800 Millionen Euro erforderlich : Deutsche Wälder sind so bedroht wie seit 200 Jahren nicht mehr

Nach Einschätzung von Experten haben die Waldschäden in Deutschland ein historisches Ausmaß erreicht. Die Gründe sind vielschichtig, die Lösungen kostspielig.

Fatima Abbas
Waldsterben – die Lage ist ernst.
Waldsterben – die Lage ist ernst.Foto: Arne Dedert/dpa

Nicht nur Waldbesitzer sind alarmiert, auch Lokalpolitiker und Verbandsvertreter machen Druck. Am Donnerstag richteten sie in Berlin einen deutlichen Appell: Wenn wir nichts tun, stirbt der Wald, und zwar noch schneller als befürchtet. Michael Müller, Professor für Waldschutz an der TU Dresden, spricht „von der größten Vernichtung seit mehr als 200 Jahren“.

Die Zahlen sind bekannt und könnten schon überholt sein: Im Februar sprach Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) von 160 Millionen Kubikmeter Schadholz und 245.000 Hektar zerstörter Fläche. Die Prognose der Experten: Der Borkenkäfer wird weiter sein Unwesen treiben, die Trockenheit der vergangenen drei Jahre kaum auszugleichen sein.

Die finanziellen Mittel für Aufforstung und den Waldumbau hin zu widerstandsfähigen Mischwäldern seien da, sagte Müller. Es brauche aber passende rechtliche Rahmenbedingungen „und vor allem ausreichend Personal auf allen Ebenen“. Bund und Länder stellen für die kommenden vier Jahre knapp 800 Millionen Euro zusätzlich bereit.

Ähnlich dramatisch wie Müller schildert es auch Peter Gaffert, Oberbürgermeister von Wernigerode in Sachsen-Anhalt. Der Leitspruch „Es grüne die Tanne, es wachse das Erz“ sei längst Geschichte. Zur Demonstration zückt Gaffert ein Foto aus dem Harz. Dort wo einst Fichten wuchsen, ist es nun kahl. „Ein verstörendes Bild. Die Menschen fahren im Zug an verstorbenen Bäumen vorbei.“

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Auch Andreas Bitter, Vorsitzender der Waldschutzorganisation PEFC Deutschland, sieht großen Handlungsbedarf, fordert gar einen „New Green Deal für den Wald“. Es müsse deutlich mehr Mischbestände geben. Was wiederum nicht bedeute, großflächig auf Bäume aus dem Mittelmeerraum umzusteigen. „Wir werden vielleicht auch mal Libanon-Zedern pflanzen.“ Auch Buchen, Eichen, Fichten und Tannen sind im Fokus. Je nach Standort soll also die Artenvielfalt zunehmen.

Was laut Bitter ebenfalls dringend notwendig ist: Mehr Waldpflege, um die Stabilität des Waldes zu erhöhen, und klare Regeln für Maschineneinsätze. Dazu bräuchten die Forstbetriebe ein neues Geschäftsmodell. Das bisherige über Holzerlöse sei nicht mehr zeitgemäß. Seit Ausbruch der Coronakrise sind die Preise wegen weggebrochener Exportmärkte auf einen Tiefstand gesunken, die Forstbetriebe bleiben auf ihrem Holz sitzen.

Deshalb fordert der PEFC-Chef, dass die CO2-Senkleistung des Waldes extra honoriert werde, etwa mit Geld aus dem Klimafonds. Georg Abel von der Verbraucher Initiative e.V. sieht auch die Konsumenten in der Pflicht. Wer mehr Holzprodukte aus nachhaltiger Bewirtschaftung kaufe, sorge mit dafür, dass der Wald sich erhole. (mit dpa)

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