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Kein Job wie jeder andere. Knapp vier Prozent der Berliner Studierenden arbeiten in der Sexbranche. Foto: dapd

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Nebenjob Prostitution: Erst in die Uni, dann ins Bordell

Wie viele bestreitet auch Nadine ihr Studium durch Prostitution – freiwillig. Laut einer Umfrage des Studienkollegs zu Berlin kann sich jeder dritte Berliner Student vorstellen, sein Studium durch Sexarbeit zu finanzieren.

Unter dem Tisch wippen ihre Knie auf und ab, die Hände hält sie ein wenig verkrampft: Nadine ist aufgeregt. Kein Wunder, denn normalerweise redet die 26-Jährige nicht so gerne darüber, dass sie ihren Körper verkauft. Auffallend züchtig gekleidet sitzt sie in einem Charlottenburger Café: grauer Wollpulli, Brille, das braune Haar mit einer Spange hochgesteckt. Typ Geisteswissenschaftlerin, denkt man. Dass die Studentin der Technischen Universität zweimal die Woche in einem Bordell anschaffen geht, würde man nicht vermuten.

„Ich habe mich freiwillig dafür entschieden“, sagt Nadine. Vor gut anderthalb Jahren hat sie angefangen mit der Sexarbeit. Der Grund? Geld. Ihre Eltern konnten sie finanziell nicht unterstützen; das BAföG reichte vorne und hinten nicht. Jetzt verdient Nadine in guten Monaten bis zu 2000 Euro. „Natürlich mach ich’s wegen der Kohle“, sagt sie. „Auf einen Stundenlohn von sieben, acht Euro hatte ich einfach keinen Bock mehr.“

Prostitution als Nebenjob? Für viele Studierende ist das kein Tabuthema mehr. Nach Angaben des Studentenwerks jobben fast drei Viertel der Berliner Studenten neben dem Studium, kellnern, arbeiten auf Messen oder als HiWi an der Uni. Zwei Drittel der erwerbstätigen Studierenden sind auf diese Jobs angewiesen, sie bestreiten so ihren Lebensunterhalt. Im Durchschnitt verdienen sie 391 Euro pro Monat. So viel wie Nadine an einem guten Abend. Kein Wunder also, dass vielen ein Nebenverdienst in der Sexarbeit immer attraktiver erscheint. Zumindest besagt das eine Umfrage des Studienkollegs zu Berlin, bei der 3200 Berliner Studenten befragt wurden. Demnach kann sich jeder Dritte vorstellen, sein Studium zu finanzieren, indem er strippt, im Escort-Service arbeitet oder klassisch in Bordellen oder Clubs.

„Vorstellen kann man sich eine Menge, es dann aber auch zu tun, ist eine ganz andere Geschichte“, sagt Alexandra Aden. Sie arbeitete neben ihrem Kulturwissenschafts-Studium sechs Jahre lang im Rotlichtmilieu. In ihrer Autobiografie „Und nach der Vorlesung ins Bordell“ hat sie diese Zeit sehr nüchtern beschrieben. Und somit dazu beigetragen, dass Prostitution heute zunehmend als Dienstleistung wahrgenommen wird.

Neun Jahre ist es her, dass die rot-grüne Regierung 2002 die „Sittenwidrigkeit“ der Prostitution aufgehoben hat. Kritiker warnten damals davor, dass das Gesetz die Prostitution verharmlose und sowohl Zuhältern als auch Freiern in die Karten spiele. Aus Sicht von Mechthild Eickel sind diese Vorhersagen nicht eingetreten.

