Okjökull wegen der Erderwärmung geschmolzen : Gletscher auf Island für „tot“ erklärt

Der Gletscher Okjökull ist für immer verschwunden. Grund ist der globale Temperaturanstieg. Eine Plakette erinnert nun an ihn und warnt vor dem Klimawandel.

Ein Mädchen hält ein Schild mit der Aufschrift "Zieh die Notbremse" auf dem Okjökull.
Ein Mädchen hält ein Schild mit der Aufschrift "Zieh die Notbremse" auf dem Okjökull.Foto: Felipe Dana/AP/dpa

Mit einer Gedenktafel für den durch den Klimawandel verschwundenen Gletscher Okjökull hat Island auf die Folgen der durch den Menschen verursachten Erderwärmung aufmerksam gemacht. Die Plakette wurde am Sonntag in dem felsigen Gebiet im Westen des Inselstaates enthüllt, auf dem sich früher der Gletscher erstreckt hatte. Es ist der erste Gletscher Islands, der wegen des gegenwärtigen Klimawandels verschwand.

Das Verschwinden eines Gletschers

  • 1890 erstreckte sich der Okjökull noch auf einer Fläche von 38 Quadratkilometern.
  • Die Eisschicht des Okjökull war mehr als 50 Meter dick.
  • Der Okjökull war 2012 laut einem Bericht der Universität von Island auf 0,7 Quadratkilometer geschrumpft.
  • Im Jahr 2014 verlor der Okjökull seinen Status als Gletscher.

"Ich hoffe, dass diese Zeremonie als Inspirationsquelle nicht nur für uns hier in Island, sondern auch für den Rest der Welt dient", sagte die isländische Ministerpräsidentin Katrin Jakobsdottir. Schließlich sei hier "ein Gesicht der Klimakrise" zu sehen. An der Zeremonie nahmen auch die frühere UN-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson sowie zahlreiche isländische Forscher und Wissenschaftler der Rice University in den USA teil, die das Anbringen der Gedenktafel initiiert hatten.

Gletscher: Gefährdete Eisriesen

  • Rund 400 Gletscher auf Island sind vom Klimawandel und der zunehmenden Erwärmung bedroht.
  • Auch der größte Gletscher Europas, der Vatnajökull, befindet sich auf Island.
  • Gletscher sind wichtige Wasserspeicher. In Island bedecken sie etwa elf Prozent der Oberfläche.
  • Auch in anderen Erdgebieten wie etwa in den Alpen und im Himalaya schmelzen die Gletscher Studien zufolge drastisch ab.

Auf der Bronzetafel steht auf isländisch und englisch ein "Brief an die Zukunft", der für die Folgen des Klimawandels und der Gletscherschmelze sensibilisieren soll. Darin heißt es an künftige Generationen gerichtet: "All unsere Gletscher werden im Lauf der nächsten 200 Jahre das selbe Schicksal erfahren. Dieses Denkmal bezeugt, dass wir wissen, was passiert und was getan werden muss. Ihr allein wisst, ob wir es getan haben." Auf der Tafel ist zudem die im Mai gemessene CO2-Konzentration von 415 Teilen pro Million (ppm) vermerkt. Dies war der höchste jemals gemessene Kohlendioxid-Gehalt in der Erdatmosphäre.

Einen Gletscher verschwinden zu sehen, sei eine "ziemlich visuelle" und spürbare Erfahrung, die ein Mensch verstehe, sagte Julien Weiss, Aerodynamik-Professor an der Technischen Universität Berlin, der Nachrichtenagentur AFP. Der Klimawandel sei sonst nicht auf diese Weise im alltäglichen Leben zu erleben, da er sich aus der Perspektive eines Menschen sehr langsam, aus erdgeschichtlicher Sicht allerdings sehr schnell vollziehe, hob Weiss hervor, der zu der Zeremonie mit seiner Frau und seinem siebenjährigen Sohn angereist war.

Hintergrund: Warum schmelzen Gletscher?

Ein großes Problem für Gletscher ist Feinstaub. Die Partikel werden vom Wind über große Strecken getragen. Besonders wirksam ist Ruß. Diese kleinen schwarzen Teilchen entstehen bei der Verbrennung von Diesel, Öl und Kohle, aber auch von Holz und anderer Biomasse. Lagern sie sich auf Gletschern ab, verringert sich deren Fähigkeit, Sonnenstrahlen zu reflektieren. Dadurch erwärmt sich das Eis.

Dunkle Flächen beschleunigen die Eisschmelze

Das Rückstrahlvermögen, auch als Albedo bezeichnet, ist eine wichtige Eigenschaft von Gletschern. Bei Neuschnee liegt sie bei rund 90 Prozent. Zusammengedrückter und teils nasser Sommerschnee kommt auf rund 60 Prozent. Mit Ruß verschmutztes Eis habe nur noch 40 Prozent, sagt Konrad Steffen, Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im schweizerischen Birmensdorf. „Je mehr Partikel angeweht werden, umso dunkler wird der Gletscher und damit anfälliger fürs Schmelzen. In der Arktis beobachten wir, dass die Menge insbesondere bei Rußpartikeln seit einiger Zeit ansteigt“, sagt Steffen. So habe es im vergangenen Jahr große Waldbrände in Alaska gegeben, deren Ruß über tausende Kilometer bis nach Grönland flog und dort die Albedo des Eisschildes um fünf Prozent verringert habe.

Feinstaub einer der wichtigsten Verstärkungsfaktoren des Klimawandels

Dies geschehe jedenfalls zu selten, um den Schmutzeffekt auszugleichen. „Die Verringerung der Albedo durch Partikel ist nach der Abnahme der Meereisbedeckung einer der wichtigsten Verstärkungsfaktoren beim Klimawandel in den arktischen Gebieten wie auch in den Alpen“, sagt Steffen. Forscher erwarten als Folge der albedobedingten Erwärmung und des Schmelzens sogar einen zwei- bis dreimal so hohen Temperaturanstieg im Vergleich zum globalen Mittel. Das würde dann das Schmelzen weiter verstärken, mehr dunkler Boden, der sich dann mehr erwärmen kann, würde freigelegt, und so weiter. „Wenn wir im Schnitt zwei bis drei Grad mehr bekommen, wird es in diesen Gebieten vier bis sechs Grad wärmer.“ Dies gelte auch für die Alpen.

Alpen 2100: Gletscherschmelze bis zu 90 Prozent

Für dieses Gebirge rechnen Fachleute infolgedessen mit einem Rückgang der Gletscher von 60 bis 90 Prozent bis zum Ende des Jahrhunderts. Sie wären damit deutlich stärker betroffen als andere Regionen der Erde. Ein Grund dafür sei, dass bei den Alpengletschern der staubbedingte Rückgang der Albedo stärker ausfallen werde als etwa beim Grönländischen Eisschild, sagt Steffen. Zum einen würden die Sommer trockener, weshalb es seltener Neuschnee geben werde.

Zum anderen gebe es diverse Feinstaubquellen in der Umgebung: Industrieanlagen, Siedlungen mit Autos und Heizungen und Landwirtschaft, wo Boden aufgewirbelt wird. Selbst aus der Sahara kommen bei bestimmten Wetterlagen beträchtliche Mengen Staub. (AFP, Tsp)

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