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Milliardärin.  Anders als Platzhirsche wie Rupert Murdoch hat Friede Springer ohne Feldzüge auf großer Bühne ihre Unternehmen behutsam weiterentwickelt.
© Ottmar Winter PNN

Zum 80. Geburtstag von Friede Springer: Wie vier Märchen aus 1001 Nacht

Vom Leben im Ausnahmezustand zur mächtigsten Medienunternehmerin: Eine Würdigung zum 80. Geburtstag von Friede Springer.

Die vier Geschichten zu Friede Springer, die es zu erzählen gilt, hören sich an wie Märchen aus Tausend-und-einer-Nacht. Aber es sind wahre Geschichten. Sie haben sich in Hamburg und Berlin zugetragen, und sie fügen sich zu einer Vita im Ausnahmezustand zusammen.

Das erste „Märchen“ beginnt 1965. Friede Riewerts ist in einem Gärtnereibetrieb auf Föhr aufgewachsen und möchte weg von der Insel. Mit 23 Jahren und Volksschulabschluss bewirbt sie sich als Kindermädchen bei Deutschlands größtem Zeitungsverleger. Sie soll dessen dreijährigen Sohn betreuen und wird von der Ehefrau Axel Cäsar Springers angestellt – zu einem Zeitpunkt, als die vierte Ehe des Magnaten, der zuvor mit seinem offenbar unwiderstehlichen Charme zwei seiner Frauen einem Grundstücksnachbarn ausgespannt hatte, bereits deutlich auseinanderdriftet.

Die blonde, gutaussehende Friede erobert das Herz des Lebe- und Strahlemanns, wird erst die Geliebte des Verlegers, dann seine Frau und schließlich seine Erbin. Schon zuvor erlebt sie an seiner Seite stürmische Zeiten. Einerseits hat sie allen erdenklichen Luxus und lernt die Mächtigen und Reichen der Welt kennen, andererseits wird wenig später ihr Mann – nach dem Tod von Benno Ohnesorg und den Schüssen auf Rudi Dutschke - zum verhassten Buhmann einer ganzen Studentengeneration.

Sie muss außerdem aus nächster Nähe miterleben, wie sich einer der Söhne Axel Springers, der Fotograf Sven Simon, das Leben nimmt. Kurze Zeit später wird Springers Enkel im Schweizer Internat Opfer einer Entführung.

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Die zweite Geschichte erinnert ebenfalls eher an eine Fabel als an die Wirklichkeit. Sie beginnt damit, wie die Erbin das Ererbte zu verspielen droht – auch weil ihr Mann kurz vor seinem Tod einige Weichen falsch gestellt hat. Friede Springer hat zwar an der Seite Springers gut gelebt, ist aber keine Verlegerin und Geschäftsfrau. Ihr Mann hat zuletzt die Gebrüder Burda an Bord geholt – und die Deutsche Bank drückte ihm im Zuge des Börsengangs mit Leo Kirch einen weiteren gewieften Medienmogul als Großaktionär aufs Auge.

Als neue Miteigentümer verfolgen diese ihre Eigeninteressen. Es gibt außerdem Erbstreitigkeiten. Zugleich kämpft Friede Springer im eigenen Haus mit Männerbünden und Intrigen. Der Kirchs und Burdas entledigt sie sich schließlich, indem sie deren Anteile teuer zurückkauft. Immer wieder wechseln außerdem die Vorstandsvorsitzenden: Peter Tamm (bis 1991), Günter Wille (1991-1993), Günter Prinz (1994) Jürgen Richter (1994-1997), Gus Fischer (1997-2001). Aber Friede Springer gelingt das Unwahrscheinliche: Trotz alledem kann sie ihr Erbe sichern.

