Die Rückverwandlung passiert schleichend

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Nach der Geschlechtsangleichung : "Es hat alles nur schlimmer gemacht"
Alexandra Rojkov
Gefangen. Manche Transmenschen wünschen sich nach der Geschlechtsangleichung ihren alten Körper zurück.
Gefangen. Manche Transmenschen wünschen sich nach der Geschlechtsangleichung ihren alten Körper zurück.Illustration: Irvandy Syafruddin

Der Psychiater plädiert dafür, Betroffene darauf vorzubereiten, dass ihr Umfeld sich abwenden oder die Partnersuche schwierig werden könnte. In jedem Fall solle man sich mit der Entscheidung Zeit lassen. Dass Joachim den Eingriff binnen zehn Monaten durchboxen konnte, obwohl seine Geschichte voller Widersprüche steckt, schockiert Meyenburg. „Ich hätte das auf keinen Fall befürwortet“, sagt er.

Doch niemand stoppt Joachim. Nur zehn Monate nach seinem Besuch bei dem Sexualmediziner wird er in eine Uniklinik eingewiesen und zur Frau operiert.

Nach dem Eingriff erwacht er in einem hellen Raum. Ein Dilator wird ihm eingesetzt, ein Gerät, das seine Vagina weitet. Joachim verbringt die Tage im Bett, raucht, liest Krimis. Er sollte froh sein, aber er ist es nicht. Er spürt kein Glück, nur Leere.

Seine Euphorie ist verflogen. Aus seinem Rausch wird ein Kater.

Joachim, der sich nun Jasmin nennt, wird in eine Reha-Klinik verlegt, wo sich Transmenschen von dem Eingriff erholen. Die Frauen und Männer in der Klinik genießen es, endlich den Körper zu haben, der zu ihnen passt. Joachim dagegen fühlt sich in seinem fremder denn je. „Da saß ich zwischen Althippies in kurzen Kleidchen und dachte: Hilfe, das bin ich nicht.“

Seine Frau packt die Koffer und geht

Seine Brüste fühlen sich an wie ein Fremdkörper. Wenn er in den Spiegel blickt, weiß er nicht mehr, wen er sehen soll. Das Wackelbild, das mal Frau, mal Mann zeigte, ist nun zur Unkenntlichkeit verschwommen.

Die Ärzte, Gutachter und die Trans-Community, mit der er sich online vernetzt, gratulieren ihm zu seiner Entscheidung. Seine Ehefrau nennt ihn „verrückt“. Nach der Operation packt sie ihre Koffer und geht. Joachim versucht, eine neue Partnerin kennenzulernen. Er meldet sich auf Dating-Plattformen und in Online-Foren an. Vergeblich. „Jede Frau rennt davon, wenn sie sieht, dass da unten nichts mehr ist“, sagt er.

Joachims Freunde rufen nach dem Eingriff nicht mehr zurück. Seine Schwägerin beschimpft ihn: „Wie konntest du das der Familie antun?“ Joachim hofft, wenigstens einen neuen Job zu bekommen. Bei Vorstellungsgesprächen versichert man ihm, Transmenschen würden bei gleicher Qualifikation bevorzugt behandelt. Doch er hört nie wieder von den Firmen.

Auch körperlich geht es ihm nach dem Eingriff schlecht. Wegen eines Harnverschlusses muss er notoperiert werden. Er baut Muskeln ab, kommt schnell aus der Puste. Jeder Spaziergang fällt ihm schwer.

Irgendwann wirft er seine Kleider auf den Müll

Vor dem Eingriff war Joachim innerlich zerrissen. Aber er hatte Freunde und fand immer wieder eine Partnerin, die ihm Sicherheit gab. Nun tuscheln die Menschen auf der Straße, wenn Joachim ihnen entgegenkommt. Er ist zwar eine Frau, aber er ist allein, ausgegrenzt und gebrechlich. Joachim fragt sich: „Was für eine Scheiße hast du da eigentlich gemacht?“

Der Zeitgeist, so sieht es Joachim, hatte ihm suggeriert, dass sich sein Leben als Transfrau verbessern würde. Dass eine Geschlechtsidentität außerhalb der Norm inzwischen akzeptiert sei. Doch Joachims Alltag kann dieses Versprechen nicht halten. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine Lücke.

