Wahlen in Indien : Der lange queere Weg ins indische Unterhaus

Acht Monate nach der Legalisierung von gleichgeschlechtlichem Sex kandidieren queere und trans Kandidat*innen für das Parlament in Delhi. Ein Stimmungsbild aus Mumbai.

Natalie Mayroth
Teilnehmer einer queeren Pride-Parade in Mumbai.
Teilnehmer einer queeren Pride-Parade in Mumbai.Foto: Divyakant Solanki/dpa

Ihren linken Zeigefinger ziert ein schwarzer Strich. Dafür ist Debayan Rakshit über 2000 Kilometer nach Kalkutta gereist. Am Sonntag, dem letzten Wahltag, hat sie ihre Stimme für ein neues Unterhaus des indischen Parlaments abgegeben. Vor zwanzig Jahren fand in ihrer Heimatstadt Kalkutta mit 15 Teilnehmenden die erste Pride Parade Indiens statt. Diesem Erbe fühlt sich die junge trans Frau verpflichtet.

Auf ihrer Wahlkarte, die sie vorzeigt, ist ein „M“ wie „male“ vermerkt. Lieber würde sie hier ein „F“ für „female“ sehen. „Das ist ein langer Prozess“, sagt sie, aber einer der möglich ist.

Rakshit musste Urlaub nehmen, um zu wählen, doch es war ihr ein Anliegen. Denn bei diesen Wahlen geht es um die Frage: Wird die Regierungspartei BJP erneut den Premierminister stellen? Seit dem Machtantritt des Hindunationalisten Narendra Modi lädt sich die Stimmung im Land religiös auf und entlädt sich gegen Minderheiten. Dennoch kann Rakshit auch von den positiven Seiten zäheren: Bei diesen Wahlen treten trans Frauen als offizielle Wahlbotschafter*innen, Parteisprecher*innen und Kandidat*innen in Erscheinung.

 Der erste offen schwule Mann in der Kongresspartei

Seit gut fünf Wochen zieht sich der Wahlmarathon der größten Demokratie der Welt schon hin. 900 Millionen Menschen sind wahlberechtigt. Neben 432 Millionen Frauen sind knapp 40.000 trans Menschen registriert. Acht Monate nach der Entkriminalisierung von gleichgeschlechtlichem Sex tauchen LGBTQI-Vertreter*innen im politischen Mainstream auf. So viele trans Frauen wie noch nie kandidieren auf einen Parlamentssitz.

Mit dem Aktivisten Harish Iyer schloss sich vor Kurzem der erste offen schwule Mann einer Partei an. Seine Kongresspartei ist derzeit am aktivsten, was die Rechte von sexuellen Minderheiten angeht. Seit Januar hat ihr Frauenflügel eine prominente trans Frau, die Ex-BBC-Journalistin Apsara Reddy, als Sprecherin und im diesjährigen Wahlmanifest gibt es nicht nur bei der Kommunistischen Partei ein Kapitel zu Rechten von queeren Menschen. Auch die alteingesessene Kongresspartei ist nun so weit.

Vor 20 Jahren sah das noch anders aus. Damals wurde Shabnam Mausi als erste trans Frau in ein Regionalparlament gewählt. Später versuchte sie, an der damals regierenden Kongresspartei anzudocken, ohne Erfolg. Mit der Aussage, man könne entweder Männer oder Frauen aufnehmen, wurde sie abgewiesen. Heute hat sich die Position der Partei stark verändert, doch sie ist nicht im Regierungsauftrag und es gibt in Indien noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

 Trans Menschen werden diskriminiert

„Jeden Tag spüre ich Angst, und überlege, wohin ich gehe und was ich dann trage“, sagt Rakshit, die als Texterin und Musikerin in Mumbai arbeitet. Rakshit ist androgyn und weiblich zugleich. Sie kommt zum Treffen in Stiefeletten, trägt Kajal und Jeans. Sie ist überzeugt, eine trans Person im Parlament würde einen Unterschied machen. Denn trans Menschen in Indien sind immer noch von Diskriminierung betroffen – auch wenn sie per Gesetz seit 2014 als drittes Geschlecht anerkannt sind und mit der Änderung des Paragrafen 377 „unnatürlicher Sex“ nicht mehr unter Androhung von 10 Jahren Gefängnishaft steht.