Die Witwe wird schließlich, so ihre Biographin Inge Kloepfer, „zur Königin“ ihres Imperiums. In ihrem Privatleben hat sie es dann aber doch gerne eine Nummer kleiner als ihr verstorbener Gemahl. Schritt für Schritt trennt sie sich von den hochherrschaftlichen Besitztümern, die Axel Cäsar Springer für seinen Lebensstil brauchte. Sie verkaufte Schloss Schierensee und weitere Residenzen am Jungfernstieg in Hamburg, in London und Jerusalem sowie ihr Haus auf Patmos. In Berlin zog sie von Springers Palast auf Schwanenwerder in eine kleine Villa nach Dahlem um.

Döpfner gewinnt das Vertrauern der Millionärin, die zur Milliardärin geworden ist

Mit Mathias Döpfners Berufung zum Chefredakteur der „Welt“ 1998, seiner Beförderung in den Vorstand und kurze Zeit später zum Vorstandsvorsitzenden (ab 2002) schließt dieses Kapitel ab. Zugleich beginnt die für die Medienbranche besonders turbulente Zeit der Digitalisierung – und die dritte märchenhafte Geschichte.

Döpfner gewinnt das Vertrauern der Millionärin, die inzwischen zur Milliardärin geworden ist. Er baut entschlossen den Konzern um und trennt sich gerade noch rechtzeitig von allen Regionalzeitungen und Illustrierten des Presseimperiums, die unter den veränderten Bedingungen zum Ballast zu werden drohten.

Nur zwei Medienmarken will er ausbauen: „Bild“ soll weiterhin Krethi und Plethi mit Nachrichten versorgen, die Welt-Gruppe richtet sich ans gebildete Publikum. Weitere Titel würden sich online wechselseitig in die Quere geraten und kannibalisieren.

Dann holt Döpfner mit KKR amerikanische Investoren an Bord und steigt mit dem Kauf von Politico in den US-Medienmarkt ein. Friede Springer lässt ihn und auch ihre Chefredakteure, zumal die von der „Bild“-Zeitung, gewähren.

Nur als es deren damaliger Chefredakteur Julian Reichelt mit seinem Kampagnenjournalismus sowie im Umgang mit Kolleginnen offenbar allzu bunt treibt und damit öffentlich sichtbar wird, wie es bei der „Bild“-Zeitung um die Unternehmenskultur bestellt ist, interveniert sie mit einer Verwarnung, bevor Döpfner dann später – nachdem sogar die „New York Times“ über den Fall Reichelt berichtete – die Reißleine zieht und diesen fallen lässt.eißleine zieht und diesen fallen lässt.

Was sich nicht gendern lässt

Nachdem Friede Springer Mathias Döpfner zunächst zwei Prozent des Unternehmens geschenkt und weitere Anteile an ihn verkauft hat, um ihn ans Unternehmen zu binden, vermacht sie ihm 2020 Anteile im Wert von einer Milliarde Euro und ihre eigenen Stimmrechte, um so das Ererbte über ihre Zeit hinaus zu sichern.

Das vierte „Märchen“, das ebenfalls kein Märchen ist, sondern ein Tatsachenbericht, bindet die drei anderen Geschichten zusammen. Es erzählt, wie zwei Frauen, eben Friede Springer sowie die Bertelsmann-Erbin Liz Mohn, zu Deutschlands mächtigsten Medienunternehmern wurden – was sich nicht gendern lässt, weil es in diesem Fall eben nicht nur um Medienunternehmerinnen geht. Über lange Jahre hinweg waren beide weit weniger sichtbar, aber vermutlich erfolgreicher als andere prominente Vorzeige-Frauen.

Am Montag nun wird Friede Springer 80 Jahre alt. Anders als Platzhirsche wie Silvio Berlusconi oder Rupert Murdoch haben Friede Springer und Liz Mohn ohne Feld- und Kreuzzüge auf großer Bühne ihre Unternehmen behutsam und entschlossen ausgebaut und weiterentwickelt.

Auch sonst standen und stehen die Beiden eher selten im medialen Rampenlicht. Am Anfang ihrer Erfolgsgeschichten gab es freilich als Gemeinsamkeit je eine Märchenhochzeit – frei nach dem Motto, mit dem die Habsburger einst Österreichs Weltreich erschufen: „Tu felix Austria nube“…

Stephan Russ-Mohl

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