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Beängstigend: Die gescannte Oberfläche eines realen Gesichts wird in das Gerät eingegeben, das eine flexible Maske auswirft.
© TU-Pressestelle/Dahl

Technischer Fortschritt: Revolution aus dem Drucker

Die bierkistengroßen Drucker kosten nur 1700 Euro und können Tassen, Löffel, Lampen oder Schusswaffen herstellen. Damit könnte eines Tages die Massenproduktion überflüssig werden. Ein Architekt will sogar ein Gebäude damit bauen.

Im New Yorker East Village wurde schon immer Geschichte geschrieben. Hier wurde der Punk geboren, Andy Warhol erfand die Pop-Art, und ein revolutionärer Geist weht heute durch die Straßen, auch wenn diese längst von Designer-Boutiquen gesäumt sind. Der aktuelle Trendsetter heißt Bre Pettis. In einer kleinen Galerie an der Mulberry Street verkauft er 3-D-Drucker – sie sollen die nächste industrielle Revolution einleiten.

Dabei geht es bei „MakerBot“ – so heißt der Laden – recht beschaulich zu. Fast lautlos surren Roboter über ihre Arbeitsplatten, spritzen hauchdünne Plastikschichten aus und lassen die unterschiedlichsten Dinge entstehen: ein winziges Modell des Empire State Building, einen Armreif, eine Schraube samt Mutter, ein Lesezeichen und vieles mehr. Was das mit Revolution zu tun hat? Für den 40-jährigen Pettis ist das gar keine Frage: „Was die Erfindung des Desktop-Publishing für die Medien war, ist das Desktop-Manufacturing für die fertigende Industrie.“

„Desktop-Manufacturing“ ist das Stichwort. Mit einem 3-D-Drucker – das derzeit beste Modell ist der „Replicator 2“, der sich im East Village bei der befremdlichen Arbeit zuschauen lässt – können Bastler zuhause auf dem Schreibtisch Produkte ausdrucken wie bisher Texte und Bilder. Das Gerät ist so groß wie ein Bierkasten. Es zieht Energie aus der Steckdose und Informationen von einem Speicherchip, wie er in jeder Digitalkamera steckt. „Wer einen ganz normalen Printer bedienen kann, der kann auch in 3-D drucken“, meint Adam Lederfarb, der als Verkäufer bei MakerBot arbeitet.

Wenn an der Schreibtischlampe der Schalter fehlt oder bei der Bohrmaschine ein Schräubchen, muss man künftig nicht mehr in den Fachhandel gehen und unter großem Aufwand ein Ersatzteil bestellen. Recht schnell könnte man, so sagt Lederfarb, die jeweilige Druckvorlage auf des Herstellers Webseite finden und direkt ausdrucken – ein kleines Teil könnte in wenigen Minuten fertig sein.

Fehlt im Bad ein Zahnbürstenständer? Brauchen die Kids einen neuen Legostein? Sollte die Wanduhr nach vielen Jahren ein neues Zifferblatt bekommen? Kreative User können mit dem Replicator – Stückpreis etwa 2200 Dollar – in kürzester Zeit Modelle entwerfen und herstellen. Eine neue Schutzhülle für das iPhone kann in einer halben Stunde fertig sein. „Bis in ein paar Jahren kann man vielleicht ein ganzes iPhone ausdrucken“, fantasiert Lederfarb.

Wie realistisch sind die Träume?

Das ist natürlich Unsinn. Denn bisher spritzt der Replicator nur Plastik, und nur in einer Farbe pro Druckvorgang. Damit sind der Technologie erhebliche Grenzen gesetzt. Bei MakerBot geht man zwar davon aus, dass die Drucker bis in zehn Jahren auch Metall verarbeiten können. Aber komplexe Geräte wie ein Handy herzustellen, mit vielen Materialien und hochkomplizierten Speicherchips, wird auch langfristig den Spezialisten vorbehalten sein.

So behaupten einige, sie hätten schon Schusswaffenteile hergestellt und ein Architekt brüstet sich sogar, er wolle ein ganzes Gebäude herstellen.

Ob das wirklich geht, wird sich herausstellen. Denn selbst für den Hausgebrauch ist erhebliche Fachkenntnis nötig. Wer nicht nur fremde Entwürfe ausdrucken will, muss sich mit Design-Software auskennen. Selbst relativ einfache Programme wie Sketchup und Blender sind nichts für Anfänger, komplizierte Entwürfe lassen sich nur mit AutoCad-Software umsetzen, dem Standardprogramm für Ingenieure. Damit steht der Hobbydrucker vor einer gewaltigen Herausforderung, weshalb etwa Hightech-Investor Barry Randall nicht an den großen Erfolg beim Verbraucher glauben mag.

Bisher ist der Replicator eher ein Spielzeug für Tüftler, die Prototypen bauen, für Künstler und für Bastler, die allen möglichen Kitsch drucken möchten. Im MakerBot-Laden kann man Plastik-Autos und Plastik-Hubschrauber kaufen, es gibt einen Plastik-Buddha, jede Menge Plastik-Obamas und Plastik- Schneeflocken für den Weihnachtsbaum. Brauchen tut man das alles nicht. Tristan Hinds, der seit Oktober für MakerBot arbeitet, hat seinen eigenen Kopf gescannt und als Modell drucken lassen. Das sieht lustig aus, und ist für den 24-Jährigen ein stolzes Erstlingswerk. Seither hat er ein paar Schlüsselanhänger gedruckt, zur Zeit arbeitet er an einer Krawatte zum Anstecken. „Ein wichtiges Produkt habe ich noch nicht entdeckt“, gesteht er. „Ich bin eher der kreative Typ.“

Tüftler und Kreative, das sind zur Zeit die Kunden von MakerBot, wo man immerhin drei bis vier Drucker pro Tag verkauft. Irgendwie passt diese Klientel auch. Denn ob Punk oder Popart, die Revolutionen im East Village hatten immer mehr mit Kunst zu tun als mit Kommerz.

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