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Der Autozug über den Hindenburgdamm ist den Syltern heilig.

© dpa

Autozug nach Sylt: Streit auf dem Hindenburgdamm

Ein US-Eisenbahnunternehmen konkurriert mit der Deutschen Bahn um die Autozüge nach Sylt. Die Einwohner der Ferieninsel befürchten Beeinträchtigungen für den Tourismus – und wehren sich

Wenn alles glatt läuft, dauert die Fahrt mit dem Autozug nach Sylt nur eine gute halbe Stunde. In Niebüll auf dem Festland kurz vor der Grenze zu Dänemark werden die Wagen aufgeladen, dann geht es über den Hindenburgdamm auf die Insel. Der Syltshuttle fährt durch die Ortschaften Kleinmorsum, Grossmorsum, Archsum und Tinnum bis nach Westerland. Dort werden die Waggons wieder entladen. Hin- und Rückfahrt kosten momentan 90 Euro. Wer in Sylt wohnt, bekommt das Ticket sogar ein bisschen billiger. Fahrer und Mitfahrer dürfen während der Zugfahrt über den Hindenburgdamm im Auto sitzen bleiben. Seit den fünfziger Jahren geht das schon so, jeden Tag.

Doch das Bahn-Idyll auf Deutschlands beliebtester Ferieninsel ist bedroht. Denn durch die Privatisierung der Deutschen Bahn werden alle Strecken im Abstand von fünf Jahren von der Bundesnetzagentur neu ausgeschrieben. So auch die Strecke für den Autozug zwischen Niebüll und Westerland, die wegen Sylts Beliebtheit bei Touristen seit jeher als besonders profitable Strecke gilt. Nun macht die „Railroad Development Cooperation“ (RDC), ein amerikanisches Eisenbahn- Unternehmen, der Deutschen Bahn den Autotransport über die Bilderbuchstrecke streitig. Bei der letzten Ausschreibung legte sie das beste Angebot vor und bekam 22 Überfahrten pro Tag zugesprochen. Wer die restlichen Fahrten übernimmt, entscheidet sich im Laufe des Jahres. Ab Dezember will die RDC die Strecke mit eigenen Autozügen befahren.

Was sich nach einer logischen Konsequenz der Bahn Privatisierung anhört, versetzt jedoch die Bevölkerung der Nordseeinsel Sylt in Aufruhr. Seit Wochen laufen Lokalzeitungen und Bürgergruppen der 15000-Einwohner-Insel Sturm gegen das Vorhaben der RDC. „Die Strecke ist eine Lebensader für unsere Insel, wir sind von einer funktionierenden Verbindung zum Festland abhängig“, sagt Peter Schnittgard, Bürgervorsteher der Gemeinde Sylt. Doch die Bahnstrecke von und nach Westerland über den Hindenburgdamm ist bereits voll ausgelastet. Täglich fahren Intercity-Züge von Frankfurt am Main und Köln aus auf die Insel, Nahverkehrszüge der Nord-Ostsee-Bahn bringen Arbeitspendler und Touristen vom Festland nach Sylt und zurück. An manchen Stellen verläuft die Strecke nur eingleisig. „Wenn nun zwei unterschiedliche Betreiber den Verkehr der Autozüge organisieren, dann überlasten wir die Strecke vollends“, befürchtet Günter Schroeder, Geschäftsführer der Sylt-Tourismusgesellschaft.

Das US-Eisenbahnunternehmen reagiert gelassen auf die Kritik

Denn die für den Autotransport nötige Infrastruktur, darunter die Ver- und Entladerampen der Terminals in Westerland und Niebüll, muss zukünftig der Abfertigung von zwei völlig unterschiedlichen Zugtypen dienen. Das Eisenbahnunternehmen RDC ist erst seit dem Jahr 2009 im deutschen Eisenbahngeschäft aktiv. Es betreibt auch den privaten HKX-Schnellzug zwischen Köln und Hamburg. Am Dienstag schürte das Unternehmen die Angst der Sylter vor einem Einschnitt in ihr bewährtes Transportsystem noch weiter: Stolz präsentierte der Konzern die Züge, mit denen in Zukunft der Autotransport abgewickelt werden soll. Doch die veralteten Wagen stießen bei den Syltern auf Empörung: „Der Zug, den RDC da vorgestellt hat, gehört nicht auf die Strecke, sondern ins Museum“, klagt Bürgervorsteher Schnittgard.„Wir stehen kurz vor Beginn der Saison, planen schon die Saison für das nächste Jahr und haben noch immer keine Gewissheit darüber, wie sich der Bahnverkehr in Zukunft gestaltet.“

"Unsere Gäste sind eine komfortable Überfahrt gewohnt"

Insel-Bewohner und Touristen sind den speziell angefertigten, zweistöckigen Syltshuttle gewohnt, der nach Angaben des Fremdenverkehrsbüros stets pünktlich und leise seine Arbeit verrichtet. Der Anblick der rostigen RDC-Wagen lässt sie deshalb umso mehr an deren Leistungsfähigkeit zweifeln. „Wenn bald solche Züge den Autotransport übernehmen, wird sich das auf den Tourismus auswirken, denn unsere Gäste sind eine komfortable und reibungslose Überfahrt gewohnt“, befürchtet Schroeder von der Tourismusgesellschaft.

Die RDC reagiert hingegen gelassen auf die Kritik der Sylter. Die Waggons sollten noch ein wenig umgebaut werden, zum Beispiel durch die Ausstattung mit Notbremsen und Feuerlöschern. Ansonsten würden sich die Züge von der Bauart ohnehin nur unerheblich von denen unterscheiden, die der Syltshuttle bereits nutze, teilte das Unternehmen einer Sylter Lokalzeitung mit. Trotzdem will die RDC ab dem Jahr 2017 moderne, doppelstöckige Transportwagen einsetzen. Während sich der Konzern auf der Strecke zwischen Hamburg und Köln auf ausgemusterte Züge der Österreichischen Bundesbahn verlässt, verlangt die Überfahrt nach Sylt jedoch speziell angefertigte Modelle: Wegen der Fahrt übers offene Meer und der niedrigen Tunnel auf dem Weg nach Westerland können nur Züge mit begrenzter Höhe Autos auf dieser Strecke transportieren.

Paul Middelhoff

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