 Der Oberste Gerichtshof hob mit der Revision des Paragrafen 377 im vergangenen September ein Urteil von 2013 auf, das die zwischenzeitliche Legalisierung von homosexuellem Sex wieder rückgängig gemacht hatte. Plötzlich galt wieder britisches Kolonialrecht von 1861. Oft wurde die Gesetzeslage als Erpressungsmittel eingesetzt.

 Mumbais erste trans Kandidatin fürs indische Parlament

Gesetze aus der Kolonialzeit wirkten sich auch negativ auf trans Menschen in Indien aus. Rakshit betont, dass Hijras schon in frühen Hindu-Schriften auftauchen. Sie sollen den Hindu-Gott Rama begleitet haben. Doch während der britischen Herrschaft wurden sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Für junge Menschen wie Rakshit sind neue Vorbilder wichtig. Viele kennen Hijras, wie sich bestimmte Gruppierungen von trans Frauen in Indien und Pakistan nennen, als Sexarbeiter*innen oder Bettler*innen. Es sind Tätigkeiten, zu denen sie durch Aberglaube und Stigma gezwungen wurden und aus denen sie nur schwer herausfinden. Oft bleibt kaum eine andere Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu bestreiten.

 Das kann Sneha Kale nur bestätigen. Die 28-Jährige ist Mumbais erste trans Kandidatin fürs indische Parlament – und eine der ersten landesweit. Ihre Kandidatur sieht sie als Chance, aus Klischees auszubrechen. Neben Kale treten sechs weitere trans und ein intersex Kandidat*in an, die Hälfte wie sie ohne Partei im Rücken. Auch wenn Sneha nur geringe Chancen auf einen Sitz im Parlament hat. Sie sieht ihre Kandidatur als Signal für andere Hijras, die seit der letzten großen Wahl als „Transgender“ auf den Wahllisten stehen. „Diese Wahlkarten haben uns zu Menschen gemacht“, sagt die ältere Hijra Neeta Keene aus Mumbai.

Hindunationalisten und Armee sind wenig queerfreundlich

Auch einige Parteien haben mittlerweile trans Menschen in Parteifunktionen. Für Kale ein Erfolg. „Ich frage mich nur, warum es so lange gedauert hat“, sagt sie, die wie Neeta Keene skeptisch bleiben, wie ernst es der politische Mainstream mit ihnen meint. Kale misst die Akzeptanz gegenüber trans Menschen, daran, ob sie auch die Möglichkeit bekommen, legalen Berufen mit fairer Bezahlung nachzugehen. Wie viele andere trans Menschen in Indien wurde Kale nach ihrem Outing von ihrer Familie verstoßen. Seitdem sie politisch aktiv ist, stehen sie wieder in Kontakt.

 Die Revision von 377 ließ viele aufatmen, die an eine demokratische Gesellschaft glauben, doch die Regierungspartei hält sich bei diesem Thema bedeckt. Im letzten Jahr sagte der hochrangige BJP-Politiker Subramanian Swamy noch, dass Homosexualität „nicht normal“ sei und deshalb nicht mit der hinduistischen Ideologie seiner Partei vereinbar sei. Vonseiten der indischen Armee kamen ähnliche Aussagen. „LGBTQI-Leute unterstützen verschiedene Parteien, auch den politisch rechten Flügel”, sagt der Aktivist Harish Iyer, der zu den Antragstellern einer Revision des Paragrafen 377 gehört.

Die Kongresspartei soll einen queeren Flügel bekommen 

 Neben dem Frauenflügel möchte Iyer in der Kongresspartei nun einen queeren Flügel aufbauen. Der 39-jährige Mumbaikar sieht, wie schwierig es ist, für Rechte zu kämpfen, denn „genauso wie in der Gesellschaft, gibt es in der queeren Community Unterschiede zwischen reich und arm sowie unter den Kasten.” Durch die Pride Parade in Mumbai, die er mitorganisiert, erreiche er aber neben der Mittelklasse auch andere soziale Schichten.

Auch Debayan Rakshit ist erwartungsvoll, was sich nach den Wahlen für die LGBTQI-Community ändern wird. „Wenn sich keine der trans KandidatInnen durchsetzt, bin ich enttäuscht“, sagt die 26-Jährige. Repräsentation sei das eine, aber ohne Vertretung in Machtpositionen könne sich nicht viel ändern.

Wie Indien gewählt hat, wird am Donnerstag (23. Mai) bekannt geben.

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