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Frau sein. Für Dania aus dem Irak ist dies eine Frage der Identität und des Überlebens. Nun wohnt sie in Berlin.
© Fabiana Zander Repetto/Tsp

Transgeschlechtliche Flüchtlinge: Bedroht - im Irak und in Berlin

Als der IS Bagdad erreichte, fand Dania Patronenhülsen und einen Strick vor ihrer Wohnung. Weil sie transgeschlechtlich ist, wollte man sie töten. Angst trieb die 19-Jährige bis nach Berlin. Doch auch hier wird sie bedroht.

Von Julia Prosinger

Danias rot geschminkte Lippen beben. Sie hält den Blick gesenkt. Zwei junge Männer in Jogginghosen schnalzen mit der Zunge, Mütter mit weinenden Babys auf dem Arm starren sie an, ein Familienvater spuckt vor ihr auf den Boden. „Du bist eine Schande“, ruft einer auf Arabisch.

Dania hört nicht hin. Sie ist es gewohnt, beleidigt zu werden.

Es ist Montagmittag, vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, das als „Lageso“ für Trinkwassermangel, Chaos und Schlangen voller müder, zerlumpter Gestalten bekannt wurde. Dania muss sich hier, wie alle anderen neu in Berlin eingetroffenen Flüchtlinge, registrieren, um Unterkunft, Taschengeld und Mahlzeiten zu erhalten.

Heute hat Dania ihren Bodyguard dabei

Sie ist 19, kommt aus dem Irak und hat heute einen Bodyguard dabei. Einen deutschen Mann mit breiten Schultern, den sie nicht kennt, den Freunde von Freunden von Freunden ihrer Bekannten aufgetrieben haben. Vielleicht muss man erst erlebt haben, was Dania erlebt hat, um solche Hilfe annehmen zu können.

Dania ist eine Frau, die im Männerkörper zur Welt kam. Schon als Kind in Bagdad wusste sie, dass sie weiblich ist. Heute trägt sie grün-glitzernde Fingernägel, enge Jeans, langes Haar. Unter ihrem Top blitzen Reste von Brusthaar hervor, unter einer Schicht aus Make-up zeichnen sich Bartstoppeln ab.

Vor drei Wochen erreichte Dania Berlin mit dem Zug, man brachte sie in eine Notunterkunft am Olympiastadion. Sie landete dort neben hunderten Männern in einem Schlafsaal des Landessportzentrums. In ihrem Pass steht schließlich ein Männername. Wenn man wissen will, was dort geschehen ist, legt Dania beide Hände vors Gesicht, als könnte sie sich so vor der Frage verstecken.

Beleidigt und angerempelt

Bitte, was ist passiert? Sie gibt die Antwort in schnellen Worten. Sie habe lange gewartet, sich erst im Morgengrauen getraut zu schlafen. Sie sei dann zum Gelächter der anderen erwacht. „Du willst wohl gefickt werden, so wie du auf dem Bauch schläfst“, soll einer gesagt haben.

Dania floh in die Dusche. Auch hier war sie nie allein. Ein paar Tage später schubste sie einer im Flur. Das muss leicht gewesen sein, Dania ist zart. Sie fiel auf den Arm, das Smartphone-Display zersplitterte. Dania braucht das Handy, sie ist sonst noch einsamer hier. Die Schmerzen im Arm verdrängte sie.

Dania hatte geglaubt, sie sei in Deutschland in Sicherheit. Sie hat sich geirrt. Auch in der größten Not gibt es noch Unterschiede. Deshalb braucht sie heute einen Leibwächter. Letzte Woche, als sie sich das erste Mal hier registrieren wollte, war es noch schlimmer als heute. Sie rannte davon. Seitdem nimmt sie die Hilfe Fremder an.

Schutzzone am Lageso

Vor Haus D am Lageso, einem Backsteingebäude, lärmen Kinder jetzt mit Mundharmonikas aus Plastik. In der Ecke lehnt ein alter Mann auf einer Krücke. Auf einem Stuhl stiert eine schwangere Frau vor sich hin.

Die Caritas hat diese Schutzzone Anfang September eingerichtet. Schwer Traumatisierte, Kranke, aber eben auch Homosexuelle und Transmenschen wie Dania haben hier Zutritt. Sie gelten als Härtefälle. Kiezmütter und andere Ehrenamtliche sind auf dem Platz unterwegs, um den besonders Schutzbedürftigen zu einer schnelleren Registrierung zu verhelfen.

Die Caritas-Mitarbeiter schätzen, dass etwa 20 Prozent aller Flüchtlinge zu dieser Gruppe gehören, erfasst wird das nirgends. Es weiß auch niemand, wie viele der Geflüchteten in Deutschland schwul, lesbisch oder transsexuell sind – also queer.

Hunderte queere Geflüchtete

Der Berliner Lesben- und Schwulenverband geht von mehreren hundert queeren Flüchtlingen in der Hauptstadt aus. Weil viele in radikalislamischen Ländern bedroht sind, dürfte ihr Anteil besonders hoch sein.

