Netflix-Serie "Ein besonders Leben" : Bloß kein Mitleid

Mit großem Verve gegen die Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft: Netflix entdeckt mit der Comedyserie „Ein besonderes Leben“ das Thema Inklusion.

Jan Freitag
Ungewöhnlicher Held im ungewöhnlichen Format: Ryan O'Connell (links) und Punam Patel als Serien-Freundin.
Ungewöhnlicher Held im ungewöhnlichen Format: Ryan O'Connell (links) und Punam Patel als Serien-Freundin.Foto: Netflix

Es gibt ein Lied von Funny van Dannen, das etwas unkorrekt, aber wahrhaftig von Randgruppen erzählt: „Auch schwarze lesbische Behinderte können ätzend sein“. Ob der Liedermacher recht hat oder nicht, bleibt für viele unergründlich. Besonders im Fernsehen gilt offenbar eine Regel: Ist jemand körperlich, gar geistig gehandicapt, dann höchstens als weißer Mann, vorzugsweise mit Autismus oder Down-Syndrom, aber ohne sexuelles Bedürfnis und auch nicht in tragender Funktion. Ausnahmen wie die kleinwüchsige (nicht behinderte!) „Dr. Klein“ (ZDF) oder der multiphobische Privatdetektiv „Monk“ (RTL) bestätigen die Regel. So gesehen ist das Netflix-Original „Ein besonderes Leben“ um einen Homosexuellen mit einschränkender Muskelerkrankung geradezu revolutionär.

Acht viertelstündige Folgen lang macht Autor Ryan O'Connell darin nicht nur sein autobiografisches Sachbuch „I’m Special: And Other Lies We Tell Ourselves“ zur Basis einer leichtfüßigen Comedy-Serie übers emotionale Erwachen eines 32-Jährigen mit Zelebralparese. Er spielt die ungewöhnliche Titelfigur eines ungewöhnlichen Formats gleich selber. Und das wirkt nach Ansicht des Trailers schon deshalb so erfrischend glaubhaft, weil der schwule Ryan O'Connell mit dieser Muskelerkrankung zur Welt kam. Das Ergebnis ist ein Fanal eigeninitiierter Inklusion, das am Beispiel des Showrunners zeigt, wie uneingeschränkt angeblich beeinträchtigte Menschen ihr Dasein meistern, wenn man sie lässt.

Erblühen der Sexualität im Alter

Nach Ansicht des Trailers (mehr war vorab nicht zu sehen) feiert die Coming-of-Age-Story das Anderssein , ohne auf Mitleid oder Tränendrüsen zu setzen. Dafür sorgt neben Ryan O'Connell, der mit steigendem Selbstbewusstsein seine Anziehungskraft aufs gleiche Geschlecht entdeckt, Punam Patel als schwarze Serien-Freundin mit Übergewicht, die sich mit ebenso großer Verve gegen die Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft stemmt wie auch Ryans Mutter (Jessica Hecht) beim Erblühen ihrer Sexualität im Alter.

Eine so selbstbewusste Randgruppenballung hat es so weit oben auf der Besetzungsliste hierzulande das letzte Mal gegeben, als das ZDF in der Serie „Unser Walter“ eine Titelfigur mit Beeinträchtigung zeigte, die man noch als Mongolismus statt Trisomie 21 bezeichnete.

Und heute? Ob Walther Whites Sohn in „Breaking Bad“, das „Lindenstraßen“-Kind „Mürfel“ oder Rolf Brederow, dessen „Bobby“ seit 1997 mit Trisomie 21 durch deutsche Feelgood-Filme tingelt: Am Ende dienen Behinderungen meist nur zur moralischen Aufwertung der Hauptdarsteller, die sich um Nebendarsteller kümmern. Um Ryan O'Connell will sich dagegen nur einer kümmern: er selbst. Auch deshalb darf sein Alter Ego auf dem Weg zur Erfüllung sexueller, beruflicher, sozialer Träume mit viel Selbstironie scheitern und aufstehen.

Auf der Leinwand gab es das schon mal. In der Bühnenadaption „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ schlitterte die geistig behinderte Titelheldin 2015 eigensinnig Richtung Pubertät. Damals interessierte das jedoch nur einige Tausend Besucher, was bei der TV-Premiere neulich um 22 Uhr 25 auf 3sat nur unwesentlich gesteigert worden sein dürfte. Gut, dass es jetzt Netflix gibt.

„Ein besonderes Leben“, ab Freitag auf Netflix