"Man sucht seinen Partner für die anderen aus"

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Parship-Gründer Hugo Schmale : "Nichts ist toter als ein erfüllter Wunsch"
Nur heiße Luft? Liebe sei eine Erwartung, die letztlich unerfüllbar sei, sagt der Psychologe Hugo Schmale.
Nur heiße Luft? Liebe sei eine Erwartung, die letztlich unerfüllbar sei, sagt der Psychologe Hugo Schmale.Foto: imago/blickwinkel

Nicht im biologischen Sinne.

Nein, die Theorie gilt auch für gleichgeschlechtliche Paare. Sie besagt, dass das Lieben sich ergänzende Rollen verlangt. Durch einen Mangel, den ich ersehne, ergänzt zu bekommen, entsteht Kraft zwischen Partnern. Es ist notwendig, Wünsche zu haben, um zu lieben. Aber nichts ist toter als ein erfüllter Wunsch. Deshalb muss ich zusehen, dass ich schnell einen neuen Wunsch herbekomme, oder ich bin gar nicht auf seine Erfüllung aus, damit mein Begehren bleibt. Daher rühren die Probleme vieler Paare im verflixten siebten Jahr. Sie sind eingespielt, laufen nebeneinanderher wie Herr und Hund, das passt, hat aber nichts mehr mit Liebe zu tun. Trotzdem kann es funktionieren.

Sie stehen mit Ihrer Biografie für die romantisch-tragische Liebe: Ihre erste Frau, die krank war und früh starb, war Sängerin.

Wir haben uns kennengelernt, indem sie an meine Wohnungstür klopfte: „Mir ist so schlecht.“ Ich habe einen Arzt aus meiner Klinik gerufen. Sie war Jüdin, eine der wenigen, die nach dem Krieg nach Deutschland zurückkamen. Ich empfand tiefe Sympathie. Das Liebreizende, sie auf der Bühne singen zu sehen, war schon zur Liebe reizend. Es hat mir auch menschlich gutgetan, mich um sie zu kümmern. Sie passte eben, ohne dass ich das so überlegt habe, auf vielen Ebenen. Vier Jahre ist es gut gegangen. Vielleicht nennt man das Ganze dann Romantik. Doch es war alles, nur kein Pilcher-Film.

Was müssen zwei Menschen mitbringen, damit aus ihnen ein gutes Paar werden kann?

Die Persönlichkeiten müssen harmonieren. Im sogenannten Parship-Matching gewichten wir Persönlichkeitsmerkmale mit 60 Prozent, Interessen mit 20 und Neigungen, Vorlieben, Meinungen ebenfalls mit 20 Prozent. Wenn zwei Menschen den Test zu 100 Prozent gleich ausgefüllt haben, werden sie einander nicht vorgeschlagen. Ideal sind 80 Prozent: Liebe ist ein kommunikatives Miteinander. Wenn zwei zu 100 Prozent ineinander verzahnt sind, gibt es nichts mehr auszuhandeln.

Früher wählte die Familie den Partner aus, dann emanzipierte sich das Individuum und hat es selbst gemacht. Inzwischen hat es eine Maschine übernommen.

So ist es. Über die Zeiten ist gleich geblieben, dass man sich bei der Partnerwahl immer auf die Erklärung anderer eingelassen hat. In wissenschaftlichen Analysen stellt sich heraus, dass wir bei der Partnersuche häufig nicht etwas für uns wählen, sondern dass wir darüber Anerkennung finden wollen. Man sucht seinen Partner für die anderen aus.

Parship verschickt hunderte Partnervorschläge: endlose Reihen verschwommener Fotos paarungswilliger Männer oder Frauen, die ein bisschen feilgeboten werden wie Waren in einem Regal.

Wir leben in einer Warenwelt. Da zählt die Masse. Ich nehme das nicht so ernst.

Die Soziologin Eva Illouz sagt, dass das Ökonomische zunehmend in Beziehungen eindringe.

In dieser Gesellschaft gilt das Primat der Wirtschaft. Als Kriterium für Entscheidungen nimmt sie immer die Ökonomie. Deshalb ist der Begriff Partnerbörse auch so schlimm.

Und was halten Sie von der Wendung, dass man in seine Beziehung investieren müsse?

Auch ein irreführendes Bild. So, als müsste man in der Liebe Geschäfte machen. Nach dem Motto: Wenn ich auf dich zugehe, dann musst du aber ...

Der erste Test, den Sie entwickelten, ermittelte die Eignung für Berufe: BET, der immer noch verwendet wird. Mehr als 50 Jahre ist das her.

Meine wissenschaftliche Arbeit basiert auf der Grundannahme, dass nur zwei Entscheidungen im Leben wirklich wichtig sind. Welchen Beruf wähle ich? Und mit wem lebe ich?

Angeblich kamen Sie über die Liebe zu einer Frau zu Ihrem Beruf.

Ich muss kurz ausholen: Da ist ein junger Mann, dem wird bis zum 13. Lebensjahr weisgemacht, dass er zur klügsten Nation der Welt gehört. Ich hatte mich schon als Befehlshaber von Nowosibirsk gesehen, weil man uns sagte, die Russen könnten sich selbst nicht führen. Die ernüchternde, entsetzliche Wirklichkeit kam 1945 zutage. Ich bin dann zu einem Buchhändler hin und habe gefragt, was das für Bücher gewesen seien, die da verbrannt worden waren. Die habe ich begonnen zu lesen.

Sie studierten Psychologie, weil Sie sich als Kind manipuliert fühlten?

Unter anderem. Das Leben ist in vielerlei Hinsicht wie ein Schichtkäse und muss auch als solcher betrachtet werden. In München studierte ich Literaturwissenschaft. Damals habe ich mit einer Französin, das war auch wichtig, dass es keine Deutsche war, ein kleines Theatercafé aufgemacht. Abends hatten wir Künstler zu Gast, zum Beispiel Erich Kästner, der bei uns vortrug. Sie studierte Psychologie. Einmal nahm sie mich mit. Da machte der Professor Beobachtungsexperimente. Anschließend fragte er mich, ob ich nicht öfter kommen wolle. Ich habe mich, Gott sei Dank, davon überzeugen lassen, vermittelt durch diese Frau, die ich liebte.

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