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Neu im Kino: Tragikomödie „Rental Family“: Brendan Fraser allein in Tokio
Andere Länder, andere Sitten. In Japan kann man einen Vater mieten. Welche moralischen Probleme so ein Engagement mit sich bringen kann, zeigt die Tragikomödie „Rental Family“ amüsant und rührend.
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Einsamkeit ist ein weit verbreitetes Problem. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation fühlt sich jeder sechste Mensch auf der Welt einsam. In Japan verspricht ein ungewöhnliches Geschäftsmodell Abhilfe. Agenturen vermitteln gegen Bezahlung Menschen, die als Familienmitglieder, Partner oder Freunde menschliche Nähe simulieren.
Regisseur Werner Herzog drehte darüber das dokumentarisch anmutende Drama „Family Romance, LLC“. Nun hat die japanische Filmemacherin Hikari („Tokyo Vice“) das Thema in der Tragikomödie „Rental Family“ – deutsch: Leihfamilie – verarbeitet.
„Wie leiht man eine Familie?“
Oscar-Gewinner Brendan Fraser („The Whale“) spielt die Hauptrolle. Das Drehbuch habe ihn sofort überzeugt: „Was ist eine Leihfamilie? Wie leiht man eine Familie?“ – das seien seine ersten Gedanken gewesen, als er von dem Projekt erfahren habe, sagte Fraser der Deutschen Presse-Agentur in London. „Es ist ein funktionierendes Geschäftsmodell, das einen gesellschaftlichen Zweck erfüllt. Es schließt soziale Lücken und erfüllt Bedürfnisse nach Verbindung.“
Auch in einer Millionenstadt wie Tokio könne man sich allein fühlen. Darunter litten vor allem ältere Menschen. „Wenn jemand sich zu ihnen setzt und zuhört oder sich eine Stunde lang die Haare bürsten lässt, klingt das vielleicht ungewöhnlich oder ein wenig merkwürdig, aber es ist zweifellos interessant.“ In „Rental Family“ gehe es um den Moment, in dem die Grenzen zwischen Lebensrealität und gemieteter Fantasie verschwimmen.
Ein trauriger Amerikaner in Tokio
Fraser ist Phillip Vandarpleog, ein amerikanischer Schauspieler, der seit langem in Tokio lebt und dort sehr einsam ist. Durch einen schrillen Werbespot für eine Zahnpasta, in dem er mit einer überdimensionalen Zahnbürste gegen Karies kämpft, wurde sein Gesicht landesweit bekannt. Während Phillip auf eine bedeutende Rolle wartet, nimmt er kleine, belanglose Parts an.
So willigt er ein, einen „traurigen Amerikaner“ auf einer Beerdigung zu spielen. Zu seiner Überraschung handelt es sich nicht um einen Film. Phillip ist tatsächlich Gast auf einer Trauerfeier - die jedoch einen kuriosen Verlauf nimmt. Nach emotionalen Trauerreden steht der vermeintlich Verstorbene aus dem Sarg auf und bedankt sich überglücklich und gerührt. Er hatte das Erlebnis bei einer Firma namens „Rental Family“ gebucht.
Der Inhaber von Rental Family, Shinji Tada (Takehiro Hira, „Pflicht und Schande“), bietet Phillip ein langfristiges Engagement an. Mangels Alternativen sagt er zu. Kollegin Aiko (Mari Yamamoto, „Pachinko“) weist ihn ein und nach anfänglichen moralischen Bedenken erkennt er bald einen tieferen Sinn.
Ein gemieteter Vater auf Zeit
Phillip gibt den Bräutigam auf einer falschen Hochzeit, die nur für die Eltern der lesbischen Braut ausgerichtet wird, oder einen Freund für einen Mann, der seine Wohnung nicht verlassen mag und jemanden zum Videospielen sucht. Er hilft den Kunden, sie geben seinem Leben einen Sinn.
Der einsame Ausländer spielt einen US-Reporter, der den alternden japanischen Filmstar Kikuo Hasegawa (grandios: Akira Emoto) interviewen soll. Dessen Tochter hat Rental Family engagiert, weil ihr Vater an beginnender Demenz leidet und Angst davor hat, in Vergessenheit zu geraten. Kompliziert wird es, als Kikuo - gegen den Willen seiner Tochter - mit Phillip eine Reise zu seinem Heimatort unternehmen will.
Weitere Probleme drohen, als eine Klientin (Shino Shinozaki) Phillip bucht, um sich als der seit Langem abwesende Vater ihrer elfjährigen Tochter auszugeben. Um das Auswahlkomitee einer elitären Privatschule davon zu überzeugen, die kleine Mia (Shannon Mahina Gorman) aufzunehmen, will sie eine perfekte Familie simulieren. Mia ist nicht in den Schwindel eingeweiht. Bald entwickelt sie Gefühle für ihren so lange vermissten, angeblichen Vater. Phillip empfindet ähnlich. Doch das Engagement ist zeitlich begrenzt.
Der traurige Blick ist Frasers Spezialität
Phillip sei teilweise von ihrer eigenen Geschichte inspiriert, erzählt Regisseurin und Autorin Hikari alias Kiyoka Miyazaki. „Das bin ich. Als ich mit 17 oder 18 nach Amerika kam, lebte ich in Utah. Dort leben fast ausschließlich weiße Menschen. Sechs Monate lang kannte ich keinen einzigen Asiaten. Der einzige Mensch in diesem riesigen Meer von Menschen zu sein, gab mir definitiv dieses Gefühl von Einsamkeit und Isolation.“
In Brendan Fraser hat sie den perfekten Protagonisten für ihre Geschichte gefunden. Seit einigen Jahren ist der traurige Blick Frasers Spezialität. Als Zuschauer kann man einfach nicht anders, als Mitleid mit ihm zu empfinden. Die sympathische, einfühlsame Aura, die Phillip umgibt, strahlt Fraser auch im echten Leben aus. In Interviews verzückt der Kanadier, der demnächst für „Die Mumie 4“ vor der Kamera stehen soll, regelmäßig seine Gesprächspartner.
Einfühlsame Komödie mit viel Herz
Wer zu ahnen glaubt, wie sich die Geschichte entwickelt, liegt wahrscheinlich falsch. „Rental Family“ ist zwar nicht ganz frei von Kitsch. Doch Filmemacherin Hikari, die seit rund 30 Jahren in den USA lebt und hier gleichermaßen die japanische und amerikanische Perspektive einnimmt, verzichtet weitgehend auf die üblichen Hollywood-Klischees. Der Humor ist wohldosiert.
Ihre einfühlsame Komödie, die ganz entfernt an Sofia Coppolas „Lost In Translation“ erinnert, berührt dank ergreifender Darstellungen von Brendan Fraser, Takehiro Hira, der jungen Shannon Mahina Gorman und der japanischen Filmlegende Akira Emoto („Shin Godzilla“). Und sie verzaubert mit schönen Bildern aus einer Welt, die aus westlicher Sicht exotisch oder kurios wirken mag, vor allem aber faszinierend ist. Ein wunderbarer Film.
© dpa-infocom, dpa:260108-930-513008/1
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