zum Hauptinhalt
Ulrike Leimer-Lipke.

© Kitty Kleist-Heinrich TSP

Tagesspiegel Plus

Blutverdünner, Cortison, Antibiotika: Wie eine Berliner Ärztin Corona zu bekämpfen versucht

Ulrike Leimer-Lipke behandelt Covid-19 in ihrer Hausarzt-Praxis mit einem eigenen Therapie-Cocktail. Das stößt auf besorgte Kritik. Aber es hilft, sagt sie.

Von Lukas Wittland

Die Arzthelferin eilt die vier Treppenstufen hoch zum Wartezimmer, Mund und Nase sind bedeckt von einer FFP2-Maske, in ihren Augen sammeln sich Tränen. „Komm, wir gehen in Petras Büro und reden“, sagt die Ärztin Ulrike Leimer-Lipke gutmütig krächzend und führt ihre Mitarbeiterin in das Sprechzimmer ihrer Kollegin. Dann fließen die Tränen. Es ist einfach zu viel.

Die Praxis im Berliner Bezirk Reinickendorf, im kleinen Ortsteil Lübars gelegen, ist eine von 49 Corona-Schwerpunktpraxen in der Hauptstadt. Wie viele tausend Hausärzte in Deutschland sind auch Ulrike Leimer-Lipke und ihr Team ausgezehrt. Doch in Lübars ist es noch mal ein bisschen anders – auch weil Ulrike Leimer-Lipke ein bisschen anders ist als andere Hausärzte.

Ihre wichtigste Waffe ist ihr Handy

Die 59-Jährige will die Krankheit nicht nur mit Wattestäbchen aufspüren. Sie will nicht nur mit Spritzen immunisieren. Sie will das Virus und die Angst der Menschen bekämpfen – auch gegen die Kritik, die der Ärztin von Kollegen entgegenschlägt. Ihre wohl wichtigste Waffe dabei ist ihr Handy.

Die Allgemeinmedizinerin sitzt am Empfang, als um sieben Uhr die tägliche Corona- und Infektionssprechstunde beginnt. Fünf Patienten warten vor der Tür. Eigentlich sei sie immer schon um halb sechs da, „heute habe ich es erst eine Stunde später geschafft, weil ich verpennt habe“, sagt sie. Ihre tiefe Stimme verrät, dass die Maxi-Packung Marlboro Gold, die im Korb zu ihren Füßen liegt, nicht erst die zweite in ihrem Leben ist.

Menschen, die jeden Morgen in die Praxis von Ulrike Leimer-Lipke kommen, haben Kopfschmerzen, Fieber oder ein positives Schnelltest-Ergebnis. Sie haben eine Frage: Was jetzt? Vor allem aber haben sie Angst. „Angst zu sterben“, sagt Ulrike Leimer-Lipke.

In ihrer Reinickendorfer Praxis hält Medizinerin Ulrike Leimer-Lipke jeden Morgen ab sieben Uhr eine Corona-Sprechstunde.
In ihrer Reinickendorfer Praxis hält Medizinerin Ulrike Leimer-Lipke jeden Morgen ab sieben Uhr eine Corona-Sprechstunde.

© Kitty Kleist-Heinrich TSP

Als das Coronavirus sich in Deutschland ausbreitet, sind die fast 45.000 niedergelassenen Ärzte die ersten, die mit den Fragen und Ängsten der Menschen konfrontiert werden. Seit dem 6. April sind sie zudem Teil der nationalen Impfstrategie. Die Fragen der Menschen sind dadurch nicht weniger geworden, die Anrufe auch nicht und die Arbeit ist es erst recht nicht.

Bei einem positiven Corona-Test ordnen die Gesundheitsämter Quarantäne an. Dass Menschen mit ihren Ängsten dann womöglich allein zu Hause liegen, sei das Schlimmste an allem, sagt Ulrike Leimer-Lipke. „Die Corona-Patienten, die ich betreue, müssen mich täglich anrufen und mir den Verlauf der Krankheit beschreiben.“ Das nehme ihnen viel von der Angst. „Vielleicht auch durch meine Art, wie ich so bin.“

