Arte-Doku über die politische Lüge : Methoden der Propaganda: Von Luther zu Trump

Fesselnder, emotionaler, stärker als jede Wahrheit: Die Arte-Doku „Propaganda“ schlüsselt die Methoden der politischen Lüge auf.

Jan Freitag
Sehr zur Freude von Kim Jong-Un: Eine Militärparade in Nordkorea.
Sehr zur Freude von Kim Jong-Un: Eine Militärparade in Nordkorea.Foto: Arte

Wenn es darum geht, politische Propaganda in Fernsehen, Funk und Presse unterhaltsam zu erklären, dann funktionieren die Großschurken von Hitler bis Stalin verlässlich am besten. Mit etwas Fantasie kommen noch George Orwells Big Brother und seit neuestem Steve Bannons Donald Trump ins Spiel; das war’s dann aber auch fast schon mit den Paradebeispielen für politische Propaganda. Bislang. Denn Astra Taylor hätte da noch ein paar Propagandisten mehr als die üblichen im Angebot.

Den „Bachelor“ zum Beispiel oder das weibliche Pendent namens „Bachelorette“, dazu Heimwerkersendungen und Stylingprodukte, also generell: Produktwerbung, mit der traditionelle Rollenklischees verfestigt werden. Denn politische Propaganda, meint die konsumkritische Aktivistin aus der Konsumhölle USA, finde nicht nur in Regierungskreisen statt, sondern überall dort, wo Mächtige zum eigenen Machterhalt die Köpfe der Machtlosen manipulieren.

Astra Taylor spricht da von „Hirnwäsche“. Und die, pflichten ihr sämtliche Experten einer ebenso beeindruckenden wie beängstigenden Arte-Doku „Propaganda – Wie man Lügen verkauft“ [Dienstag, Arte, 20 Uhr 15] bei, vollziehe sich von der privatesten Konversation bis zur perfidesten Willkürherrschaft überall und jederzeit, oft unterschwellig, nicht selten in aller Offenheit.

Che Guevara und Kim Jong-Un

Deshalb untertitelt der mehrfach preisgekrönte Filmemacher Larry Weinstein sein neues Werk „Propaganda“ auch mit „Wie man Lügen verkauft“. 90 akribisch recherchierte Minuten lang handelt es schließlich vom soziokulturellen Betrug, der 2200 Jahre vor Goebbels und Stalin schon das Riesenreich Alexander des Großen unter Kontrolle hielt und noch früher gar die Bewohner des Pleistozän.

Deren Höhlenmalereien dienten vermutlich der mythischen Disziplinierung und damit demselben Ziel wie jede Religion, jede Tyrannei, jede noch so depperte Verschwörungstheorie: symbolische Kommunikation zum Vorteil der Kommunikationsleiter, die zuletzt im zerstörerischen Bildersturm des IS gipfelte und bei Donald Trumps Gefasel von Fake-News noch lange nicht endet.

An diesem Punkt wäre es wohlfeil gewesen, hätte Larry Weinstein bloß die manipulativsten Fieslinge der Weltgeschichte aufgelistet, abgearbeitet, gegebenenfalls entzaubert. Weil Propaganda aus seiner Sicht allerdings weder grundlegend gut noch böse, sondern allenfalls einflussreich oder einflusslos ist, reist er durchs gesamte Panoptikum erfolgreicher Meinungssteuerung.

Sie führt ihn von Martin Luthers kleruskritischen Flugblättern über Che Guevaras posthumer Ikonisierung bis hin zu Kim Jong-Uns Steinzeitstalinismus. Die Lüge, das zeigt uns diese kreativ kompilierte Bilderflut, ist einfach unterhaltsamer, fesselnder, emotionaler, stärker als jede Wahrheit – schon weil die Wahrheit den Zweifel in sich trägt.

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