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„Terminator“, „Jurassic Park“, „Titanic“: Für den unverwechselbaren Sound erhielt Gary Rydstrom fünf Oscars.

© Dogwoof/Arte

Arte-Dokumentation: Der Ton macht den Film

Die Arte-Dokumentation „Making Waves – The Art of Cinematic Sound“ rückt Tontüftler und Klangkünstler ins gebührende Rampenlicht.

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Wenn im Film der Wind weht, die Tür knarrt oder eine Sprengladung explodiert, dann haben Spezialisten im Verborgenen ein artifizielles Sounddesign entworfen. Im Gegensatz zu Schauspielern, Regisseuren und Kameramännern bleibt ihre Arbeit aber weitgehend unterbelichtet. Das ist ungerecht. Künstler wie Francis Ford Coppola und George Lucas betonen ausdrücklich, dass der Ton „50 Prozent eines Films ausmacht“. Steven Spielberg erklärt gar, dass erst „unsere Ohren unsere Augen dorthin führen, wo die Story lebt“.

Genau dorthin führt uns „Making Waves“. Die Arte-Dokumentation zeigt, wie es knallt, scheppert, quietscht und brummt. Dabei schlägt Midge Costin einen Bogen vom ersten Tonfilm „The Jazz Singer“ aus dem Jahr 1927 bis hin zum akribisch komponierten Sounddesign im aktuellen Blockbusterkino.

Die Regisseurin weiß genau, wovon sie spricht. Sie schuf den Sound dutzender Hollywoodproduktionen, darunter „Armageddon“ und „Tage des Donners“. Dass sie als Frau den Fokus auch auf die Rolle ihrer Kolleginnen richtet, macht ihren Film umso interessanter.

[„Making Waves – The Art of Cinematic Sound“, Arte, Freitag, 21 Uhr 55]

Die coolste Anekdote berichtet Cecilia Hall. Für das Testosteron-Spektakel „Top Gun“ mit Tom Cruise suchte sie nach dem perfekten Sound für Düsenflugzeuge. Audioaufnahmen von echten Fliegern auf dem Rollfeld klangen ihr „zu flachbrüstig“. Akustisch bearbeitetes Tigergebrüll klang dagegen „schneidend scharf“. Da sich diese akribische Klangbastelei über Monate hinzog, wollte der Produzent die Tontechnikerin feuern. Doch die Oscarnominierung für „Top Gun“ gab ihr Recht.

Diese narrative Qualität des Klangs wurde jahrzehntelang ignoriert. Aus Kostengründen verwendeten Studios in der Frühzeit des Tonfilms immer dieselben Soundkonserven. Deshalb hört sich in TV-Wiederholungen alter Western jeder Querschläger – piüüüüü – exakt gleich an. Erst als Regisseure des New Hollywood den Film aus den Studios befreiten, eröffneten Künstler wie Francis Ford Coppola und George Lucas zugleich auch neue Klangwelten auf der Leinwand.

Oscar-würdige Soundkulissen

Wenn beispielsweise Al Pacino alias Michael Corleone in „Der Pate“ den Mobster Sollozzo erschießt, wird das Überkochen seiner Gedanken in Form eines Klangteppichs à la John Cage akustisch nach außen gestülpt. Diese expressive Tongestaltung bewirkt, dass die Bilder den Kinobetrachter förmlich anspringen. Für solche Arbeiten wurde Walter Murch mehrfach ausgezeichnet. Nicht minder tief in unser akustisches Gedächtnis eingegraben haben sich das unvergessliche Grunzen des Zottelwesens Chewbacca und das elektrische Brizzeln des Lichtschwertes in „Krieg der Sterne“. Für diese Soundkreationen erhielt Ben Burtt den ersten von mehreren Oscars.

Mit kurzweiligen Blicken über die Schulter dieser Pioniere eröffnet Midge Costins Dokumentation eine neue Perspektive auf den populären Kinofilm. Nachdem die Bilder laufen gelernt hatten, dauerte es ziemlich lange, bis sie auf jene komplexe Weise „sprechen“ konnten, die uns heute selbstverständlich vorkommt. Eindrucksvoll vor Augen führt die Dokumentation, wie beispielsweise in Alfonso Cuaróns „Roma“ jeder Innenraum seine eigene „akustische Signatur“ aufweist.

Klänge, Geräusche, Töne und Musik, so verdeutlich die Dokumentation, dirigieren unsere Gefühle wie unsichtbare Marionettenspieler. Die unheimliche Präsenz des Sounds dringt direkt ins Unbewusste vor. Eine Alptraumvision wie „Eraserhead“ wäre ohne akribisches Sounddesign undenkbar. Neben David Lynch kommt in dieser reichhaltigen Dokumentation auch Barbra Streisand zu Wort, die in Filmen wie „A Star is born“ die Qualität des Tons auf ihre Art förderte.

Manfred Riepe

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