US-Dichterin Emily Dickinson vermutlich lesbisch : Die große Liebe lebte nebenan

Emily Dickinson, eine der wichtigsten US-Dichterinnen, war vermutlich lesbisch. Das wurde lange ignoriert, doch das ändert sich - auch dank einer neuen Serie.

Kerstin Fritzsche
Emily Dickinson ( Molly Shannon, rechts) mit Susan (Susan Ziegeler) in "Wild Nights with Emily".
Emily Dickinson ( Molly Shannon, rechts) mit Susan (Susan Ziegeler) in "Wild Nights with Emily".Foto: Salzgeber

„Ich danke Dir, dass Du mich liebst, Liebe, und willst Du mich wirklich noch besser lieben? […] Nur, was kann ich für Dich tun? - lieber kann ich Dich nicht haben, denn ich liebe Dich schon so, dass es mir fast das Herz bricht.“ Solch leidenschaftliche Zeilen schrieb die amerikanische Dichterin Emily Dickinson ihrer besten Freundin Susan „Sue“ Gilbert. Schreibt so eine Frau im 19. Jahrhundert ihrer Freundin? Oder doch eher ihrer Partnerin?

Emily Dickinson starb 1886 dort, wo sie auch geboren wurde: in Amherst, Massachusetts. In ihrem nur 55-jährigen Leben schrieb sie fast 1.800 Gedichte - nur elf wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht. Hinzu kommen sicherlich tausende Briefe. Unzählige schrieb Dickinson vor allem an Gilbert, allein über 100 in den Jahren 1858 bis 1862. Zu dieser Zeit wohnten sie Tür an Tür, nachdem Gilbert Dickinsons Bruder Austin geheiratet und das Paar direkt nebenan ein Haus gebaut hatte.

Leidenschaft spricht aus den Briefen

Zumindest sind das jene Briefe, die noch erhalten sind. Vielleicht waren es auch mehr. Komplette Briefwechsel sind wenige überliefert. Viele enthalten Gedichte. Darin spiegeln sich neben Wortwitz und Eloquenz auch Sehnsucht, Leidenschaft, tiefe Liebe - sowie das schwere Leiden daran: „Wilde Nächte – Wilde Nächte! Wär ich bei dir, wilde Nächte würden unser Elixier! […] Dürft ich doch ankern – Heute Nacht – In Dir!“ Nur platonische Liebe?

 Literaturhistorikerinnen und Feministinnen haben sich schon früh mit dieser Frage beschäftigt. Eine der ersten war Rebecca Patterson mit ihrem Buch „The Riddle of Emily Dickinson“, das 1951 erschien, nachdem Briefe von Dickinson an eine andere Frau gefunden wurden, die recht deutlich auf eine Affäre schließen ließen. Allerdings wurde Pattersons Sichtweise nicht ernst genommen.

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Hinzukommt, dass die Editionsgeschichte zu Dickinson kompliziert ist. Nach ihrem Tod fand ihre Schwester Lavinia eine Truhe voller Gedichte, beauftragte Gilbert mit der Bearbeitung für eine Veröffentlichung. Doch als ihr das zu lange dauerte übergab sie die Arbeit ausgerechnet der Geliebten von Dickinsons Bruder Austin, Mabel Todd.

Ein zeitgenössisches Porträt von Emily Dickinson.
Ein zeitgenössisches Porträt von Emily Dickinson.Foto: mauritius images / Photo Vault / Alamy

Diese ordnete, editierte und veröffentlichte zusammen mit dem Schriftsteller Thomas Wentworth Higginson dann 1890 eine Auswahl der Texte. Die erste fast unbearbeitete Werkausgabe wurde erst 1955 veröffentlicht, eine deutsche Gesamtausgabe sogar erst 2015.

