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Seit mehr als 30 Jahren bläst Bob Johnson jeden Morgen das Alphorn.

© Maris Hubschmid

Leavenworth in den USA: Yes, we can Bayern!

Mia san here: „Wir sind hier kein Disneyland.“ Der Satz ist das Mantra von Leavenworth, einem kleinen Ort im Nordwesten der USA. Alles soll authentisch sein. Das heißt: so bayerisch, wie es nur geht. Ein Besuch.

Von Maris Hubschmid

Vor einem malerischen Alpenpanorama steht an einem Spätsommertag ein alter Mann in Lederhose und Filzhut auf einem Balkon. Hinter ihm das große Haus, aus dem er getreten ist, mit Spitzgiebel und Holzverkleidung, vor ihm Hängekästen mit Geranien und Petunien und der Blick auf ein Dorf mit Fachwerkhäusern, Biergärten, Glockenturm. Der Mann klettert auf die schmale Balkonbrüstung, zieht ein Alphorn nach, bringt sich in Position und bläst hinein.

Das Alphorn ist das einzig echt Bayerische in dieser Szene.

Bob Johnson hat es in Berchtesgaden gekauft. 31 Jahre ist das her. Seitdem bläst er das Horn jeden Morgen, um 8 Uhr 15 und noch einmal um 9 Uhr 15, für die Gäste seines Hotels „Enzian“. Johnson ist 82. Hundertmal schon hat seine Frau ihm gesagt, er solle damit aufhören, einmal ist er vom Geländer gestürzt, „aber auf die richtige Seite“, zwei gebrochene Rippen, nicht so schlimm. Auf seinen Auftritt verzichten? Undenkbar für ihn. Der ist das Highlight seines Tages – und das Highlight für hunderte Gäste in Leavenworth, einem 2000-Seelen-Städtchen im US-Bundesstaat Washington.

Einst war Leavenworth ein aussterbendes Dorf

Wer sich dem Ort nähert, wird von einer großen Holztafel begrüßt. Sie ist von einem mannshohen Figuren-Paar in Tracht umrahmt. „Willkommen in Leavenworth.“ Linker Hand liegt das „Hotel Edelweiss“, in den Schaufenstern reihen sich Bierseidel und Kuckucksuhren, Schilder weisen den Weg auf Deutsch: „Parkplätze“, „Schwimmbad“. Im Zentrum stehen Menschen Schlange, um im „München Haus“ eine Bratwurst zu essen. „An Wochenenden sind wir ausgebucht, das ganze Jahr“, sagt Johnson über sein Hotel. Auch in der „Abendblume“ und dem „Ritterhof“ sind die Plätze knapp.

In diesem Ort, etwa zweieinhalb Autostunden östlich von Seattle, ist Johnson aufgewachsen. Und auch wieder nicht. Als seine Eltern herzogen, war Leavenworth noch ein wohlhabender Holzwirtschaft-Standort, ein florierendes Städtchen an einer Eisenbahnlinie mit bedeutendem Verladebahnhof. Als Bob zur Welt kam, wurden Sägewerke und Eisenbahnstrecke stillgelegt. Leavenworth erlitt das Schicksal vieler US-Kleinstädte in den 30er Jahren: Die Jungen fanden keine Arbeit und zogen fort, die Alten starben. Geschäfte wurden aufgelöst, Ladenlokale blieben leer und Häuser verfielen. Schulen schlossen, weil es Lehrer, aber keine Kinder mehr gab. „Leavenworth war eine Geisterstadt“, sagt Johnson.

Und wie andere Städte wäre es vermutlich ganz von der Landkarte verschwunden, hätte nicht Bob Rodgers die Idee gehabt, die sie „Projekt Bayern“ nennen.

