Arte-Serie "Elven" : Nach bewährtem Scandic-Noir-Rezept

In der Arte-Serie „Elven - Fluss aus der Kälte" geben sich Norwegen und Norweger zu mörderisch.

Jan Freitag
Der Polizist Thomas Lønnhøiden (Espen Reboli Bjerke) ahnt noch gar nicht, wie viele Feinde er sich machen wird. Foto: Arte
Der Polizist Thomas Lønnhøiden (Espen Reboli Bjerke) ahnt noch gar nicht, wie viele Feinde er sich machen wird. Foto: ArteFoto: Arte

Wer aus deutscher Perspektive an ein Land wie Norwegen denkt, hat flugs ein ganzes Bündel Klischees im Sinn: Idyllische Weiten voller Elche, Bäume und Fjorde, ansonsten aber nahezu menschenleer sind. Und falls sich doch mal jemand in die Wildnis verirrt, sind es friedfertige Naturburschen mit weichem Kern unter der harten Schale, zu denen womöglich ein Jagdgewehr passt. Da ist es fraglos ein Kulturschock, wenn tarnfleckuniformierte Soldaten dauernd mit Schnellfeuerpistolen im Anschlag durch die norwegische Fernsehserie „Elven“ patrouillieren und arglose Bewohner der russischen Grenzregion verstören.

Wobei – arglos?

Wenn ein Unbekannter zu Beginn des Achtteilers Leichenteile vom „Fluss aus der Kälte“, wie es im Untertitel heißt, aufklaubt; wenn ein Mädchen die fehlende Hand findet und kurz darauf tot im militärischen Sperrgebiet liegt; wenn der mutmaßliche Täter offenbar willentlich von Soldaten getötet wird; wenn sich aus so viel roher Gewalt also ein heillos verknotetes Geflecht aus Verbrechen von heute und längst vergangener Zeit entspinnt – dann wird deutlich: an Europas Nordrand ist niemand frei von Verantwortung für gewohnt brutale Untaten. Fast niemand.

Landpolizist fahndet gegen Mauer des Schweigens

Im Alleingang nämlich macht sich der eigensinnige Landpolizist Thomas Lønnhøiden ab heute an drei Donnerstagen auf Arte daran, die „Mauer des Schweigens“, wie es in diesem Genre gern heißt, zu zerbrechen. Ein schwieriges Unterfangen. Zumal der eigene Vater ebenso in diesem Abwehrbollwerk drinhängt wie dessen Bruder, das Militär diverser Dienstgrade, Geheimagenten bis tief in den ehemaligen KGB, dazu Lønnhøidens Kollegen – wirklich alle sind hier irgendwie verwickelt. In seiner opaken Unzugänglichkeit gleicht der Handlungsort von „Elven“ der TV-Legende „Nummer 6“, die vor gut 50 Jahren ein psychedelisches Dorf voller Freaks und Gaukler zum Gefängnis eines entführten Spions gemacht hat. Das Umfeld des real existierenden Flusses Djupelv ist zwar fast ähnlich geheimnisvoll wie einst „The Village“, aber auf eine filmästhetisch eher gewöhnliche Art und Weise. Langsame Kamerafahrten durch die Schönheiten der norwegischen Landschaft machen die Serie zum optischen Erlebnis.

Das Team von Regisseur und Chefautor Arne Berggren („Hotel Cæsar“) hat seinem Werk somit eine zutiefst ergreifende Aura verpasst. Doch so mitreißend die Atmosphäre der rund 320 Minuten Sendezeit auch ist, so überfrachtet wirkt bisweilen der verschwörungstheoretisch aufgeplusterte Inhalt. Und als wollten die deutschen Übersetzer das Durcheinander künstlich entschleunigen, drosselt ihre Synchronisation permanent das im Original ziemlich rasante Sprechtempo.

Merkwürdige Synchronisation

Im Gegensatz zum Hauptdarsteller Espen Reboli Bjerke zum Beispiel macht der Tonfall des Wuppertalers Olaf Reitz den strafversetzten Großstadtbullen Thomas Lønnhøiden zu einer Art senilem Harley-Veteranen auf Absinth – der andererseits ein wenig zu juvenil und gutaussehend ist für eine so verschrobene Filmfigur in den Tiefen der Provinz. Das allerdings hat er mit der bildschönen Armee-Offizierin Mia Holt (Ingeborg Sundrehagen Raustøl) gemeinsam, die sich entsprechend (Achtung, Erotikpotenzial!) nach und nach als einzige Verbündete im Kampf gegen den weltpolitisch erstaunlich bedeutsamen Moloch erweist.

Vielleicht sind dies ein paar Gründe dafür, dass TV3 bei der Erstausstrahlung in Norwegen Ende März ziemlich durchgerasselt ist. Vielleicht ist aber auch selbst das heimische Publikum langsam leicht genervt von all den monströsen Untaten im handelsüblichen Scandic-Noir-Stil. Wobei „Elven“ keinesfalls missraten ist. Es gewinnt der lieb gewonnen Konstellation aus toller Landschaft und krassen Verbrechen zu wenig Neues ab. Und genau das wäre dringend nötig.Jan Freitag

„Elven – Fluss aus der Kälte“, Arte, Donnerstag, 20 Uhr 15

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