Nachts träume ich von der Arbeit

Arzthelferin in Ulrike Leimer-Lipkes Praxis

Diese Art hat zu viel Interesse an ihrer Person geführt. Seit das ZDF sie für einen Beitrag im „heute journal“ in ihrer Praxis besuchte, klingelt ihr Handy noch häufiger als ohnehin. Dass noch mehr Aufmerksamkeit auf die Praxis gelenkt wird – auch durch Zeitungsartikel wie diesen –, ist nicht allen, die hier arbeiten, recht. Das lässt die Arzthelferin durchklingen, als ihre Tränen getrocknet sind. Auch an Wochenenden denke sie häufig an die Praxis. Der Spaziergang mit den Hunden reiche nicht, um den Kopf freizukriegen. „Nachts träume ich von der Arbeit.“

In der Praxis von Leimer-Lipke wurden am 14. April die ersten 31 Patienten geimpft. „Dafür blocken wir ein festes Zeitfenster, in dem wir nichts anderes machen“, sagt sie. In dieser Zeit gehe auch niemand ans Telefon, „sonst wäre das nicht mehr zu stemmen.“ Sie wolle zwei zusätzliche Mitarbeiterinnen suchen.

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, da bot Ulrike Leimer-Lipke dem Gesundheitsamt ihre Hilfe bei PCR-Tests an. Seitdem steht das weiße Zelt vor der kleinen Praxis in Lübars. Geht man heute daran vorbei, hört man die Menschen im Innern wegen der Rachenabstriche immer noch würgen – wegen der kostenlosen Bürgertests, die es seit einigen Wochen gibt, noch häufiger als zuvor.

Keine Zeit für Telefonate

37 Schnelltests wird die Arzthelferin an diesem Tag machen. 58 Nachrichten wird sie auf dem Telefon wegdrücken, weil keine Zeit war, dran zu gehen. 124 Patienten werden durch die gläserne Praxis-Eingangstür herein und durch die schwere Metalltür im Wartezimmer wieder herausgegangen sein. „Damit sich die Leute nicht in die Quere kommen, haben wir hier eine Einbahnstraße“, sagt Leimer-Lipke. Nicht immer klappt das. „Nein, da hinten raus“, ruft die Ärztin dann in einem Ton, dass danach jeder dort hinausgeht, wo er hinausgehen soll.

124 Patienten, 37 Schnelltests, 58 weggedrückte Anrufe – ein ganz normaler Corona-Tag in Leimer-Lipkes Praxis.
124 Patienten, 37 Schnelltests, 58 weggedrückte Anrufe – ein ganz normaler Corona-Tag in Leimer-Lipkes Praxis.

© Kitty Kleist-Heinrich TSP

Wenn möglich, sollen die Patienten draußen warten. Drinnen, vor einer Tür, wartet ein Rentner auf seinem Rollator sitzend auf ein Rezept. Daneben auf einem Stuhl eine schwer atmende Frau auf ihre Blutabnahme. Eine Arzthelferin balanciert eine Box mit Schnelltests zwischen ihnen hindurch und weiter nach draußen. Eine andere geht an das klingelnde Telefon. Parallel schellt es an der Tür. Der nächste Patient, ein Mann mit Kopfschmerzen. Er hat den Fernsehbeitrag über die Ärztin gesehen und ist 50 Kilometer mit dem Auto hergefahren.

Die Kopfschmerzen und das Fieber machen ihm Sorgen. Linderung erhofft er sich von Leimer-Lipkes Therapie, die sie „Triple-Therapie“ nennt. Sie erklärt ihm das Prozedere. „Wir machen jetzt einen Abstrich. Wenn der positiv sein sollte, dann holen sie sich diese Medikamente und rufen mich an.“

Eigener Therapie-Cocktail

Sie schiebt ihm Rezepte für einen Blutverdünner, ein Cortison-Präparat und ein Antibiotikum durch den Schlitz unter der Plexiglasscheibe zu. Außerdem einen Zettel mit ihrer privaten Handynummer. „Durch das Virus entstehen Mini-Thrombosen – gegen die hilft der Blutverdünner. Außerdem kann es eine fette Autoimmunreaktion geben – dagegen ist das Cortison. Das Antibiotikum soll gegen bakterielle Lungenentzündungen helfen.“ Gerade sei für ausführliche Erklärungen keine Zeit, das werde sie am Telefon nachholen.