 Emily Dickinson wurde als einsame Einsiedlerin gesehen

So verfestigte sich das Bild der verschrobenen Dichterin, die zeitlebens zurückgezogen und einsam in ihrem Elternhaus wohnte. Während man solche Einsiedelei bei einem Mann vermutlich eher als positiv für die Entwicklung seines Werkes sehen würde, wurden die äußeren Lebensumstände von Dickinson in der Literaturwissenschaft nie in Betracht gezogen: geringere Schulbildung, ein strenger Vater, der ihr zunächst Lesen und Schreiben verbot, später die Pflege der Mutter.

Als Frau hätte sie sich wohl kaum öffentlich zu gesellschaftlichen Themen äußern oder unverheiratet ohne Einkommen woanders leben können. Mehr noch: Einige Historiker haben Dickinson als psychisch krank pathologisiert. Aber sie hatte das, was Virginia Woolf etwa 40 Jahre später für jede schreibende Frau forderte: „a room of one's own“, ein Zimmer für sich allein. 

Bis heute wird von der Literaturwissenschaft weitgehend ignoriert, dass Gilbert nach Dickinsons Tod zunächst selbst an einer Veröffentlichung arbeitete und dass Gilberts Tochter Martha Dickinson Bianchi von 1914 bis 1932 drei Bücher veröffentlichte, die unter anderem Zeugnis ablegen von der 36-jährigen Liebesbeziehung ihrer Mutter zu ihrer Tante.

 Die Liebesbriefe wurden nachträglich manipuliert

So sehen das auch die Forscher der Emily Dickinson Archives im Buch „Open me carefully“ von 1998, für das sie Dickinsons Briefe an Gilbert untersucht haben.

Es brauchte also einen „richtigen“ Beweis. Und der kam ebenfalls 1998. Mit Hilfe eines Computerprogramms wurden die Original-Briefe und -Gedichte untersucht. Es zeigte sich, dass Gilberts Name weitgehend entfernt und oftmals an dessen Stelle ein anonymer „Master“ gesetzt worden war. Todds frühe Bearbeitung war also kein Editieren, sondern vielmehr eine Manipulation des Werkes – und damit der gesamten Lebensgeschichte.

Die teils bissige Komödie „Wild Nights with Emily“ von Madeleine Olnek, die kürzlich auf Filmfestivals lief, nimmt sich diesem Fakt an und erzählt eine andere Geschichte über Dickinson: Die einer lebenslustigen, starken Frau, die es über alle Konventionen der Zeit hinweg schafft, das gewünschte Leben zu führen. Mehr noch, Gilbert und Dickinson sind durch Gilberts Hochzeit mit Austin, dem Hausbau gleich nebenan und den drei Kindern, die in beiden Haushalten aufwuchsen, eine frühe Form einer Regenbogenfamilie.

 Eine poppige AppleTV-Serie über die Dichterin

Auch die AppleTV-Serie „Dickinson“ von Alena Smith mit Hailee Steinfeld als Emily, die in einem Baz-Luhrmann-Style mit viel Popmusik und Traumsequenzen das Coming-of-Age der jungen Emily erzählt, geht in dieselbe Richtung. Smith wollte mit der Beziehung zwischen zwei jungen Frauen ein Narrativ für junge Menschen heute schaffen und fragen: Was denken sie über ihre Sexualität? Eine zweite Staffel ist schon geplant.

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Vielleicht kann ja jetzt die Doppelt- und Dreifachmarginalisierung komplett aufgehoben werden. Zu Lebzeiten als Dichterin verkannt, änderte sich immerhin das nach 1960. Als  Lesbe wird Dickinson aber immer noch nicht gesehen. Die jüngste deutsche Veröffentlichung zu ihrer Lebensgeschichte ("Ich lebe, um zu schreiben. Schriftstellerinnen porträtiert von Katharina Maier") aus dem Jahr 2017, hält immer noch das Narrativ von der großen Liebe zu einem Mann aufrecht, der als der imaginäre „Master“ aus den Gedichten interpretiert wird.

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