Österreicher Landkrimi mit Tobias Moretti : Der Knochenmann

„Alles Fleisch ist Gras“ ist eine rabenschwarze Groteske aus Österreich. Dass sie bereits 2014 im ORF lief, mindert nicht den Spaß daran.

Nicht nur Kommissar Nathan Weiß (Tobias Moretti, l.) wird in diesem Fernsehfilm an der Nase herumgeführt – unter anderem von Anton Galba (Wolfgang Böck). Für die Zuschauer heißt das: Niemand scheint hier der zu sein, der er zu sein vorgibt.
Nicht nur Kommissar Nathan Weiß (Tobias Moretti, l.) wird in diesem Fernsehfilm an der Nase herumgeführt – unter anderem von Anton...Foto: ZDF/Petro Domenigg

Eine Maschine hat ganz viel zu tun: der Fleischhäcksler. Ganz gleich, was man von oben in ihn hineinwirft, mag es noch so knochig, noch so unförmig, noch so klobig sein – die Häckslermaschine zerstückelt und zerkleinert alles. Bis zur Unkenntlichkeit. Ein solcher Häcksler steht auf dem weitläufigen Gelände der Abwasserreinigungsanlage in Dornbirn im Vorarlberg. Ein Idyll von einer Gegend. Hier scheint die heimatliche Welt noch in Ordnung, hier sprießen und florieren Flora und Fauna. Alles geht hier seinen kreatürlichen Gang. Und in naher Ferne der Bodensee. Die unerbittliche Fleischmaschine steht in der ZDF-Groteske „Alles Fleisch ist Gras“ auf dem Gelände, das der Anton Galba (Wolfgang Böck) leitet. Alle Fäden hält er in der Hand. Was hier geklärt und gereinigt, was hier gehäckselt wird, der Anton Galba weiß Bescheid. Vielleicht muss noch ergänzt werden: auch wer hier gehäckselt wird.

Denn eines Tages passiert hier etwas, man könnte es vielleicht ein Missgeschick nennen, auch wenn es die Sache nicht ganz trifft: Roland Mathis (Fritz Hammel), Mitarbeiter unter Galbas Gnaden, beobachtet eines Tages, wie sein Chef die sehr junge und sehr attraktive Mitarbeiterin Helga Sieber (Anna Unterberger) zum erotischen Stelldichein trifft. Der Mitarbeiter, der selbst vergeblich ein begieriges Auge auf die hübsche Helga geworfen hat, kommt auf die fixe Idee, seinen Chef zu erpressen, hat er doch vom letzten Rendezvous im Wald am Försterhochstand Fotos geschossen.

[ „Alles Fleisch ist Gras“, ZDF, Mittwoch, 20 Uhr 15]

Beim ungelenken Erpressungsversuch passiert, was passieren musste: Es kommt zum Gerangel, der Erpresser fällt die steile Stiege in eine der Anlagen herunter und bricht sich das Genick. Was macht der Kläranlagendirektor Galba, bekannt für seinen ergiebigen Superdünger, kurzerhand? Er entsorgt den Mathis im Häcksler. Bald schon kommt ihm der ermittelnde Inspektor Nathan Weiß (Tobias Moretti) auf die Schliche, mit dem Galba einst zusammen die Schulbank drückte. Doch mit dem Erscheinen von Nathan Weiß – nomen est omen? – fängt die ganze Misere überhaupt erst an.

Bitterböse und rabenschwarz

„Alles Fleisch ist Gras“ ist erkennbar österreichisches Fernsehen. Bitterböse und rabenschwarz ist dieser Fernsehfilm – von Reinhold Bilgeri („Erik & Erika“) nach einem Drehbuch von Agnes Pluch („Die Auslöschung“) in Szene gesetzt –, der sich jeder Genre-Zuordnung entziehen mag. Die Groteske mag es sein, die noch am ehesten auf die nun einsetzende brutale Dauerhäckslerei passt, die zuweilen arg blutig und fleischig ins unappetitliche Bild gerückt wird.

Der Film – bereits 2014 im ORF passend im Dezember ausgestrahlt, da nicht zuletzt auch Nikoläuse eine Rolle spielen und die Atmosphäre wahrlich herbstlich düster ist – basiert auf dem gleichnamigen Roman des Vorarlberger Autors Christian Mähr, dessen andere Bücher unter anderem Titel wie „Knochen kochen“ oder „Tod auf der Tageskarte“ tragen. Der Titel von Buch und Film bezieht sich hier übrigens auf das Requiem von Johannes Brahms, „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“, mit dessen Text sich der Komponist auf Bibelverse bezieht.

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Die Groteske à l’autrichienne, ebenso skurril wie splatternd, nimmt ihren weiteren makabren Verlauf, denn Inspektor Nathan Weiß geht es nicht nur um die Aufklärung der Causa Anton Galba. Der weise Nathan hat seinen Schulfreund von einst in der Hand, und so mag es sich gut treffen, dass dem Inspektor so mancher Bewohner von Dornbirn auch selbst ein Dorn im Auge ist.

Da wäre etwa der zweite Ehemann seiner Ex-Frau Adele Stadler (Sabine Waibel), die er eigentlich noch immer liebt; oder der berüchtigte Drogendealer Konrad Mugler (Christoph Grissemann); oder der alert-opportunistische Baustadtrat Karasek (Johannes Seilern). Sie alle haben Dreck am Stecken, ihnen allen will Nathan Weiß eine finale Botschaft senden, die sie nicht mehr werden vergessen können. Zum Vorarlberger Ensemble zählen zudem der TV-Moderator Ingomar Kranz (Harald Schrott) und Anton Galbas betrogene Gattin, Hilde Galba (Petra Morzé). Es ist ein blutiger Reigen mit doppeltem Boden.

Auf falsche Fährten gelenkt

Das Spannende an „Alles Fleisch ist Gras“ ist, dass die Zuschauer unentwegt auf Fährten gelenkt werden, die sich letztlich nicht als das herausstellen werden, was sie zu sein scheinen. So, wie kein Genre wirklich passen mag, so scheinen hier nahezu alle Figuren nicht die zu sein, die sie zu sein vorgeben. Auf gut Österreichisch: Man wird an der Nase herumgeführt und von Dramaturgie, Regie und Darsteller-Ensemble wiederholt aufs dünne Eis gestellt. Es ist ein Vexierspiel mit den Zuschauern. Dabei ist es vor allem die Figur des Nathan Weiß, die voller Ambivalenzen ist. Tobias Moretti reizt das mit sichtbar diebischer Spielfreude aus.

Das Gute und das Böse, es liegt hier ganz nah beieinander, manchmal ist es bei aller Moral kaum voneinander zu trennen. Das macht mithin den Reiz dieses aus Raster und Norm fallenden unorthodoxen „Landkrimis“ des ORF aus, den das ZDF mit lediglich sechs Jahren Verspätung, zudem völlig unpassend im undankbaren Hochsommer, unauffällig als hiesige Erstausstrahlung zu versenden versucht: dass ihm schlichtweg nicht beizukommen ist.

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