Eine Selbsttherapie mit diesen Medikamenten darf auf keinen Fall durchgeführt werden

Ulrike Leimer-Lipke

Bei einem positiven Test solle der Mann sich einmal täglich zwischen 6 bis 22 Uhr melden, sagt sie. Die Ärztin möchte so den Krankheitsverlauf ihrer Patienten kontrollieren, für sie da sein, ohne dass die Infizierten in die Praxis kommen müssen und gleichzeitig verhindern, dass sie zu spät in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

„Alle Therapien werden nur in ambulant üblichen Dosen eingesetzt“, sagt Leimer-Lipke. „Und nur dann, wenn es der Krankheitsverlauf notwendig macht. Eine Selbsttherapie mit diesen Medikamenten darf auf keinen Fall durchgeführt werden. Bei einer angeleiteten und verantwortungsvollen Verabreichung ist das Risiko aber gering.“

Mehr als tausend Corona-Patienten habe sie seit Mai 2020 behandelt, nur fünf habe sie ins Krankenhaus einweisen lassen, niemand sei gestorben.

Im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung sind in Deutschland 2,6 Prozent aller Menschen gestorben, bei denen eine Infektion nachgewiesen worden ist, schreibt das Robert-Koch-Institut auf seiner Internetseite. Bei tausend Infizierten wären das 26 Tote.

Noch keine belastbaren Zahlen

Ulrike Leimer-Lipke ist davon überzeugt, einen Weg gefunden zu haben, die Wahrscheinlichkeit zu reduzieren, dass Menschen ins Krankenhaus müssen, vielleicht auch, dass Menschen sterben. Gemeinsam mit anderen Kollegen wolle sie das in einer Studie beweisen. Belastbar sind ihre Zahlen derzeit nicht.

Die Krankheitsverläufe von Infizierten sind von mehreren Faktoren abhängig. Von Vorerkrankungen, dem Geschlecht, dem Alter, der Herkunft. Menschen in Lübars sind vergleichsweise wohlhabend, vielleicht leben sie gesünder.

Das Immunsystem der meisten Menschen kann das Virus abwehren, die Gabe von Cortison schwächt das Immunsystem hingegen

Thomas Schneider, Infektiologe an der Charité

Professor Thomas Schneider, Leiter der Infektiologie am Benjamin-Franklin-Campus der Charité bezeichnet die Zahlen der Ärztin als „das Normale widerspiegelnd“ und ihr Vorgehen als „gefährlich“. Sie handle damit gegen anerkannte Studienerkenntnisse.

Telefonisch mit den Patienten in Kontakt zu bleiben, sei dagegen eine sehr gute Idee der Ärztin, allerdings sei die Gabe von Medikamenten auf Grundlage von Telefonaten wiederum keine gute Entscheidung. „Man sollte keinem Covid-Patienten Cortison geben, den man nicht vor sich hat“, sagt Schneider. „Das Immunsystem der meisten Menschen kann das Virus abwehren, die Gabe von Cortison schwächt das Immunsystem hingegen.“

Anstehen für den Covid-19-Test.
Anstehen für den Covid-19-Test.

© Lukas Wittland

Paradoxerweise sei nachgewiesen, dass es bei Menschen, die schwer erkrankt sind, helfe, sagt Thomas Schneider. „Wenn das Immunsystem mit dem Virus nicht fertig wird und eine überschießende Immunantwort entwickelt, kann man den Patienten Cortison geben, ansonsten tut man ihnen mit dem Medikament nichts Gutes.“ Im Gegenteil. Nach der Gabe könne die Situation innerhalb einer Stunde umkippen. Covid-Patienten sollten Cortison nur stationär – dort, wo man sie beobachten könne – verabreicht bekommen.

Mehr Arbeit für die Kliniken?

Auch die Verabreichung von Antibiotika sieht er kritisch. Präventiv seien sie anfangs auch in Kliniken gegeben worden – zum Schutz vor bakteriellen Lungenentzündungen. „Es hat sich herausgestellt, dass der Einsatz nicht sinnvoll ist. Fast keiner der Patienten hatte anfangs eine bakterielle Infektion. Man erreicht damit nur, dass sich Resistenzen entwickeln. Das erschwert uns dann in der Klinik eher die Arbeit.“

„Wenn jemand blutet, dann haue ich doch erst mal egal welches Pflaster drauf.“
„Wenn jemand blutet, dann haue ich doch erst mal egal welches Pflaster drauf.“

© Kitty Kleist-Heinrich TSP

Sie und ihre Kollegin hätten seit Beginn der Pandemie alle Studien gelesen, verteidigt Ulrike Leimer-Lipke ihre Therapie. Bei verantwortungsvoller Verabreichung seien die Risiken gering. „Manchmal kommst du dir in Deutschland vor wie ein Notarzt, der einen blutenden Patienten vor sich liegen hat, ihn aber verbluten lassen soll, weil das Pflaster noch keinen Stempel hat“, sagt sie. „Wenn jemand blutet, dann haue ich doch erst mal egal welches Pflaster drauf. Wenn ich dabei zufällig merke, das Zeug ist geil – umso besser.“

