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Tagesspiegel Plus

Psychologe über die Zustände in Berliner Ämtern: „Gewalt ist ein immer größeres Problem“

Übergriffe, Beleidigungen, hohe psychische Belastung. Sebastian Jakobi fordert einen besseren Arbeitsschutz für die Verwaltung – und mehr Prävention.

Von Lisa Rakowitsch

Wie geht es den Angestellten der öffentlichen Verwaltung in Berlin, Herr Jakobi?
Um positiv zu starten: Die Berufe in der öffentlichen Verwaltung sind gesellschaftlich unfassbar wichtig und ich glaube, dass das den meisten Menschen in der Berliner Verwaltung klar ist. Mit diesem übergeordneten Sinnempfinden geht eine persönliche Wertschätzung für den eigenen Beruf einher, die sich positiv auf den allgemeinen Gemütszustand auswirkt. Mit der gesellschaftlichen Wertschätzung sieht es leider anders aus.

Was meinen Sie damit?
Mein Eindruck ist, dass sich die öffentliche Wahrnehmung von Verwaltung und Politik in den vergangenen Jahren zunehmend vermischt hat und Verwaltungsangestellte mehr denn je dem politischen Frust der Bürger:innen ausgesetzt sind. Verbale Übergriffe und Bedrohungen sowie das Erleben von Gewalt sind meiner Wahrnehmung nach ein immer größeres Problem, das die Gewährleistung des psychischen Arbeitsschutzes samt Stalking-Prävention und notfallpsychologischer Betreuung umso notwendiger macht.

Wie steht es um den psychischen Arbeitsschutz in der öffentlichen Verwaltung?
Das Thema psychische Belastungen wurde 2014 ins Arbeitsschutzgesetz mit reingenommen. Seitdem ist es gesetzlich vorgeschrieben, psychische Belastungen als potenzielle Gefährdungsquellen zu analysieren und gegebenenfalls Maßnahmen zu ergreifen. Leider wird das Thema jedoch immer noch zu häufig nicht ernstgenommen, sodass der Stand der Umsetzung in den verschiedenen Verwaltungsbehörden stark variiert und teilweise noch in den Kinderschuhen steckt.

Was heißt das konkret?
Häufig suche ich vergeblich nach sogenannten Notfallplänen, die zum Schutz der Mitarbeitenden erste Orientierung geben müssten. Das ist auch insofern alarmierend, als dass das Thema Psyche und Wohlbefinden bei der Arbeit für die Mitarbeitenden in aller Regel wesentlich wichtiger ist als andere Themen des Gesundheitsschutzes. So spielt es für mich als Angestellter eine größere Rolle, wie es mir psychisch geht und wie die Arbeitsatmosphäre insgesamt ist als die Frage, ob auch genügend Feuermelder installiert sind. Trotzdem findet Letzteres wesentlich mehr Beachtung.

Sebastian Jakobi ist Diplom-Psychologe und spezialisiert auf Arbeits- und Organisationspsychologie.

© Jörg Steck

Wie erklären Sie sich das?
Ich denke, dass sich die meisten Verwaltungen natürlich an die gesetzlichen Vorschriften halten, sobald sie von diesen wissen. Der gesetzliche Auftrag zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen muss dabei allen Betrieben der öffentlichen Verwaltung nicht nur schnellstmöglich kommuniziert werden. Darüber hinaus sollte direkt sichergestellt werden, dass sich eine konkrete Ansprechperson der Sache in jeder einzelnen Verwaltung annimmt.

Woran liegt es, dass das oft ausbleibt?
Meine Wahrnehmung ist leider, dass in öffentlichen Verwaltungen viel anlassbezogen gehandelt wird. Also sinnbildlich erst dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. So ist erfahrungsgemäß etwa das betriebliche Eingliederungsmanagement zur Reintegration von krankheitsbedingt ausgefallenen Angestellten in der Fläche weithin bekannt und größtenteils umgesetzt, präventive Maßnahmen allzu häufig allerdings nicht.

Für kreative Problemlösung mangelt es in Verwaltungen leider allzu häufig an Freiheiten.

Sebastian Jakobi

Wie lässt sich Ihrer Meinung nach die gesellschaftliche Wertschätzung für die Arbeit der Verwaltungsmitarbeitenden steigern?
Um die gesellschaftliche Wertschätzung zu steigern, müsste stärker an der Arbeitgeberattraktivität gearbeitet werden, die übrigens stark mit dem psychischen Arbeitsschutz verwoben ist. Doch genauso wie der psychische Arbeitsschutz wird die Arbeitgeberattraktivität häufig vernachlässigt. So werden weder Alleinstellungsmerkmale herausgearbeitet, noch die eigene Außendarstellung poliert, um erfolgreich mehr Menschen anzuwerben.

