Lobby-Power gegen die Suchmaschine : Die Google-Neurose der Verleger

Zeitungsverleger müssten Google eigentlich lieben, schließlich spült die Suchmaschine jede Menge Leser auf ihre Webseiten. Stattdessen aber verlangen die Verleger von Google Geld.

Foto: privat
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Etwa die Hälfte aller Besucher von Nachrichten-Websites kommen nicht durch die Vordertür, also über die Startseite eines Angebots, sondern über den Umweg einer Suchmaschine, meistens via Google. Das sind eine Menge Leser, und die Website-Betreiber – in der Regel Verlagshäuser – investieren viel Arbeit und Geld um den Anteil dieser Besucher noch zu erhöhen: Sie engagieren teure Experten für Suchmaschinen-Optimierung, sie stellen speziell für Such-Roboter geschaffene Site-Maps ins Netz, und sie schulen ihre Redakteure im suchmaschinenfreundlichen Verfassen von Überschriften und Vorspann-Texten.

Man sollte also annehmen, dass die Zeitungsverleger Google ganz doll lieb haben und jeden Abend ein kleines Gebet für das Suchmaschinchen sprechen. Auf dass es ihnen noch mehr Besucher auf die Seiten spült. Dem ist allerdings nicht so. Vielmehr sind die Presseverleger zutiefst gekränkt, dass nicht mehr sie selbst im Internet-Zeitalter das große Geld verdienen, sondern Google. Über die Jahre hat sich die Kränkung zu einer ausgewachsenen Neurose entwickelt. Anders lässt es sich kaum erklären, dass die Verleger mit aller Lobby-Power vom Gesetzgeber eine Regelung fordern, die es ihnen ermöglicht, Geld von Google zu verlangen.

Mit der gleichen Logik könnte ein Restaurantbesitzer von Taxifahrern Geld verlangen, die ihm Gäste bringen, ein Konzertveranstalter von den öffentlichen Verkehrsbetrieben, ein Schlüsseldienst von den „gelben Seiten“. Mit gesundem Menschenverstand hat das zwar absolut nichts zu tun, Erfolg könnte dieses absurde Ansinnen trotzdem haben. Seit Jahren fordern Leute wie Axel Springers Außenlautsprecher Christoph Keese ein sogenanntes „Leistungsschutzrecht für Presseverleger“, das eine „gewerbliche Nutzung“ von „Presseerzeugnissen“ im Internet regeln soll. Gemeint sind damit die Textschnipsel, die Suchmaschinen und News-Aggregatoren auf ihren Treffer-Listen automatisiert bereitstellen. Am Mittwoch kündigte Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger nun einen entsprechenden Gesetzentwurf an.

Wenige Tage zuvor hatte sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Internet-Unternehmern getroffen, um zu erörtern, warum die deutsche Web-Wirtschaft international praktisch keine Rolle spielt. Ob bei dieser Gelegenheit auch über bizarre Internet-Gesetze geredet wurde, ist nicht bekannt.

Der Autor ist Filmer, twittert und bloggt.

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