Die ersten Fans des konservativen Bayerns: Zwei durchreisende Schwule

Es gibt kaum Deutschstämmige in Leavenworth. Und es gab keinen einzigen, als 1962 zwei junge Männer auf der Durchreise in einem Motel am Wegesrand etwa 20 Meilen entfernt abstiegen. Sie hatten im Zweiten Weltkrieg in der Army gedient, sie waren ihrer bisherigen Jobs als Lebensmittelinspekteur und Pharmavertreter überdrüssig, und sie waren schwul – aber das wusste damals niemand. Rodgers und sein Partner fanden Gefallen an der Landschaft, die mit grünen Wiesen, dunklen Tannen und schneebedeckten Gipfeln so sehr an den Süden Deutschlands erinnerte, wo Rodgers stationiert gewesen war. Und sie kauften entgegen dem Rat von Freunden und Familie ein Restaurant in den Bergen. Brachten Holzbalkone an, ließen Fassade und Fensterläden mit Wanderermotiven und Blumenornamenten bemalen und nannten ihr Lokal „The Squirell Tree“, den Eichhörnchenbaum.

„Das war quasi der Prototyp“, sagt Johnson. Im Frühstücksraum seines Hotels hängen Hirschköpfe an der Wand, haben die Lehnen der Stühle herzförmige Aussparungen, die Kellnerinnen servieren im Dirndl. Das Dirndl ist Symbol des Aufstiegs von Leavenworth: Als er begann, druckten Zeitungen die Fotografien lachender Frauen in Puffärmelbluse und Mieder, Ansichtskarten dieser Bilder erreichten Freunde im ganzen Land.

Wie eine schmucklose Lagerhalle zur romantischen Berghütte wird

Amerikaner, Kanadier und Asiaten kommen nach Leavenworth, um Urlaub in Deutschland zu machen.
Amerikaner, Kanadier und Asiaten kommen nach Leavenworth, um Urlaub in Deutschland zu machen.

© Maris Hubschmid

Im Rathaus von Leavenworth liegt ein Musterbuch mit Stilvorlagen für Gebäude aller Art und Größe. Die Einwohner der Stadt brauchen es kaum noch – keine Tür, die nicht längst bogenförmig umkränzt wäre. Aber Leavenworth wächst. Wer hier baut, muss seine Pläne vom Design-Rat abnicken lassen. Vor drei Jahren hat ein Mann dagegen geklagt. Er wollte ein Lokal eröffnen, sich aber nicht den Gestaltungsregeln fügen, die das Städtchen 1978 per Gesetz festgeschrieben hat. Der Fall ging bis vors Bundesgericht. „Es war ein Präzedenzfall“, sagt die amtierende Bürgermeisterin der Stadt, Cheri Farivar, 62, rote Locken. Die Stadt hat den Prozess gewonnen. „Jetzt kann niemand mehr anzweifeln, dass Bayern zu unserer Identität gehört“, sagt sie.

Selbst Konzerne wie die Kaffeekette Starbucks unterwerfen sich diesem Diktat. Serifenlose Schriftzüge sind verboten, Leuchtreklame schon gar. McDonald's, erzählt die Bürgermeisterin nicht ohne Stolz, habe in Leavenworth zum ersten Mal überhaupt eingewilligt, vom üblichen Erscheinungsbild abzuweichen, altmodische Laternen an der Wand und Zierleisten am Dach angebracht. Sich das Geschäft entgehen zu lassen, kommt offenbar nicht in Frage. Mit um die drei Millionen Touristen jährlich gehört Leavenworth zu den beliebtesten Wochenendzielen im Nordwesten der USA.

In Leavenworth ist fast alles Fassade

„Wieso gründet ihr kein Tourismus-Komitee?“, erkundigte sich der Neuankömmling Rodgers Anfang der 60er Jahre. „Warum sollte irgendwer nach Leavenworth kommen?“, entgegneten die Dorfbewohner. Der Vorschlag, es ihnen mit ihrem Eichhörnchenbaum gleichzutun und die geografischen Ähnlichkeiten mit Bayern zu nutzen, kam nicht gut an. „Du willst doch nur Geld auf unsere Kosten machen“, „Du verkaufst unsere Seele.“

