Schauspieler-Porträt über Helmut Berger : Vom Jetsetter zum Pflegefall

Visconti, Dschungelcamp, Kaffeekränzchen, betreutes Wohnen: Eine 3sat-Dokumentation über Helmut Berger.

Manfred Riepe
Der Pferdeflüsterer. Helmut Berger erholt sich beim Landleben in Niedersachsen. Gleich geht es an den reich gedeckten Kaffeetisch.
Der Pferdeflüsterer. Helmut Berger erholt sich beim Landleben in Niedersachsen. Gleich geht es an den reich gedeckten Kaffeetisch.Foto: ZDF und Valesca Peters

Vom einst schönsten Mann der Welt zum Totalausfall im Internet: Ein 3Sat-Dokumentarfilm porträtiert die österreichische Schauspiellegende Helmut Berger. Der kapriziöse Selbstdarsteller, dem nachgesagt wird, er würde sogar seine eigene Haut wie eine Maske tragen, zeigt sich vor der Kamera so zerbrechlich wie ein Kind. Fragmente eines gebrochenen Lebens verschmelzen mit zärtlichen Momenten. Vom mondänen Jetsetter zum Pflegefall: So könnte man Valesca Peters’ Debütfilm zusammenfassen. Peters, die als freie Cutterin in Berlin arbeitet, kam zu diesem Film wie die Jungfrau zum Kinde. Ihre Mutter Bettina Vorndamme, Finanzcontrollerin aus der norddeutschen Provinz, trennte sich von ihrem Mann und hatte Zeit.

Beim Surfen im Internet entdeckte sie, dass ihr angehimmelter Star Helmut Berger auf den Hund gekommen ist. Der Absturz ins RTL-Dschungelcamp im Jahr 2013 war nicht mal der Tiefpunkt. Ein danach erschienener Dokumentarfilm schlachtet voyeuristisch aus, wie der sichtlich kranke Darsteller sich in seiner vermüllten Wohnung betrinkt und masturbiert.

Jetzt reicht es, dachte Bettina Vorndamme. Eigentlich wollte sie für Helmut Berger ein Drehbuch schreiben und ihn mit einem Filmprojekt aus dem Elend befreien. Die Tochter überzeugt ihre Mutter, dass ein Dokumentarfilm sinnvoller wäre. Bei der ersten Kontaktaufnahme springt tatsächlich der Funke über. Die Hannoveranerin lädt den gebrechlichen Mann zu sich in ihr beschauliches Reetdachhaus auf dem Dorf ein. Da sitzt nun der einstige Darsteller des Bayernkönigs Ludwig II. auf der Terrasse beim Kaffeekränzchen, umgeben von kichernden älteren Damen. Wider Erwarten funktioniert dieser pittoreske culture clash erstaunlich gut. Selbst auf dem Hometrainer macht Helmut Berger eine gute Figur.

Einblicke hinter die Maske

Der angeschlagene Ex-Star liebt die Aufmerksamkeit und lässt sich buchstäblich bemuttern. In diesem betreuten Wohnen genießt der gefallene Engel medizinische Versorgung. Peters’ Mutter bringt ihn zur Pediküre und zur Psychotherapie. Alkohol hält sie so gut es geht von ihm fern. Dabei öffnet Berger sich allmählich und gewährt scheue Blicke hinter die Maske eines einsamen, zerbrechlichen Menschen, der einen Selbstmordversuch hinter sich hat. Spielerische Momente, in denen er sich auf schelmische Weise selbst interviewt, wechseln mit melancholischen Episoden.

Der Wechsel zwischen Farbe und Schwarzweiß unterstreicht dabei die Stimmungsschwankungen im prosaischen Alltag des einstigen Stars. Berger wirkt wie jemand, der einfach nicht glauben kann, dass die Party tatsächlich vorbei ist. Mit brüchiger Stimme erklärt er, das Verhältnis zwischen den Tagen, in denen er Liebe erfahren habe und jenen, in denen er „nur noch einsam in der Bude hockt“, sei irgendwann gekippt.

Wenn Berger andeutet, wie er nach dem Tod seines Geliebten und Entdeckers, des Regisseurs Luchino Visconti, mit dem er zwölf Jahre lang zusammen- lebte, von dessen Familie ausgegrenzt wurde, dann wird auch nebenbei der gesellschaftlich prekäre Status homosexueller Lebensgemeinschaften angerissen.

Immer wieder fixiert die Kamera sein auch im Alter noch ausdrucksstarkes Gesicht. Helmut Berger kann einfach nicht aufhören, mit der Kamera zu flirten. Das hat er immer schon gemacht, etwa in „Das Bildnis des Dorian Gray“, ein mittelmäßiger Film, in dem der androgyne Narziss aber noch am ehesten zu sich selbst kam. Inzwischen ist aber nicht das Gemälde unterm Dach gealtert, sondern Helmut Berger selbst. Er wurde zu jenem lebensgierigen Monster, für welches das Bildnis aus Oscar Wildes Roman ein Symbol darstellt.

Und so verhält er sich dann auch am Ende dieses Dokumentarfilms auf 3sat: Kaum hat der 74-Jährige sich in seinem provinziellen Exil etwas erholt, nimmt der Schauspieler 2018 an der Freien Volksbühne Berlin doch noch ein Engagement an. Nun steht er wieder im Mittelpunkt, seine Pflegekraft lässt er fallen. Valesca Peters’ Mutter ist verletzt, nimmt es aber nicht allzu schwer. Denn sie weiß: „Er ist ja nicht wie wir“. Manfred Riepe

„Helmut Berger, meine Mutter und ich, 3sat, Samstag, 20 Uhr 15

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