"Die Kinder von Windermere" : Sie wurden wieder wie Menschen behandelt

Ein Film von BBC und ZDF erzählt, wie aus KZ-Kindern mit britischer Hilfe Kinder mit Zukunft wurden.

Neue Freiheit. Kaum raus aus dem Entlausungszelt rasen Ike (Jakub Sprenger, links) und Sam (Marek Wroblewski) mit gestohlenen Fahrrädern durch den Wald.
Neue Freiheit. Kaum raus aus dem Entlausungszelt rasen Ike (Jakub Sprenger, links) und Sam (Marek Wroblewski) mit gestohlenen...Foto: ZDF und HELEN SLOAN SMPSP

Sie wissen, sie haben den Holocaust überlebt. Warum sie Auschwitz, Theresienstadt, Buchenwald überlebt haben, das wissen sie nicht. War es Zufall, Glück, Fügung, dass sie dem Morden entkommen sind? Jetzt sitzen sie im Bus, 300 Kinder und Jugendliche, nach Calgarth Estate nahe Lake Windermere. Der deutsche Psychologe Oscar Friedmann (Thomas Kretschmann) wird sich – dank der privaten Wohltätigkeitsorganisation Central British Fund und der britischen Regierung – zusammen mit einem Team von Pädagogen um die überlebenden Kinder und Jugendlichen kümmern; vier Monate werden sie versuchen, die vor kurzem noch Totgeweihten aus dem Grauen zurück ins Leben, aus der traumatisierenden Vergangenheit derart in die Gegenwart zu holen, auf dass ihnen eine Zukunft offensteht.

Der Film „Die Kinder von Windermere“ basiert auf wahren Personen und Ereignissen, produziert wurde er von BBC und ZDF, die die Produktion am Montag auch zeitgleich ausstrahlen werden. Das Wissen um die Authentizität der Geschichte verdoppelt schier den Eindruck dieser Geschichte, wie Menschen Menschen betreuten, die über Jahre in tiefem Elend und in ständiger Todesangst gelebt, ja vegetiert hatten. Und die unbedingt wissen wollen, ob ihre Schwester, Brüder, ihre Familien auch überlebt haben.

Konzentration auf 13- bis 17-Jährige

Sie heißen Arek Hershlikovicz (Tomasz Studzinski), Ben Helfgott (Pascal Fischer), Ike Alterman (Jakub Sprenger), Sala Feiermann (Anna Maciejewska), Salek Falinower (Jakub Jankiewicz) und Sam Laskier (Marek Wroblewski); in der Konzentration auf eine kleine Gruppe von 13- bis 17-Jährigen bekommen die 90 Minuten ihr Zentrum, aus dem heraus individuelle Entwicklungen, Fortschritte und Rückschritte beobachtet werden können. Simon Block hat das Drehbuch für sie geschrieben, es ist so einfühlsam geraten wie die Regie von Michael Samuels.

Buch, Inszenierung, Schauspiel der Jugendlichen, die allesamt keine Schauspielerfahrung hatten (eine mehr als geglückte Idee) – sie alle suchen Präsenz zu vermitteln. Nichts, keiner protzt, jeder und jede will in der Darstellung der Schicksale das Wahrhaftige dieser Menschenrettung vorstellen. Wie sich Kinder, Jugendliche wieder beginnen, als menschliche Wesen zu fühlen, einen angstfreien, lebensbejahenden Alltag erleben, Englisch lernen. Fußball spielen. Wie schwer dieser Weg, wenn ihre Zeichnungen nur Grauen zeigen, kein Lachen, kein Licht, kein Grün, wenn sie im Schlafvon ihren Alpträumen verfolgt und geplagt werden.

Zentrale Figur und Ansprechpartner für die Kinder ist der Psychologe Friedmann. Thomas Kretschmann spielt ihn mit großer Zurückhaltung, ja unterspielt die Figur fast. So wie Friedmann die Dinge laufen lässt, nur reagiert, nur dann zum aktiven Beschützer wird, wenn britische Jugendliche mit „Adolf“-Rufen und Hitlergruß auf seine „Kinder“ zugehen. Seine Botschaft vom Respekt, vom Nichtalleinelassen in Schmerz und Kummer, davon wie er, Rabbi Weiss (Konstantin Frank), Marie Paneth (Ramola Garai), das Ehepaar Edith und George Lauer (Anna Schumacher und Philipp Christopher), auch sie Holocaust-Überlebende, dem Horror der Nazis menschliches Handeln entgegensetzen. Sie wollen nicht „umdrehen“, sie wollen verlässlich da sein.

Erfahren, dass sie Waisen sind

Das muss den Zuschauer gefangennehmen. In der Gruppe, in der einzelnen Figur wie Salek Falinower, der jeden Tag an der Brücke auf seinen Bruder warten wird, in den Szenen, in denen die Jugendlichen erfahren müssen, dass sie Waisen sind, weil ihre Familien ermordet wurden.

Der Film ruft im Zuschauer ganz große Emotion hervor, nicht weil er Tränen treiben will, sondern weil „Die Kinder von Windermere“ so berühren. Die Produktion lebt sich nicht im Mitleid aus, sie sucht mehr die undogmatische Schilderung des therapeutischen Umgangs, sie übersieht auch nicht die Härten. Fußballtrainer Jock Lawrence (Iain Glen) nimmt die Jugens zuweilen hart ran, in der Gewissheit, dass sie mit einer Mitleidshaltung nicht ankommen werden; so sieht sich eine elegant gekleidete Britin als Kriegsopfer. Der Film lässt da nichts aus.

„Die Kinder von Windermere“ sind eine Tat von BBC und ZDF. Dem notwendigen Gedenken an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau vor 75 Jahren wird ein weiterer notwendiger Aspekt inkludiert: die Hoffnung auf ein Leben nach dem KZ für Menschen, denen Grauen und Tod gewiss waren. Menschlichkeit besiegt Unmenschlichkeit.

Was der Film erzählt, das vertieft die anschließende Dokumentation. „Wir kamen aus der Hölle in den Himmel“, sagt Sam Laskier.

„Die Kinder von Windermere“, ZDF, Montag, 22 Uhr 15; „Die Dokumentation“, 23 Uhr 45

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