Journalismus : Mehr Selbstreflexion tut not

Mehr Transparenz, mehr kritische Selbstreflexion, Fehler korrigieren: Zu diesen Forderungen kommen Medienexperten bei der Feier zum 70. Jubiläum von epd medien

Uwe Gepp
Der frühere "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo sieht den Journalismus in einer gefährlichen Situation, wenn das Vertrauen der Mediennutzer schwindet.
Der frühere "Spiegel"-Chefredakteur Georg Mascolo sieht den Journalismus in einer gefährlichen Situation, wenn das Vertrauen der...Foto: picture alliance / dpa

Journalisten und der evangelische Medienbischof Volker Jung haben sich für mehr Medienjournalismus und kritische Selbstreflexion in der Branche ausgesprochen. Medienjournalismus habe die Aufgabe, kritisch zu gucken, was Journalismus macht, sagte der Journalist Stefan Niggemeier am Dienstagabend in Frankfurt am Main bei der Feier zum 70. Jubiläum des Fachdienstes epd medien. Dazu gehöre auch zu benennen, was Journalismus falsch macht.

Die Redaktionsleiterin des NDR-Medienmagazins „Zapp“, Annette Leiterer, warnte vor dem Impuls, als Medium zurückzuschlagen. Der Effekt andere reinzureiten dürfe niemals im Vordergrund stehen. „Eine gute Kontrolle gibt es, wenn aus verschiedensten Perspektiven, aus verschiedensten Häusern, eine Kritik stattfindet“, betonte sie.

Medienjournalisten sind Niggemeier zufolge Teil eines Reparaturbetriebs. Vieles sei aber Aufgabe aller Journalisten. Dazu gehöre etwa transparenter zu arbeiten, Fehler zu korrigieren und sich selbst als Dienstleister zu sehen, sagte der Mitgründer des Blogs „übermedien“.

Auch der Medienbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Jung, warb für eine kritische Selbstreflexion. „Es gibt schon einen sehr starken Trend zur Skandalisierung, Personalisierung, Tribunalisierung“, sagte der hessen-nassauische Kirchenpräsident, der dem Aufsichtsrat des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik (GEP) vorsteht. Evangelische Publizistik richte den Blick auf diejenigen, die sonst weniger beachtet würden. Bei der Medienkritik gehe es um Entwicklungen und Tendenzen. „Unsere Mission ist nämlich Gesellschaft mitzugestalten, Demokratie mit zu entwickeln, weil wir sagen, wir sind und wollen öffentliche Kirche sein“, betonte er.

Joachim Huber vom Tagesspiegel betonte, dass Journalisten meist genau wüssten, wo sie ihre Glaubwürdigkeit untergraben: „Wenn wir etwas geschrieben haben, wissen wir: Da ist eine Unwucht drin, da fehlt eine Information, da ist ein bisschen Spekulation drin.“ Über die Glaubwürdigkeit bekämen Journalisten das zurückgespiegelt. Nun seien sie am Zug, ihr Ansehen zu verbessern.

Vertrauen verspielt?

Journalisten haben sich dem Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“, Georg Mascolo, zufolge in eine gefährliche Situation hineinmanövriert. „Vertrauen bezeichnet, dass Menschen, ohne dass sie die letzte Gewissheit haben, sagen, ich glaube, ich habe es da mit Menschen zu tun, die nach bestem Wissen und Gewissen ihren Beruf ausüben“, erklärte er. Das gelte für Piloten und Ärzte und müsste im Journalismus selbstverständlich sein.

Journalisten sollten wieder vorsichtiger, abwägender sein und dem Publikum mehr das Für und Wider und eigene Unsicherheiten schildern. Ständiges Zuspitzen in einer komplexeren Welt führe dazu, dass professioneller Journalismus verschwinde. Journalisten und nicht ihre Themen stünden heute im Interesse der Rezipienten. Mediennutzer fragten zurecht, ob Journalisten Themen weiterverfolgen und genügend berichten. „Es ist geradezu überlebensnotwendig, dass wir diese Inkonsequenz, die wir so lange betrieben haben, beenden“, betonte Mascolo.

Die „tageszeitung“-Journalistin Anne Fromm verwies darauf, dass mittlerweile ganz Deutschland voll von Medienkritikern sei. Journalisten müssten sich somit rechtfertigen und sich Kritik stellen. Die Frage sei, welchen Mehrwert Journalisten innerhalb dieser vielen Kritiker leisteten. „Und das ist der, den wir immer leisten: nämlich Recherche und einordnende Analyse“, betonte sie. Das schaffe Journalismus nur nicht immer in dem Maße, in dem er es schaffen müsse.

Die Publikation epd medien erschien als „epd/Kirche und Rundfunk“ erstmals am 21. Januar 1949. epd medien wird in der Zentralredaktion des Evangelischen Pressedienstes (epd) unter dem Dach des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) produziert. (epd)

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