Die Mitarbeiter der Caritas bitten Dania hinein. Sie soll ihren Namen und ihr Geburtsdatum nennen. Alles geht schnell. Die ganze Geschichte, die Geschichte ihres Lebens, muss sie heute noch nicht erzählen. Sie kann aufhören zu zittern.

Die Geschichte eines Albtraums

Dania in Berlin.
Dania in Berlin.
© Fabiana Zander Repetto

In diesen Tagen wird diskutiert, ob Muslime und Christen gemeinsam untergebracht werden können. Es müsste auch besprochen werden, ob es Dania zuzumuten ist, in einem Männerschlafsaal zu übernachten.

Jouanna Hassoun, die für den Lesben- und Schwulenverband queere Flüchtlinge unterstützt und auch Dania begleitet, wünscht sich Einzelzimmer für sie oder zumindest Gruppenunterkünfte mit anderen Trans- oder Homosexuellen.

Die seien schon unterwegs Repressalien ausgesetzt, und in den Heimen würden die Mitgeflüchteten ihre Trans- und Homophobie auch nicht plötzlich vergessen. „Sie werden noch schlechter behandelt als Frauen. Wie Abschaum“, sagt sie.

Neun Anfragen pro Tag

Bis zu neun Anfragen von Transpersonen erhält Hassoun jede Woche. Auch, weil queere Flüchtlinge aus ganz Deutschland im offenen Berlin unterkommen möchten. Obwohl der Senat deren besondere Schutzbedürftigkeit bei der Unterbringung anerkannt hat – als einzige Landesregierung so ausdrücklich –, ist bislang wenig passiert. Hassoun kämpft für einen eigenen Ansprechpartner am Lageso. Dann bräuchte Dania keinen Bodyguard.

Einen Tag später öffnet Dania in einem blauen Sommerkleid die Tür zu einer hellen Schöneberger Altbauwohnung. Sie ist an diesem Mittag noch nicht richtig wach, Teenager schlafen viel.

Aber sie ist anders als gestern. Sie bewegt sich sicher. Ganz ohne Make-up. Sie macht Tee. Dania wird nun die ganze Geschichte erzählen. Mit einer Bedingung: aus dem Arabischen übersetzen darf nur eine Frau.

Der Dolmetscher beschimpfte sie

Letzte Woche, als sie ein zweites Mal versucht hat, sich beim Lageso zu registrieren, war ein junger Syrer als Dolmetscher dabei. Er wollte helfen, Bekannte hatten ihn vermittelt. Dania verbrachte den ganzen Tag mit Mohammed. „Versuch doch wenigstens normal zu sein“, soll er gesagt haben. Er sei immer wütender geworden.

Ob sie eigentlich wisse, was Allah über Menschen wie sie denke? Zwei Schritte sei er hinter ihr gelaufen. In sicherer Entfernung zur Schande.

„Wirklich, die ganze Geschichte?“, fragt Dania nun zum wiederholten Mal, ihre Fingernägel klackern gegen die Teetasse. Es klingt, als sei sie noch nicht oft danach gefragt worden.

Mit sieben Jahren missbraucht

Die Geschichte, stellt sich gleich heraus, lässt sich an ihrem Körper ablesen. Die Namen des kleinen Bruders, der älteren Schwestern und der wichtigsten Freunde hat sich Dania in die Haut stechen lassen.

Dania wurde 1996 in Bagdad geboren, ihre Mutter war die jüngste von mehreren Frauen eines Bankdirektors. Dann kam der Krieg in den Irak, 2003. Im Schöneberger Innenhof regnet es Kastanien, Dania erschrickt.

Sie erzählt, wie ihre Familie zerbrach, dass sie als Siebenjährige von ihrem 15-jährigen Halbbruder vergewaltigt wurde, dass er sie an Freunde verkauft hat. Tränen füllen ihre braunen Augen, aber sie kullern nicht.

Ihre Mutter, berichtet Dania, habe sie mitten in der Nacht auf die Straße geworfen. Der kleine Bruder sei bei der Schwester untergekommen, sie aber, wie immer zwischen allen Lagern, habe dort keinen Platz gehabt. Weil sie, wie gerade, die Beine eng übereinanderschlägt, weil sie den Kopf in den Nacken wirft. Weil sie eine Frau ist. Ihre Eltern hatten vergeblich gehofft, dass sich das auswachsen würde.

Alkohol mit acht

Nur knapp entkam sie dem Bordell, arbeitete als Achtjährige in einem Café, probierte früh Alkohol und Zigaretten auf der Straße aus. Tanzte schließlich, mit 15, in einem Nachtclub. Verliebte sich zum ersten Mal. Das ging ein paar Jahre gut.