Sie spreche mit allen Patienten, um Vorerkrankungen zu identifizieren. Die Kopfschmerzen der Patienten würden sich bessern, das Fieber würde sinken und das Atmen wieder leichter. „Bei allem, was wir tun, stehen wir außerdem in engem Austausch mit der Klinik in Buch.“ Infektiologe Thomas Schneider sagt, das Bestreben von Ulrike Leimer-Lipke, auf eine Zusammenarbeit von Hausärzten und Kliniken zu setzen, finde er richtig. „Allerdings nicht auf der Basis dieser drei Medikamente.“

Die Menschen in Deutschland haben Angst, Verantwortung zu tragen.

Ulrike Leimer-Lipke

Es sei richtig, dass neue Mittel vor der Zulassung intensiv geprüft würden, sagt Leimer-Lipke, aber sie klebe Pflaster, die die Medizin seit hundert Jahren nutze. „Deutschland ist für mich mit Angst verbunden. Die Menschen hier haben Angst, Verantwortung zu tragen.“ Das werfe sie teilweise auch der Politik vor. „Dieses Rumgeeiere“, sagt sie und verdreht die Augen. Rumgeeiere entspricht nicht der Wesensart der Ärztin.

Auch in der Mittagspause, während der Autofahrt zu McDonald’s, steht ihr Handy nicht still. Seit sich das Virus in Deutschland ausgebreitet hat, arbeitet Leimer-Lipke praktisch durchgängig. Urlaub habe sie keinen gemacht, sagt sie, als sie den schwarzen Mercedes-Multivan nach dem Zwischenstopp im Drive-in vor ihrem Haus parkt. Es ist ein großes Haus. „In dem wohnt meine Tochter“, sagt sie, geht vorbei am Porsche durch die Garage in den Anbau, der früher mal als Sporthalle genutzt wurde.

Es hört nie auf: Nach rund sechs Stunden Corona beginnt für Leimer-Lipke die normale Sprechstunde.
Es hört nie auf: Nach rund sechs Stunden Corona beginnt für Leimer-Lipke die normale Sprechstunde.

© Kitty Kleist-Heinrich TSP

Die Wände leuchten violett. In einer Ecke steht ein silbernes Sofa und in einer Nische dahinter ein Bett. Die Ärztin lässt sich auf einen Stuhl am langen Glastisch fallen und blickt durch die Fensterfront in den Garten. „Hier kann ich den Akku wieder aufladen, auch wenn es nur für eine Stunde ist. Aber man ist einfach mal eben raus.“ Die Zigarettenschachtel ist deutlich leerer als zu Beginn des Tages.

„Ich glaube, es sieht jut aus bei ihnen. Machen Sie sich keine Sorgen“, sagt die Ärztin, als das Handy wieder klingelt.

„Das geht immer so“, sagt ihr Mann, Manfred Leimer, der sich mit einem Kaffee und einer Zigarette an den Tisch gesetzt hat. „Teilweise rufen die Leute auch nachts an.“ Ob er sich angesichts dieses Pensums Sorgen um seine Frau macht? „Nein, sie ist halt ein Workaholic. Wir haben mal versucht, dass sie ihre Praxis an Heiligabend nicht öffnet. Das endete fast in einer Depression.“ Sie sei halt Ärztin, sagt er. „Ich glaube nicht, dass man von diesem Beruf wieder wegkommt, wenn man ihn einmal gewählt hat.“

Ulrike Leimer-Lipke blickt auf die Uhr. 15.30 Uhr. Gleich beginnt die normale Sprechstunde. Nur weil es eine Pandemie gibt, sind die Beschwerden ihrer anderen Patienten nicht verschwunden. Sie drückt ihrem Mann einen Kuss auf, bevor sie zurück in die Praxis fährt.

Sie verlässt sie erst wieder, als die Dämmerung einsetzt. Die Ärztin zündet sich eine Zigarette an und inhaliert tief. 19.07 Uhr. „Jetzt reicht es auch. Ich bin durch“, sagt sie. Dann klingelt das Handy. „Lipke“, meldet sie sich krächzend. Sie hat die Liste der Corona-Patienten, die sie jetzt noch anrufen muss, vergessen und öffnet noch einmal die Praxistür.

Zur Startseite