Personalmangel und die Überalterung sind zentrale Probleme der Berliner Verwaltung. Wie erklären Sie sich, dass vor diesem Hintergrund die Arbeitgeberattraktivität vernachlässigt wurde?
Ich denke, man hat das schlicht als Baustelle jahrelang verkannt. Und nun müssten sich Verwaltungen proaktiv um ein Problem kümmern, für das es keinen gesetzlichen Auftrag gibt. Und für kreative Problemlösung mangelt es in Verwaltungen leider allzu häufig an Freiheiten. Zudem ist mein Eindruck, dass in öffentlichen Verwaltungen viel in Silos gedacht und in verschiedenen Teams gearbeitet wird, in denen um Zuständigkeiten gerungen wird. Arbeitsaufträge werden häufig hin- und hergeschoben. Durch eine stärkere Berücksichtigung des psychischen Arbeitsschutzes ließe sich jedoch viel mehr beheben, als viele denken.

Inwiefern?
Psychische Belastungen können nicht nur zum Arbeitsausfall oder zur Abwanderung von qualifiziertem Personal führen, sondern auch zur Minderung des verbliebenen Arbeitskräftepotentials. So gibt es zum einen viel Personal, das aus psychischen Gründen ausfällt. Daneben wechseln gerade jüngere Menschen aus Unzufriedenheit oder wegen mangelhafter psychologischer Betreuung häufig den Betrieb oder verlassen die Verwaltung ganz. Der Verlust an Arbeitskraft ist allerdings in der Summe mindestens genauso groß bei Menschen, die unzufrieden in der Verwaltung bleiben und durch diese Unzufriedenheit ihre Arbeit nur noch wesentlich ineffizienter erfüllen können.

Welche Rolle spielt dabei die Führungskraft in der öffentlichen Verwaltung?
Eine moderne Führungskraft sollte nach meinem Verständnis eine Schmierstelle sein, damit die Menschen gut ihrer Arbeit nachgehen können. Dabei sollten Führung und Betriebsstruktur für einen Arbeitsrahmen sorgen, der zur Entlastung der Mitarbeitenden beiträgt. Es liegt auch in der Verantwortung der Führungskraft, Arbeitsabläufe regelmäßig zu überprüfen und Regelungen zu aktualisieren. Leider mangelt es in vielen Behörden an einem modernen Führungsverständnis.

Auch öffentliche Verwaltungen sollten über ein eigenes und unabhängiges Leitbild verfügen.

Sebastian Jakobi

Was heißt das?
Führungskraft wird allzu häufig immer noch nicht, wer besonders geeignet ist, sondern wer sich den Aufstieg auf der Karriereleiter durch ein hohes Dienstalter verdient hat. Zu starrsinnige, pyramidenförmige Strukturen und Hierarchien in der Verwaltung können dann dazu führen, dass die Informationsübertragung nicht gut funktioniert und das Feedback erschwert wird. Dadurch kann sich das eingangs erwähnte positive Sinnempfinden von Verwaltungsmitarbeitenden natürlich umkehren, wenn diese das Gefühl entwickeln, wortwörtlich für die Tonne zu arbeiten.

Gibt es denn einen bestimmten Typ, der sich einen Job in der Verwaltung sucht?
Vor 20 Jahren hätte man sicherlich davon sprechen können, dass sich klassischerweise sicherheitsbewusste Menschen für die Arbeit in der öffentlichen Verwaltung entscheiden. Heute haben sich der Arbeitsmarkt und die individuellen Ansprüche so stark verändert, dass sich kaum noch ein bestimmter Typ ausmachen lässt. Spannender finde ich die Frage, welchem Verwaltungstypen es am besten gelingt, die Menschen bei sich zu halten. Ein modernes Führungsverständnis und ein moderner Betriebsablauf sind sicherlich unabdingbar.

Wie unterscheidet sich das von Privatunternehmen?
Im Gegensatz zu privaten Unternehmen verfügen öffentliche Verwaltungen selten über ein ausgearbeitetes Führungsleitbild, das Antworten auf Fragen nach dem Warum, dem Wie und dem Wofür gibt. Meiner Meinung nach sollten auch öffentliche Verwaltungen über ein eigenes und unabhängiges Leitbild verfügen. Dieses wird idealerweise bottom-up erstellt, um die Menschen ihren Arbeitsplatz mitgestalten zu lassen und das Begeisterungspotential gerade unter Jüngeren zu steigern.

Welche Voraussetzungen müssen Mitarbeitende für eine moderne, bürgernahe Verwaltung mitbringen?
Angestellte in der öffentlichen Verwaltung sollten zunächst gut Strukturen begreifen und sich darin zurechtfinden können. Die Verwaltung braucht Menschen mit Ideen, die mitgestalten und sich ausleben wollen. Allerdings brauchen sie in der Regel einen langen Atem, da es sich verglichen mit einem privatwirtschaftlichen Betrieb insgesamt um einen zäheren Apparat mit klaren Entscheidungsebenen und festen Strukturen handelt.

Auf was muss man sich also als Mitarbeiter einstellen?
Man muss damit klarkommen, dass Vieles nicht in der eigenen Hand liegt und häufig Vorgaben schlicht abgearbeitet werden müssen. Ein Verständnis für die eigene Rolle ist sehr wichtig und ich denke, man braucht sogar etwas Demut, gerade, wenn es darum geht, sich als kleines Rädchen in einem großen System wahrzunehmen, das gewiss nicht immer reibungslos funktioniert. Für eine bürgernahe Verwaltung ist es wichtig, gut kommunizieren, häufig auch deeskalieren zu können.

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