanen herbeigesehnten Befreier bekämpften sich dann allerdings in einem blutigen Bürgerkrieg gegenseitig, legten Kabul in Schutt und Asche und trieben Millionen Menschen außer Landes.

„Was ist in Afghanistan schief gelaufen?“

  „Was ist in Afghanistan schief gelaufen?“, lautet die Ausgangsfrage, aber eine allumfassende Antwort wird sogleich ausgeschlossen: „Dieses Land bleibt ein Rätsel.“ Es gibt zweifellos verschiedene Gründe, die die Geschichte Afghanistans beeinflussten. In den 1960er Jahren herrschte Aufbruchsstimmung, aber zerrissen war dieses schöne Land im Süden Zentralasiens bereits damals.

Das Leben in der Hauptstadt Kabul sah in den 1960er Jahren so bunt und freizügig aus wie in einer westlichen Großstadt, während in den Provinzen islamische Traditionen den Alltag prägten. König Zaher Shah hatte die Öffnung des zuvor isolierten Landes betrieben. Er nahm im Kalten Krieg Hilfen sowohl von den USA als auch von der Sowjetunion an, doch die Spannungen im Land nahmen zu. 1973 putschten in Moskau ausgebildete Offiziere.

Damit habe die „Ära der Instabilität“ begonnen, die bis heute andauere, lautet der Kommentar im Film. In den anschließenden Jahren der kommunistischen Herrschaft wurden islamische Gelehrte und Gläubige hart verfolgt, und Afghanistan wurde zum Schauplatz eines Stellvertreterkrieges.

 Die Autoren haben Interviews mit hochrangigen Vertretern nahezu aller beteiligten Konfliktparteien geführt, von den Taliban (Ex-Finanzminister Motasim) bis zur CIA (Ex-Agent Milton Bearden), von den sich im Bürgerkrieg zwischen 1992 und 1996 bekämpfenden Mujahedin (Gulbuddin Hekmatyar, Masood Khalili) bis zu ehemaligen sowjetischen und US-amerikanischen Militärs  („Afghanistan. Das verwundete Land“, Arte, Dienstag, 20 Uhr 15).

Doch in Erinnerung bleiben weniger die mächtigen Männer als die starken, entschlossenen Frauen, die soviel gelitten haben und zugleich für die Hoffnung stehen, dass es zu einem Zurück in die finstersten Zeiten nicht mehr kommen wird. Frauen wie Shukria Barakzai, wie die Ministerin Sima Samar oder wie die Abgeordnete Nihofar Ibrahimi. „Sie wissen, dass sie uns nicht mehr zum Schweigen bringen können“, sagt sie.

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