MEDIA Lab : „Ein stark verzerrtes Bild“

Jeder dritte TV-Beitrag über Gewaltverbrechen nennt die Herkunft des Täters. Wie sich der Umgang der Medien mit dem Thema geändert hat.

Stephan Russ-Mohl
Nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht verstärkt die Polizei die Präsenz am Hauptbahnhof.
Nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht verstärkt die Polizei die Präsenz am Hauptbahnhof.Foto: dpa/Maja Hitij

Viele Medien berichten einseitig über Gewaltkriminalität. Sie vermitteln oft ein vereinfachtes Bild einer komplizierten Realität – wobei ja auch Polizei und Staatsanwaltschaft ihre Mühsal damit haben, das Dunkel auszuleuchten.

Der Vorwurf, die Medien würden durch Herkunftsnennung von Tatverdächtigen über Gebühr Straftaten Migranten und Flüchtlingen „anhängen“, hat jetzt neue Nahrung erhalten. Thomas Hestermann von der Macromedia Hochschule in Hamburg verfolgte über Jahre hinweg die Berichterstattung des Fernsehens und der überregionalen Tagespresse. Er hat dabei Alarmierendes herausgefunden: 2019 verweist jeder dritte TV-Beitrag über Gewaltkriminalität auf die Herkunft der Tatverdächtigen. Vor zwei Jahren waren es noch halb so viele Hinweise. Vor fünf Jahren, also vor den Ereignissen während der Kölner Silvesternacht von 2015, spielte die Herkunft „praktisch keine Rolle“.

Was sagt die polizeiliche Kriminalstatistik?

Sie wird aber meist nur erwähnt, wenn es um Ausländer geht. Im Vergleich zur polizeilichen Kriminalstatistik ergibt sich dem Forscher zufolge so ein „stark verzerrtes Bild“: Im Fernsehen kommen „mehr als acht und in Zeitungsberichten mehr als 14 ausländische Tatverdächtige auf einen deutschen“. Noch gruseliger wird es, wenn man die Berichterstattungsanlässe anguckt: Wenn das Fernsehen, so Hestermann, über „Eingewanderte und Geflüchtete berichtet, dann zu 34,7 Prozent als mutmaßliche Gewalttäter“.

Kaum von der Hand zu weisen ist der Verdacht, dass solche Schlagseite Ausländerfeindlichkeit nährt. Wie die Medien mit der Tatverdächtigen-Herkunft umgehen, ist Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten. Laut Polizeistatistik sind von 658 000 Tatverdächtigen 30 Prozent Ausländer. Ihr Anteil ist also bei weitem nicht so hoch, wie von den Medien suggeriert. Andererseits ist er wahrlich beängstigend genug, um viele Menschen mit Sorge zu erfüllen. Wir sollten auch nicht vorschnell die Journalisten verurteilen: Verschweigen sie die Herkunft bei ausländischen Verdächtigen, heizt das die Gerüchteküche an und führt zu „Lügen-„ oder „Lücken“-presse-Vorwürfen.