„Die beiden hatten es sehr schwer“, erinnert sich Ann Ostella, Direktorin des Stadtmuseums. „Man hielt sie für überheblich bis wahnsinnig“, sagt die Inhaberin des Souvenirladens „Tannebaum Shoppe“. „Rodgers war ein Visionär“, sagt der Hotelier Johnson. „Aber ich glaube, die Leute wollten sich von einem Zugezogenen keinen Lebensstil aufzwingen lassen.“

Wie gut für ihn, dass der hoch aufgeschossene Fremde die Frauen für sich gewann. „Es waren die Frauen, die Leavenworth verändert haben“, sagt Farivar. Sie wollten nicht länger frustrierte Männer durchfüttern und eine Zukunft für ihre Söhne in ihrer Nähe. Jede Veränderung war ihnen lieber, als weiter dem Verfall zuzusehen.

Wie formt man einen heruntergekommenen Krämerladen, ein schmuckloses Wohnhaus oder eine nutzlos gewordene Lagerhalle in eine romantische Berghütte um? Vorbauen, draufbauen, anbauen. In Leavenworth ist fast alles Fassade. „Ein langer Balkon mit dekorativer Balustrade ist die halbe Miete“, sagt Bob Johnson. Ein Gesims, ein paar aufgemalte dunkle Balken, ein ausladender Überstand – fertig. „Wenn es erfolglos bleibt, haben wir wenigstens ein originelles Heim“, sagten die Frauen einst. 1964 feierte das Städtchen sein erstes Oktoberfest. Da standen sechs alpin aussehende Häuser in einer Reihe. Es kamen 10 000 Gäste. Und auf einmal dachten die Menschen in Leavenworth anders über Sauerkraut und Bier.

Am Banker wäre es beinah gescheitert

Weil es von der Stadt keine Finanzhilfe gab, wandten sie sich an den einzigen Banker im Ort. „Das war die letzte große Hürde“, sagt Johnson. Der Banker weigerte sich, ihnen Kredite zu geben – er wollte lieber eine Westernstadt. Die fehlende Unterstützung bekamen sie schließlich von den Großbanken in Seattle.

„In Leavenworth muss sich keiner um seine Existenz sorgen“, sagt die Bürgermeisterin. „Wer Arbeit sucht, findet welche.“ Restaurants stellen jeden ein, der eine Maß heben kann, Handwerker haben sich auf Gipsputz und Gebäudeschnitzereien spezialisiert, Bildhauer auf Geißen.

Tourismus und Gastronomie sind heute die stärksten Wirtschaftszweige im Ort, neben ein bisschen Weinbau und Viehwirtschaft. Allein die Familie von Bob Johnson besitzt vier Hotels und ein Gästehaus. Im Süden des Ortes baut ein Sohn gerade das „Hotel Post“, ein Luxushotel mit Spa.

Drei Kinder, acht Enkelkinder und sechs Urenkel hat Johnson. Die meisten sind in der Gemeinde geblieben oder dorthin zurückgekehrt. „Es gibt keinen Grund mehr wegzugehen“, sagt er. „Das Geld kommt hierher.“

Die Dirndl liefert heute Amazon

...insgesamt zweieinhalb bis drei Millionen Touristen im Jahr.
...insgesamt zweieinhalb bis drei Millionen Touristen im Jahr.

© Maris Hubschmid

Es kommt mit amerikanischen Stammgästen, die im Sommer Kutschfahrten machen und auf Bierbänken zu Blasmusik schunkeln und sich im Winter in einem der beiden nahen Skigebiete vergnügen. Es kommt mit Kanadiern, die Erholungsurlaub in den Alpen machen wollen, aber ohne den lästigen Flug. Mit Asiaten, die auf ihrer Reise durch die USA Deutschland gleich mit abhaken. Und mit Investoren. Die Grundstückspreise sind in Leavenworth heute so hoch wie kaum irgendwo sonst in Washington.

Vieles ist einfacher geworden mit den Jahren. Wo früher Erkundungsreisen nach Bayern organisiert wurden, bietet 2015 das Internet Anregungen. Dirndl und Hüte müssen nicht mehr selbst genäht werden, Amazon liefert am nächsten Tag. Ansonsten hilft die Handelskammer aus. In einem breiten Schrank hortet sie Schürzen und Hemden in nahezu allen Größen. Trotzdem werden in vielen Familien die Lederhosen von Generation zu Generation weitergegeben. Als ein kostbares Gut, der Schlüssel zum Glück.