Eines Tages war ihre Wohnung zerwühlt, als sie nach Hause kam. Auf dem Weg zur Arbeit fühlte sie sich verfolgt. Ein anderes Mal lag ein Strick vor ihrer Tür. Dann Patronenhülsen. Eine Plastiktüte, darin: ein Feuerzeug und eine Gasflasche.

Vor etwa einem Jahr wurden Danias schwule Freunde vom IS gesteinigt. Ihre Leichen lagen tagelang auf der Straße. Zur Abschreckung. Und schließlich erhielt auch sie einen Brief: Wir werden dich töten, du bist eine Sünde, in einer halben Stunde sind wir da. Sie beschloss zu fliehen.

Flucht in Schlauchbooten und Sammeltaxis

Frau sein. Für Dania aus dem Irak ist dies eine Frage der Identität und des Überlebens. Nun wohnt sie in Berlin.
Frau sein. Für Dania aus dem Irak ist dies eine Frage der Identität und des Überlebens. Nun wohnt sie in Berlin.
© Fabiana Zander Repetto/Tsp

Dania hat keine Beweise für ihre Worte. Aber der Lesben- und Schwulenverband Berlin hat ihr sogleich eine Härtefallbescheinigung ausgestellt, als er hörte, wo Dania herkommt. Regelmäßig werden im Irak Schwule oder Transmenschen ermordet. Sie werden an schiitische Milizen übergeben und für „ungläubiges Verhalten“ zu Tode gefoltert. Dania hat deshalb gute Chancen auf Asyl.

Sie steht auf, raucht auf dem Balkon eine Zigarette, kocht Kaffee. Sie hat den Schleppern 1300 Euro bezahlt, um über die Türkei nach Griechenland zu gelangen.

Mitleid einer syrischen Familie

Im überfüllten Schlauchboot saß sie mit nur einem Rucksack Gepäck am Boden, das Handy, das nun zerbrochen ist, an ihre Brust gedrückt, Wasser spritzte ihr ins Gesicht. Um sie herum stöhnten Schwangere, Säuglinge kreischten.

Auf einer griechischen Insel rannte sie nachts immer wieder vor der Gewalt anderer Flüchtlinge davon. In Bussen und Sammeltaxis reiste sie über Mazedonien und Serbien bis nach Ungarn weiter. Irgendwann waren alle Ersparnisse aus den Nachtclubzeiten aufgebraucht, sie verschuldete sich bei einer syrischen Familie, die Mitleid mit ihr hatte.

Dania ist jung, neu hier, in einem Körper gefangen, den sie nicht mag und – wurde gerade verlassen. Der Mann aus dem Club, den sie in Bagdad liebte und der nun selber auf der Flucht ist, antwortet ihr nicht mehr. Seine Familie darf niemals von ihr erfahren.

Das schmerzt mehr als die Erinnerungen, mehr als die Beleidigungen und mehr als der angebrochene Arm. In der Schöneberger Wohnung verschränkt Dania nun die Finger ineinander und legt den Kopf darauf ab. Niemand spricht.

Angebrochener Arm

An jenem Morgen, als Dania in der Notunterkunft geschubst wurde, als wieder einer sagte: „Pass auf deinen Arsch auf, es könnte ihn dir jemand klauen“, vertraute sie sich einem Sicherheitsbeamten an.

Ihr Arm wurde geröntgt, und sie lernte Jouanna Hassoun kennen. Ehrenamtliche organisierten Dania einen Schlafplatz bei Freunden, dann bei anderen Freunden. Es ist ihr unangenehm, zur Last zu fallen, sie traut sich nicht, das angebotene Glas Wein abzulehnen, sie kann nicht gut mit Besteck essen.

Schließlich verschaffte ihr Hassoun übergangsweise diese Altbauwohnung und trieb privat ein paar Spenden für die ersten Tage allein auf. Die 19-Jährige muss jetzt lernen, damit zu haushalten.

Jetzt will sie sich nicht mehr verstecken

Warum sie sich nicht versteckt, das Haar schneidet, die Nägel kürzt?

„Niemand würde mir das abnehmen“, sagt Dania. Und dass sie ihren Asylgrund verlieren würde, wenn sie auf den Ämtern ihre Identität verschleiert. In der Fremde lässt sich das Doppelleben von daheim nicht aufrechterhalten. Make-up drauf für die Behörden, Jungsklamotten an für den Schlafsaal – das geht nicht so einfach.

Und dann sagt sie noch, leise, aber mit dem Selbstbewusstsein der sicheren Dania in der sicheren Schöneberger Wohnung: „Außerdem: Warum sollte ich?“

Mitarbeit: Dr. Marwa Mahdy

Dieser Text erscheint auf dem Queerspiegel, dem queeren Blog des Tagesspiegels, den Sie hier finden. Themenanregungen und Kritik gern im Kommentarbereich etwas weiter unten auf dieser Seite oder per Email an:queer@tagesspiegel.de. Twittern Sie mit unter dem Hashtag #Queerspiegel – zum Twitterfeed zum Queerspiegel geht es hier.

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