Sie ist der Meinung, dass Sexarbeit ihr Schmuddelimage mehr und mehr verliert. „Gerade junge Leute gehen lockerer und unaufgeregter mit dem Thema um“, sagt das Vorstandsmitglied des Bufas e. V., einem bundesweiten Zusammenschluss von Beratungsstellen für Sexarbeiter, zu dem auch der Kreuzberger Hydra e. V. gehört. „Unter den Frauen, die wir betreuen, sind aber nur wenige Studentinnen“, sagt Simone Wiegratz von Hydra. Für Mechthild Eickel liegt der Grund dafür auf der Hand: „Studentinnen sind meistens selbst in der Lage, zu sagen, was sie wollen oder nicht.“

Zu entscheiden, was sie will und was nicht – das war für Nadine zu Beginn gar nicht so leicht. „Ich wusste ja gar nicht, was auf mich zukommt.“ Sie habe sich einfach auf eine Anzeige gemeldet. Gesucht wurden „Modelle“, die in einem „märchenhaften Ambiente“ arbeiten würden. Gleich am ersten Abend ging sie mit einem Freier aufs Zimmer. „Klar hat mich das Überwindung gekostet“, sagt sie. „Aber es war auch eine gewisse Neugierde da.“ Mittlerweile habe sich alles eingepegelt, sagt Nadine. Sie hat ihre Stammkunden, für das Zimmer zahlt sie Miete, die Arbeitszeiten lassen sich gut mit Vorlesungen und Seminaren vereinbaren. Tagsüber in die Bibliothek, nachts ins Bordell. Ein ganz normaler Job also?

So einfach ist es nicht. Allein dass Nadine ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, zeigt: Teilzeithure ist kein Nebenjob wie jeder andere. Nadine führt ein Doppelleben, versucht ihre Tätigkeit geheim zu halten. Einige Freundinnen, denen sich Nadine anvertraut hat, haben sich von ihr abgewendet. „Ich bin vorsichtiger geworden“, sagt sie. Auch wenn sich Nadine nicht schämt für das, was sie tut, hat sie doch Angst davor, stigmatisiert zu werden.

„In den Köpfen der meisten Leute ist es immer noch unvorstellbar, dass eine gebildete, kultivierte Frau freiwillig anschaffen geht“, sagt Sonia Rossi. In ihrem Bestseller „Fucking Berlin“ hat die gebürtige Sizilianerin davon erzählt, wie sie fünf Jahre lang ihren Körper verkaufte, um ihr Mathematikstudium zu finanzieren. Genauso wie Nadine tat auch sie es freiwillig, ohne Zuhälter – und widersprach damit dem Klischee von der drogenabhängigen Hure, die gezwungen wird auf den Straßenstrich zu gehen. Straßenprostitution habe mit der Arbeit in festen Etablissements wie Saunaclubs oder Massagesalons aber gar nichts zu tun, sagt Alexandra Aden. Das sei, als ob man „Birnen mit Äpfeln“ vergleiche.

Doch obwohl sich das Bild von der Prostitution gewandelt hat und der Zugang zu Jobs über Portale wie gesext.de immer einfacher wird, scheint die Hemmschwelle, Geld mit Sex zu verdienen, unverändert zu bestehen. Denn tatsächlich sind nur 3,7 Prozent der Berliner Studenten in der Sexarbeit tätig, jeder dritte davon ist verschuldet.

Finanzielle Sorgen hat Nadine nicht mehr. „Man gewöhnt sich schnell an das Geld“, sagt sie. Doch darin besteht auch die Gefahr. Denn der Ausstieg aus dem Geschäft kann schwerer fallen als der Einstieg, weiß Alexandra Aden. Nach der Uni wollte sie eigentlich aufhören, fand zunächst jedoch keinen Job und ging wieder anschaffen, weil sie ihren Lebensstandard nicht missen wollte. Heute hat sie das Rotlichtmilieu hinter sich gelassen. Sie promoviert und arbeitet als Kulturmanagerin.

Nadine will so lange im Bordell anschaffen, bis sie ihr Studium abgeschlossen hat. Dann sei aber Schluss, sagt sie. Was sie danach machen will, weiß sie noch nicht. Ein Buch über ihr Leben als Teilzeithure plant sie jedenfalls nicht.

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