
© ZDF/Hannes Magerstaedt
Neue ZDF-Serie „Kanzlei Berger“: Zwietracht im Fachwerkidyll
In der Anwaltsserie „Kanzlei Berger“ arbeiten zwei ungleiche Schwestern eher gegen- als miteinander.
Stand:
Eintracht, das gilt auch fürs harmoniesüchtige Fernsehen aus Deutschland, wird überbewertet. Wo allzu eitler Sonnenschein herrscht, mangelt es schließlich schnell an allem, was Unterhaltung geistreich, interessant, also reizvoll macht. Selbst der harmoniesüchtige Vorabend sät daher gern Streit, wo Eintracht eigentlich zum Wesenskern konstruktiven Miteinanders zählt: im Team fiktiver Berufsgruppen von Polizei über Medizin bis hin zur Justiz.
Seit „Liebling Kreuzberg“ den rechtschaffenen Verteidigertyp Perry Mason 1986 mit einer respektlosen Portion Menschlichkeit versah, seit bei „Edel & Starck“ 16 Jahre später auch intern die Fetzen flogen, seit Rechtsanwälte also auch im selben Büro eher gegen- als miteinander arbeiten, sind TV-Kanzleien oft Schauplätze kollegialer Reibereien unter Partnern statt Prozessgegnern. Womit wir in Landsberg am Lech wären. Deutsche Fachwerkidylle. Oberflächlich betrachtet.
[„Kanzlei Berger“, ZDF, Mittwoch, 19 Uhr 25]
Denn kurz, nachdem es die ZDF-Drohne marketingtauglich überflogen hat, zeigt sich der Münchner Speckgürtel als Schlachtfeld. Eben noch hat die Provinzanwältin Caro (Eva-Maria Reichert) einen Nachbarschaftsstreit gewonnen, da bricht im Saal nebenan ihr Vater Karl-Heinz zusammen: Herzinfarkt, drei Monate Reha, seine „Kanzlei Berger“ braucht Ersatz. Und weil sich Caros erfolgreichere Schwester Niki (Nele Kiper) nach chronischer Abwesenheit am Krankenbett blicken lässt, bietet sich die frisch gefeuerte Starverteidigerin aus der Großstadt als Übergangslösung an. Wäre da nicht die Unvereinbarkeit blutsverwandter Kolleginnen.
Niki nämlich geht es um Recht und Caro um Gerechtigkeit, Niki ist aufbrausend und Caro bedächtig, Niki trägt Business-Dress und Caro Blümchenkleid, Niki strotzt vor Ehrgeiz und Caro vor Empathie, Niki fährt Cabrio und Caro Fahrrad, Niki steht auf blonde Managertypen, Caro auf ihren dunkelhäutigen Mann. Kein Wunder, dass die beiden schon im ersten Fall aneinanderrasseln.
Durchaus glaubhaft gezeichnet
Es geht um den ortsansässigen Baulöwen (und wichtigsten Berger-Kunden) Hartmann, der das Besuchsrecht für seinen unehelichen Sohn einklagen will. Während die geschäftstüchtige Niki den zahlungskräftigen Mandanten mit aller Macht zum Recht verhelfen will, dringt die selbstlose Caro auf gütliche Einigung. Schließlich steht der Junge nicht nur vor einer riskanten Tumor-OP; sein Vater hat ihn zuvor jahrelang ignoriert, kriegt nun aber offenbar Torschlusspanik. Ergebnis: vor Gericht treten die Schwestern wie Konkurrentinnen auf – ein juristisch bizarres Muster, das sich in den nächsten drei Fällen wiederholt.
Zum Glück allerdings bildet der Rechtsweg nur den kleineren Teil der dreiviertelstündigen Episoden. Weitaus größeren Raum nehmen die privaten Belange der diversen Familie nebst Anhang ein. Abseits ihrer juristischen Kleinscharmützel nämlich werden zwei ungleiche Schwestern da durchaus glaubhaft gezeichnet. Als Mutter Angelika, die ihren Mann (Robert Giggenbach) gleich zu Beginn der Reihe eigentlich verlassen will, aber aus Fürsorge bei ihm bleibt, agiert Sissi Perlinger zudem famos. Und wenn es vor Gericht um Männergewalt gegen Frauen, Schüler, Schutzbefohlene geht, zeigt sich das weibliche Gespür von Headautorin der Marlene Schwedler besonders in der Art, wie sich die Anwältinnen persönlich damit auseinandersetzen.
All dies kann jedoch nur teilweise darüber hinwegtäuschen, dass „Kanzlei Berger“ inhaltlich und ästhetisch in etwa so mutig ist wie ein Traumschiff-Törn nach Khao Lak. Warum das blonde Businessmodel Nele Kiper als Niki demselben Genpool entstammt wie Eva-Maria Reicherts dunkles Landei Caro, bleibt Gero Weinreuters Geheimnis und damit noch rätselhafter als die Kulisse des versierten Vorabendregisseurs.
Jan Freitag
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