„Ich erlebte Joachim F. in diesen letzten zwölf Monaten als sehr belastet durch die ungewollte Trennung der Ehefrau und seine Einsamkeit“, schreibt seine Psychologin. „Für mich nachvollziehbar stellt er inzwischen das Konzept Transsexualität ganz infrage.“

Joachims Rückverwandlung passiert schleichend. Irgendwann hört er auf, sich Arme und Beine zu rasieren. Achtet weniger auf seine Figur, kauft Jeans in Größe 42 statt 40. Er zieht seine Absatzschuhe seltener an, schließlich wirft er sie auf den Müll. Dieses Mal will er nichts behalten, nicht einmal seine Kleider. Zum Schluss schneidet er sich die Haare wieder kurz und kehrt zu seiner tiefen Stimmlage zurück. Das Testosteron, das er nimmt, verändert seinen Körperbau. Nun ähnelt er wieder dem Mann, der er vor der Operation war.

„Die Operation hat mir nichts gebracht“

Joachim hat sich zum Rauchen auf den Balkon gesetzt. Er führt eine Strichliste: Gestern waren es 22 Zigaretten, neulich auch mal 15. Es müssen noch weniger werden. Joachim kann sich das Rauchen eigentlich nicht leisten.

Eigentlich kann er sich gar nichts leisten: nicht das Vereinsheim, wo er früher manchmal ein Bier trank. Keine Ausflüge, keinen Kinobesuch. Die Lücke in seinem Lebenslauf und seine Gebrechlichkeit haben die Arbeitssuche noch schwieriger gemacht. In seiner Freizeit liest Joachim die alten Bücher, die in den Regalen stehen, oder schaut Youtube-Videos. Manchmal gönnt er sich eine Packung Schoko-Dominosteine oder Gummibärchen, an Weihnachten backt er Linzer Torte, „zur Feier“.

Joachim sagt, er kenne mehrere Transmenschen, die mit Folgen der Operation kämpften. Einer dieser Bekannten wohnt in einer Kleinstadt in Österreich, die genauso unscheinbar ist wie Joachims Heimatort. Die Möbel in seiner Wohnung sind moderner, aber sein Leben genauso schwierig wie Joachims. Ihre Erfahrungen gleichen sich: Auch dieser Mann wurde nach der Geschlechtsangleichung von seiner Frau verlassen. „Die Operation hat mir nichts gebracht“, resümiert er heute. „Ich habe nur meine Familie verloren.“ Auch er lebt inzwischen wieder als Mann. Ein Trans-Verband schreibt auf Anfrage, man halte Artikel über Menschen, die die Geschlechtsangleichung bereuen, „nicht für sinnvoll“. Evangelikale und konservative Gruppen könnten den Einzelfall zur Regel stilisieren und so „für ihre Zwecke missbrauchen“.

Er will wenigstens seinen Namen wiederhaben

Kein Zweifel: Joachims Schicksal ist die Ausnahme. Und niemand weiß, wie sein Leben ohne den Eingriff verlaufen wäre. Er litt unter seinem männlichen Äußeren und wünschte sich die Operation ausdrücklich. Womöglich würde er den Schritt nicht bereuen, wenn sein Umfeld ihn als Frau angenommen hätte. Es kann sein, dass Joachim unter anderen Umständen glücklich mit seiner Entscheidung wäre.

Die Operation habe Joachim psychisch verändert, schreibt seine Therapeutin in einem neuen Gutachten. Joachim sei mit der Geschlechtsangleichung „der Wunsch abhandengekommen, als Frau zu leben“.

Joachim hat die Psychologin um das Schreiben gebeten. Er will, dass die Behörden ihn künftig wieder als Mann führen. Seinen männlichen Körper bekommt er nicht zurück. Aber er will wenigstens seinen Namen wiederhaben.

Das Gericht gibt Joachims Wunsch statt. Am 31. Juli 2017, drei Jahre nach der geschlechtsangleichenden Operation, wird aus Jasmin offiziell wieder Joachim.

Dieser Termin steht nicht mehr in seinem Kalender. Joachim hat aufgehört, ihn zu führen.

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