Hinduismus in Indien : Frauen betreten heiligen Tempel trotz heftiger Proteste

Der Zutritt zum Sabarimala-Tempel in Kerala war Frauen lange verboten. Eine Gerichtsentscheidung änderte das – und rief extremistische Hindus auf den Plan.

Frauen verschaffen sich unter Polizeischutz Zutritt zu einem Hindu-Tempel. Am Mittwoch betraten sie auch den Sabarimala-Tempel in Kerala
Frauen verschaffen sich unter Polizeischutz Zutritt zu einem Hindu-Tempel. Am Mittwoch betraten sie auch den Sabarimala-Tempel in...Foto: AFP

In Indien haben zwei Frauen am Mittwoch einen der heiligsten Hindu-Schreine betreten und damit ihr Recht auf Gleichbehandlung eingefordert. Wie indische Medien berichteten, gelang es Bindu und Kanaka Durga in Begleitung von Polizisten und im Schutz der Dunkelheit, extremistischer Hindus zu umgehen, die seit Wochen den Sabarimala-Tempel in Kerala in eine Festung verwandelt haben. Sie wehren sich gegen die Aufhebung des Besuchsverbots für Frauen durch das Oberste Gericht des Landes.

Die beiden in schwarze Tücher gehüllte Frauen betraten das Heiligtum auf einem Hügel im südlichen Bundesstaat Kerala nicht über die 18 Stufen, die die Gläubigen normalerweise gehen, sondern wurden über einen Hintereingang zum Beten in das Gebäude gebracht. Nachdem Videoaufnahmen von ihrem Besuch publik wurden, kam es am Tempel zu Protesten. Kurz nach Bekanntwerden der Aktion ordnete der oberste Priester die Schließung des Tempels an, um ein „Reinigungsritual“ vorzunehmen. Nach einer Stunde wurde er wieder geöffnet.

Die meisten Tempel erlauben Frauen den Zutritt

Der Tradition nach dürfen Frauen zwischen zehn und 50 Jahren den vergoldeten Tempel nicht betreten, weil die dort verehrte Gottheit als unverheiratet gilt und Gläubige eine „Verführung“ fürchten. Im September 2018 erklärte jedoch das Oberste Gericht Indiens nach einem jahrelangen Rechtsstreit, die Praxis verstoße gegen die von der Verfassung garantierte Gleichbehandlung von Männern und Frauen. Zahlreiche Frauen hatten danach versucht, den in einem Wald gelegenen Tempel zu erreichen und zu dem Schrein für den Gott Ayyappa zu gelangen. Sie wurden jedoch von aufgebrachten Hindu-Aktivisten davon abgehalten. Im Oktober kam es zu Ausschreitungen zwischen Verbotsbefürwortern und der Polizei, 2000 Menschen wurden festgenommen.

Am Dienstag hatten Zehntausende Frauen in Kerala eine Menschenkette gebildet, um gegen das Tempel-Verbot zu protestieren. Die meisten Tempel in Indien erlauben den Besuch von Frauen und setzen keine strikten Altersregeln wie der Sabarimala-Tempel. Allerdings gibt es mehrere berühmte Tempel, die ein Frauenverbot aufrecht erhalten.

Gegen die Entscheidung des Obersten Gerichts legten zahlreiche konservative Hindu-Bewegungen sowie die hinduistisch-nationalistische Bharatiya Janata Partei (BJP) von Regierungschef Narendra Modi Widerspruch ein. Sie fechten das Urteil mit der Begründung an, es ignoriere die traditionelle Überzeugung, wonach Ayyappa im Zölibat lebte. Für den 22. Januar ist eine Gerichtsanhörung der Urteilsgegner vorgesehen. (epd, AFP)

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