51 Mal haben sie das Oktoberfest schon gefeiert, hinzu kommen das Maifest mit Maibaum und das Volkstanzfest und der Almabtrieb und der Akkordeonwettbewerb und das Lichterfest mit Christkindlmarkt. Die Dinge haben sich verselbstständigt. An Perfektionierungen arbeiten sie unentwegt.

Einen Satz hört man im Ort immer wieder. „Wir sind hier kein Disneyland.“ Es ist das Leavenworth-Mantra. Alles soll so authentisch wie möglich sein. „Bitte geben Sie uns Bescheid, wenn Sie einen Fehler entdecken“, sagt die Bürgermeisterin.

Der Teufel im Detail

Allein, wo soll man anfangen? Mit Formalitäten? Dass sie „Schöneaussicht“ schreiben und „Markt Platz“? Es „Wiener Schnitzel“ statt „Weiner Schnitzel“ heißen müsste? Damit, dass das „Obertal Inn“ nach Österreich gehört und „Der Matterhorn“ in die Schweiz – doch das ist kleinlich, pingelig, pedantisch. Genau: sehr deutsch (und wenn man es genau nimmt, ist auch das Alphorn keine bayerische Erfindung, sondern von den Schweizern geklaut).

Vielleicht doch lieber damit, dass Bratwürste klassischer Weise nicht als Hot Dog mit sauren Gurken und Zwiebeln serviert werden und man Brezn, wenn sie nicht ganz so dunkel gebacken sind, auch nicht mit zerlassener Butter durchtränken muss, um sie kauen zu können. Aber mei, die Geschmäcker sind verschieden. Oder? An der Fassade eines Restaurants an der Hauptstraße prangt dick der Werbespruch: „Pizza und Brats – das ist Gut Ja?“

Ob zu einem authentischen Auftritt nicht auch ein deutsch klingender Name gehört, das haben sie in Leavenworth lange diskutiert. „Bergdorf“ und „Alpine“ waren in der engeren Auswahl, es gab einen Bürgerentscheid. Doch da hatte sich Leavenworth bereits einen Ruf erarbeitet. „Es bleibt eben unsere Heimat“, sagen die Leute im Ort.

Nicht alle sahen das so. Einige sind weggezogen. „Vor allem die Älteren“, sagt Johnson. Sie wollten nicht in einem Themenpark leben, keine Drehorgelmusik, sondern ihre Ruhe. Fühlten sich um ihr Zuhause gebracht. Dass dieses Zuhause andernfalls wohl gestorben wäre, wollten sie nicht wahrhaben. Sie träumten von einer sanfteren Lösung.

Ein Dorf mit Zukunft

Und wovon träumt man heute in Leavenworth? Von einer deutschen Partnerstadt. Immer wieder haben sie sich darum bemüht, in Oberammergau angefragt, in Bad Füssing. Weshalb alle Vorschläge abgelehnt wurden, verstehen sie nicht. „Dieses Jahr versuchen wir es wieder“, sagt die Bürgermeisterin. An dem Prospekt arbeiten sie noch. Mehr weißblaue Rauten aufs Deckblatt, hat sie gesagt.

Und sie träumen vom Schloss. Ja, vom Schloss! Neuschwanstein hat es ihnen angetan. Sie wissen genau, wo es stehen soll, achte Straße am Hang, nah am Fluss. Sie seufzen: Wie gut würde sich das auf den Postkarten machen! Es braucht nur noch einen, der es realisiert. Da hofft mancher, auch wenn sie es kaum laut zu sagen wagen, auf die Johnsons. „Eine Nummer zu groß“, sagt Bob Johnson und winkt ab.

Aber das hatte seine Frau ja damals auch über das Alphorn gesagt, das er mit ins Handgepäck nehmen wollte.

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