"The Masked Singer" : Pro7 ist Pop

"The Masked Singer": Mit einer Verkleidungsshow reproduziert der Privatsender lukrative Schlüsselreize.

Jan Freitag
Wer bin ich? "The Masked Singer"
Wer bin ich? "The Masked Singer"Foto: dpa

Was Pop ist und was weniger, das bleibt angesichts der amorphen Worthülsenhaftigkeit dieses Begriffs höchst umstritten. Schließlich kann Pop fast alles verkörpern und nahezu nichts, also mitten im breiten Mainstream schwimmen oder am zugewucherten Nebenfluss abbiegen und dabei für viele das Allergrößte sein (Helene Fischer) und für noch viel mehr das Allerletzte (FreiWild) oder umgekehrt - Hauptsache erfolgreich, Hauptsache rentabel, Hauptsache populär. Worüber abseits dieser etymologischen Herkunft indes Eintracht herrschen dürfte: Pro7 ist Pop und Pop ist Pro7. Punkt.


Denn was immer der Kommerz-Kanal vom Münchner Speckgürtel am Flatscreen veranstaltet: Stets flattert es fiebrig zwischen serviler Anbiederung und kumulierter Kreativität, weshalb Heidi Klums gewissenloser Fleischmarkt schon mal Sendeplatzseite an Sendeplatzseite mit charakterstarker Empathie von Joko & Klaas stattfindet. Die Mitte jedenfalls existiert nicht im Pro7-Programm. Selbst News erinnern an die Rückseite der „Bild“-Zeitung. Und wenn wie so oft gehypt, gesungen, gekaspert, geworben wird oder alles in einem zur gleichen Zeit, trifft kein Ausdruck das Dargebotene besser als, genau: Pop.

Oder in diesem Fall: „The Masked Singer“.


So heißt ab heute Abend – darunter macht es das Marketing nicht – die „verrückteste Show der Welt“. Und was da sechs Donnerstage zur Primetime so krass crazy sein soll: ganzkörperkostümierte „Undercover-Sänger“ geben inkognito fremdes Liedgut zum Besten, was die Jury aus ein paar der üblichen Privatfernsehverdächtigen so lange bewerten muss, bis der vermeintlich schlechteste Wettbewerber demaskiert wird, während alle anderen eine Runde weiter kommen. Und zwischendurch gibt es unter der Moderation des notorischen Matthias Opdenhövel Show-Acts und sehr viel Werbung.


Das ist natürlich nicht auf dem Mist von Pro7 gewachsen, sondern war nach der südkoreanischen Premiere vor vier Jahren bereits in halb Südostasien erfolgreich und sorgte erst im Januar beim US-Sender Fox für den besten Neustart seit langem. Auf der Suche nach Exklusivität wurde Daniel Rosemann also nur bei der Darreichungsform fündig: „Anders als in anderen Ländern“, frohlockt der Pro7Sat1-Chef Max Conze, „feiern wir dieses besondere Format mit unseren Zuschauern zum ersten Mal live“. Bewegte Bilder waren vorab nicht zu sehen, aber dass es schrill werden dürfte, liegt auf der Hand.


Eher Avataren als Karnevalisten gleich, treten die Teilnehmer verkleidet wie im Manga-Comic auf. Ein Grashüpfer kämpft da gegen eine Fee kämpft gegen einen Schmetterling, kämpft gegen ein Eichhörnchen, kämpft allerdings vor allem um die Gunst der drei Juroren, die wie üblich im Casting-Genre um andere Promis ergänzt werden. Zum Auftakt der ersten Staffel: Rea Garvey, der neun Jahre nach der Auflösung seiner deutsch-irischen Band Reamonn durch diverse Panel-Show gereicht wird. Mit ihm urteilen am Donnerstag Ruth Moschner und Collien Ulmen-Fernandes über etwas, wovon sie noch weniger Ahnung haben als der Dritte im Bunde Max Giesinger, den Jan Böhmermann einst als fanverachtenden Blender entlarvt hat.


Genau damit aber wäre ja auch schon das Wirkprinzip von „The Masked Singer“ hinlänglich beschrieben. Abseits vom unbestreitbaren Zerstreuungsfaktor lustig entstellter Promis, dienen viele Unterhaltungsformate der Popkultur im Grunde nur der Reproduktion geldwerter Schlüsselreize – weshalb der Einzug in die Menschenzoos von „DSDS“ bis „GNTM“ selbst bei frühem Scheitern durchaus lukrative Anschlusskarrieren ermöglicht. Vielleicht sollten wir an dieser Stelle daher kurz mal um Tipps bitten, wer wohl unter den Masken steckt.

Unsere Mutmaßung: Carolin Kebekus, Annemarie Carpendale oder beide. Luke Mockridge, Matthias Steiner oder beide. Dass kein Castingshow-Gewächs unterm Inkognito steckt, dürfe jedenfalls ebenso ausgeschlossen sein wie keine Fortsetzung dieser ulkigen Show. Viel billiger lässt sich Bombast schließlich schlechterdings nicht herstellen im deutschen Fernsehen.
„The Masked Singer“, Donnerstag, Pro 7, 20 Uhr 15