MEDIA Lab : Anwälte ohne Mandat?

Ist es statthaft, wenn sich Medienhäuser aktiv in den Dienst einer Kampagne wie „Covering Climate Now“ stellen?

Marlis Prinzing
Greta Thunberg (Mitte) demonstrierte vor dem Weißen Haus für den Klimaschutz. Zahlreiche Medien reihten sich in die Aktivistenfront ein.
Greta Thunberg (Mitte) demonstrierte vor dem Weißen Haus für den Klimaschutz. Zahlreiche Medien reihten sich in die...Foto: Lena Klimkeit/dpa

Journalismus ist Vermittlungsinstanz und organisiert die Debatte über Fragen, die die Gesellschaft umtreiben. Er hat stets auch soziale Funktionen, z.B. indem er Menschen befähigt, sich zu engagieren und zu handeln (Empowerment-Funktion) oder ihnen anwaltschaftlich zur Seite steht, vor allem auch, wenn jemand sich selber schwertut, sich zu äußern.

Das Reuters-Institut in Oxford untersuchte eine Umweltkampagne, mit der der "Guardian" sein Publikum aktivieren wollte. Die Zeitung habe ein journalistisch professionelles Niveau durchgehalten. Gegenpositionen seien neben aktivistischen Standpunkten weiterhin zu Wort gekommen, die Berichterstattung sei differenzierter und breiter geworden und nicht im „Umweltthemen-Ghetto“ verharrt, in das sie aber nach Kampagnenende offenbar zurückfiel. Ist „Transparenz“, anstelle der (ohnehin diskussionswürdigen) Objektivitätsnorm die journalistische Zielgröße , dann wird die Kampagne zu einer weiteren, von Fall zu Fall anwendbaren Funktion von professionellem Journalismus, und zwar im Verbund mit klassischen Kriterien wie Sorgfalt und Kontextualisierung.

Diesen Anspruch gab sich auch eine Kampagne, die über die Grenzen eines Unternehmens hinausreichte und Medien in der Rolle von Anwälten für das Weltklima sieht: Im Frühjahr rief das Medienfachmagazin „Columbia Journalism Review“ die Septemberwoche, in der in New York die Klimakonferenz der Vereinten Nationen tagte, zur Themenwoche aus. Im September waren 300 Einrichtungen (TV, Zeitungen, Zeitschriften, Online, Fachjournale, Agenturen) mit einer Milliarde Menschen Reichweite im Boot, aus den USA, aber auch aus Deutschland (u.a. "taz", "stern", correctiv, "Spektrum der Wissenschaft"), Italien, Japan, Kanada etc. Sie wollten über Klimawandel so berichten, dass das Publikum Zusammenhänge erfassen und erkennen konnte, was man tun kann, und trugen dazu bei, dass Ende September Klimawandel in der Google-Suchmaschine so oft aufgerufen wurde wie noch nie.

Ingerid Salvesen: Should journalists campaign on climate change? What happened when journalists in a global media organization turned climate change activists. Reuters-Institut der Universität Oxford, Januar 2019. https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/our-research/should-journalists-campaign-climate-change

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