Medien : Wanzen in Moabit

À la Hitchcock: Sperling observiert im Hinterhof

Thilo Wydra

Alfred Hitchcock sagte einmal: „Auf der anderen Seite des Hofes haben Sie alle Arten menschlichen Verhaltens, einen kleinen Verhaltenskatalog. Was man auf der Hofmauer sieht, ist eine Fülle kleiner Geschichten, es ist der Spiegel einer kleinen Welt.“ In Hitchcocks Klassiker von 1954, „Das Fenster zum Hof“, sitzt James Stewart mit einem Gipsbein zu Hause und beobachtet die Menschen in den Wohnungen des Hinterhofes. Bis der Fotograf meint, einen Mord beweisen zu können.

„Sperling und die kalte Angst“, der 18. Fall des Berliner Kommissars, nimmt das Moment des unfreiwilligen oder beabsichtigten Voyeurismus mit auf und verwendet es als dominierendes dramaturgisches Element. Uwe Janson, der für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, zeigt, wie es ist, der Beobachtete oder der Beobachtende zu sein.

In diesem Fall ist es Sperling (Dieter Pfaff), der plötzlich mehr sieht und zusieht, als ihm lieb ist. In einem Berliner Hinterhof in Moabit haben er und seine Mitarbeiter Hoffmann (Philipp Moog) und Winter (Carin C. Tietze) sich eingerichtet. Es gilt, einen Mord aufzuklären an einer Informantin, Sonja, die Sperling nach einem Handy-Anruf nur noch tot an einer abgelegenen S-Bahn-Station finden kann. Was hat Sonja gesehen? Was machte ihr so sehr Angst? Sperling mochte Sonja, er scheint persönlich sehr getroffen. Es ging wohl um einen groß angelegten Drogendeal. Und Hoffmann kam, während Sperling die tote Sonja fand, einigen von ihnen auch auf die Spur und verfolgte sie bis in diesen Hinterhof hinein. Dort, wo sie ab und an am Fenster erscheinen, verhuscht, sich versteckend. Dunkle Gestalten. Der neue junge Kollege Konrad (Matthias Koeberlin), der allen im Team altklug auf die Nerven geht, er verwanzt die Wohnungen der Verdächtigen. Die Ermittler können nun fast alles sehen, und fast alles hören. Eine Privatsphäre gibt es nicht mehr, wenn der Staat eingreift, wenn Überwachung rund um die Uhr angesagt wird. Mit der Zeit ahnt Sperling, dass es um Größeres geht als um einen Drogendeal. Einer von ihnen, der Grieche, er sitzt hinter dem unverhängten Fenster und bastelt an Drähten in einem Koffer.

Das alles ist beklemmend inszeniert und gespielt. Und es ist, als ob Uwe Janson dem großen Hitchcock über die Schulter sah, als dieser sagte: „Ich wette, dass von zehn Leuten, wenn sie am Fenster gegenüber eine Frau sehen, die schlafen gehen will und sich auszieht, oder auch nur einen Mann, der sein Zimmer aufräumt, dass von zehn Leuten neun nicht anders können als hinschauen.“

„Sperling und die kalte Angst“, ZDF, 20 Uhr 15

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